«Der Unfall von Kira Grünberg belastet uns alle»

Auch der Arlesheimer Stabhochspringer Marquis Richards ist bestürzt. Von einer Helmpflicht hält er jedoch nichts. Es gäbe andere Massnahmen, um den Sport noch sicherer zu machen.

«Unser Sport verzeiht keine Fehler»: Marquis Richards in der Luft.

«Unser Sport verzeiht keine Fehler»: Marquis Richards in der Luft. Bild: Pino Covino

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BaZ: Marquis Richards, wie haben Sie reagiert, als Sie von Kira Grünbergs Unfall erfahren haben?
Marquis Richards: Ich war schockiert. Ich kenne Kira gut, traf sie in Trainingslagern und an Wettkämpfen. Es ist unglaublich, was nun geschehen ist. Sie ist eine so fröhliche, aufgestellte Person und ein Riesentalent. Nun hat sich ihre Welt in einer Sekunde um 180 Grad gedreht.

Wie wurde ihr Schicksal in der Leichtathletik-Szene aufgenommen?
Die Resonanz war riesig. Bei uns Stabhochspringern ist das besonders speziell, wir sind eine grosse Familie. Alle sind erschüttert und betroffen. Olympiasieger Renaud Lavillenie zum Beispiel hat sofort sein Bedauern ausgedrückt und Hilfe angeboten.

Vor vier Jahren sind Sie selbst bei einem Wettkampf auf dem Barfüsserplatz neben der Matte gelandet. Mussten Sie an Ihren eigenen Unfall zurückdenken?
In diesem Moment weniger. Meine Gedanken waren ganz bei Kira und ihrer Familie. Vor allem mein Umfeld aber hat mich in den letzten Tagen immer wieder auf meinen Sturz angesprochen. So etwas belastet natürlich schon. Mir wurde wieder bewusst, wie glimpflich das ausgegangen war.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie nach Grünbergs Unfall selbst wieder Anlauf in Richtung Latte und Matte nehmen mussten?
Am Donnerstag erhielt ich die Nachricht von Kiras Sturz, am Freitag konnte man dazu alles in den Medien lesen und am Samstag hatte ich bereits wieder einen Wettkampf. Ehrlich gesagt, mir war beim Einspringen nicht wohl. Der Unfall war das grosse Thema unter den Athleten, es belastet uns alle. Während dem Wettkampf ging es mir dann wieder besser. Ich mache so viele Sprünge, und noch nie ist so etwas Schlimmes passiert.

Wie kann es zu solchen Unfällen kommen – riskieren Athleten in diesen Momenten einfach zu viel?
Zu Kiras Sturz kann ich nichts sagen, da ich den genauen Unfallvorgang nicht kenne. Ich denke aber, dass ich heute einen Unfall wie jenen auf dem Barfüsserplatz verhindern könnte. Ich würde einen solchen Sprung einfach abbrechen. Da ist die Erfahrung sicher sehr entscheidend. Aber klar, ein gewisses Risiko besteht immer.

Ist Stabhochspringen also auch einfach eine sehr gefährliche Sportart?
Dieses Zusammenspiel aus Höhe und Kraft gibt es wohl in keiner anderen Disziplin. Ein Fehler ist beinahe unverzeihlich – geht etwas schief, fällst du aus 5,5 Metern nach unten. Trotzdem würde ich sagen, dass Stabhochspringen keine Risikosportart ist. Da gibt es andere wie Skispringen oder die Abfahrt der Skirennfahrer.

Sehen Sie Massnahmen, mit denen man das Risiko etwas minimieren könnte?
Es gibt nicht viel, was man tun könnte. Eine Hilfe wäre sicher, wenn die Stabanlagen genauer reglementiert wären. Im Moment trifft man an jedem Wettkampf eine andere Situation an: Die Matte ist etwas anders als im Training, der Einstichkasten hat einen anderen Winkel. Im Kunstturnen sind die Ringe oder der Balken für die Athleten immer gleich. Wäre das auch in unserer Sportart so, hätten wir Athleten viel mehr Vertrauen.

Zurzeit wird vor allem über Helme gesprochen.
Ach, das bringt doch nichts. Ein Helm hilft dann, wenn ein Athlet sich den Kopf anschlägt. Bei einem Sturz auf den Nacken bringt er aber überhaupt nichts. Trotzdem gibt der Helm machen Athleten ein sicheres Gefühl. Aber viel wichtiger ist eine gute Trainerausbildung. In Europa kommt es dank erfahrenen Trainern zu sehr wenigen Unfällen. In den USA ist das anders, dort gibt es viele unqualifizierte Coaches und entsprechend mehr Stürze. Die Amerikaner versuchten dem mit Änderungen des Einstichkastens entgegenzuwirken. Die Folge war, dass die Athleten diese Box mit dem Stab nicht mehr richtig trafen. Das hat also auch nichts gebracht.

Eine Lösung scheint sehr schwierig.
Ja schon. Aber so, wie es jetzt ist, ist es ja auch nicht schlecht. Die meisten Verletzungen, die Stabhochspringer erleiden, könnte man sich auch sonst wo zuziehen. Zum Beispiel ein Bein- oder Handbruch. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein missglückter Sprung so gravierende Folgen hat wie bei Kira, ist sehr gering. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.08.2015, 10:18 Uhr

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