Dieses Urteil kann die Sportwelt erschüttern

Das Sportgericht berät, wer in der Frauenkategorie starten darf. Die Frage ist äusserst heikel.

Caster Semenya: Verändert ihr Fall den Sport? Foto: Spencer (Getty Images)

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Es ist ein Showdown ungleicher Kontrahenten: Auf der einen Seite agiert der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF. Er vereint 213 Länder beziehungsweise Territorien. Auf der anderen Seite befindet sich eine 28-jährige Frau aus Südafrika. Caster Semenya heisst sie, holte 2012 und 2016 Olympiagold über 800 m sowie drei WM-Titel.

Im Herbst focht sie die neue IAAF-Regel im Umgang mit Intersexuellen an, weshalb in dieser Woche der Sportgerichtshof CAS in Lausanne eine der diffizilsten Fragen des Sports beantworten muss: Wann eine Frau in der Frauenkategorie starten darf.

Die Welt ist komplizierter

Das Thema treibt den institutionellen Sport seit Jahrzehnten um, weil jeder Bub und jedes Mädchen weiss: In jungen Jahren ist ein Bub einem schnellen Mädchen allenfalls (klar) unterlegen, spätestens wenn beide die Pubertät hinter sich haben, ist der Mann der Frau (normalerweise) um Meter voraus. Als Hauptgrund sehen Wissenschaftler das Sexualhormon Testosteron. Männer haben deutlich mehr davon, es hilft, dass sie im Schnitt stärker und schneller sind.

Der Sport trägt dem Rechnung, indem er weitestgehend zwei Kategorien führt und damit dem biologischen Nachteil der Frau entgegenwirkt: Er unterteilt Athleten und Athletinnen in die Kategorien Mann und Frau. Ansonsten wären Frauen im direkten Wettstreit mit Männern fast überall chancenlos. Bloss ist die Welt komplizierter, als es der Sport regelt. Denn sogenannt Intersexuelle, auch als drittes Geschlecht bezeichnet, können sowohl männliche wie weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen.

Siegen im Sport künftig mehr «freaks of nature»?

Caster Semenya zählt zu diesen Menschen. Sie hat eine Vagina, aber keine Gebärmutter, sondern Hoden, die im Bauch liegen. Diese heben ihren Testosteronlevel deutlich über den Mittelwert einer biologischen Frau – was dazu führt, dass Athletinnen wie Semenya einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil besitzen.

Für den Leichtathletik-Verband ist darum klar: Verliert er vor dem CAS, werden in bestimmten Disziplinen primär Frauen gewinnen, die wie Semenya zur Welt kamen. Für Semenya und ihre Anhänger, unter anderem ihr Land und dessen Leichtathletik-Verband, ist das primär ein Schutzargument – und würde die Vielfalt des Frauseins einschränken sowie ein fundamentales Prinzip des Sports aushebeln: dass einige Menschen genetisch nun einmal von der Natur bevorteilt werden und sich im Sport folglich oft die genetisch Aussergewöhnlichsten durchsetzen. Im Englischen existiert für solche Aussergewöhnlichen der Begriff «freak of nature».

Diese Woche bringen die Anwälte von IAAF und Semenya ihre Argumente vor, lassen einen Experten auf den anderen folgen. Der Entscheid der CAS-Juristen wird im nächsten Monat erwartet. Der Ausgang ist offen, weil die Studienlage eher dünn und teilweise strittig ist. Schliesslich handelt es sich in diesem Fall zwar um einen brisanten und bedeutenden, aber auch seltenen. Intersexuell wie Semenya sind 0,2 bis 1,6 Prozent aller Menschen, wie viele im Topsport aktiv sind, ist unbekannt.

Wie stark Medikamente bremsen, weiss Semenya

Und doch: Wohl drei intersexuelle Frauen aus Afrika laufen zurzeit 800 m – bei zweien davon ist ihr Status spekulativ. Zusammen prägen bis dominieren sie die Distanz. Als Semenya kurze Zeit ihren Testosteronspiegel via ­Medikamente deutlich senken musste, wurde sie mehrere ­Sekunden langsamer und chancenlos, internationale Rennen zu gewinnen.

Erst als die IAAF vor Gericht mangels klarer wissenschaftlicher ­Beweise die Regeln anpassen musste und Semenya auf entsprechende Medikamente wieder verzichten konnte, wurde sie erneut zur Siegläuferin.

Anhand neuerer Studien scheint unzweideutig: Inter­sexuelle, die mit einem deutlich höheren Testosteronwert als biologische Frauen in der Frauen-Kategorie starten dürfen, sind bevorteilt. Wollen sie gemäss IAAF darum künftig in dieser Kategorie international teilnehmen, darf ihr Testosteron nicht über einem bestimmten Wert liegen (5 nmol pro Liter Blut); andernfalls müssen sie diesen mit Medikamenten senken. 99 Prozent aller Frauen weisen ein Level deutlich darunter auf.

Wie sich das CAS auch immer entscheidet: Beiden, den biologischen Frauen und Intersexuellen, im Sport gerecht zu werden, scheint unmöglich.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.02.2019, 06:13 Uhr

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