Im Glücksmodus gegen das Schicksal

Aus dem Leben von Manuela Schär, die dank ihren Marathon-Triumphen zu einer der erfolgreichsten Rollstuhlsportlerinnen avanciert ist.

Manuela Schärs Blick geht Richtung WM; die Trophäe des London-Marathons erhielt sie aus den Händen von Prinz Harry.

Manuela Schärs Blick geht Richtung WM; die Trophäe des London-Marathons erhielt sie aus den Händen von Prinz Harry. Bild: Stefano Schröter

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Jetzt ist sie angebrochen, die Periode, von der Manuela Schär sagt: «Ich hasse sie.» Die Intervall-Einheiten im Training meint sie, beispielsweise 3 Serien à je zehn 30-Sekunden-Sprints, dazwischen kurze Regenerationspausen von ähnlicher Dauer. «Danach bin ich jeweils fix und fertig», sagt sie. Das Beschleunigen erfordert bei Rollstuhlfahrern enorm viel Energie – bedeutend mehr als das Fahren eines konstant hohen Tempos. Der Aufwand ist verglichen mit dem Losspurten bei Läufern viel grösser. «Solche Einheiten sind sehr schmerzhaft», sagt sie.

Das Herausfordernde hat für Rollstuhlsportler aber auch einen Vorteil: Weil nur die Oberkörper- und Armmuskulatur involviert ist, verringert sich die Erholungszeit. Das ermöglicht Zusatzeinheiten. Manuela Schär sagt: «Es gibt Tage, an denen ich zweimal intensiv belaste – um das Leiden zu üben und die Angst davor zu reduzieren.» Ihr langjähriger Coach Claudio Perret fährt bei diesen wichtigen Einheiten jeweils mit dem Velo mit und stoppt die Zeiten. Im Gegensatz zu diesen Trainings empfindet sie eine Marathon-Vorbereitung mit den längeren, aber weniger intensiven Bahn-Intervallen «mehr als Fleissarbeit».

Und dank dieser hat Schär im Frühling dominiert: Sie gewann die ­Marathons von Boston und London – mit Streckenrekorden. Als erste Frau blieb sie dabei unter 90 Minuten für die 42,195 km. Das sieht sie als verspäteten Lohn für ähnliche Trainingsinputs im letzten Sommer. Dank den Triumphen darf sie nun mit der lukrativen Gesamtwertung der World Marathon Majors liebäugeln. Neben Boston und London fliessen im Herbst und Winter Berlin, Chicago, New York und Tokio in die Wertung.

Das nächste grosse Ziel

Das nächste grosse Ziel ist aber ein anderes: die WM im Juli in London. Die 32-jährige Krienserin fühlt sich im Aufbau «voll motiviert». Noch fehlt ihr ein Titel auf der Bahn. «Zwar bin ich schneller geworden, aber die Fortschritte der Konkurrenz sind noch grösser», erklärt sie. Gegen sie spricht noch ein weiterer Faktor: Als Schweizerin ist sie Einzelkämpferin – im Gegensatz zu den starken Amerikanerinnen oder Chinesinnen, die jeweils teamintern kooperieren.

Dieser Konstellation ist sich Manuela Schär bewusst. Bei ihren ersten beiden Wettkämpfen in ­dieser Bahnsaison, bei Weltklasse in Arbon und den ParAthletics in Nottwil, «erschwerte» sie sich die Aufgabe selber. «Ich fuhr bewusst blöd – des Zwecks wegen», sagt sie. Sie nahm weite Wege über die Bahnen 2 und 3 in Kauf. Sie liess sich einklemmen. Sie wagte mutige Solovorstösse, «zum Teil gings perfekt auf, dann wieder brach ich gnadenlos ein». Sie schmunzelt. Dass ihr dennoch vielversprechende Ergebnisse glückten, unter anderem ein Europarekord über 1500 m, bestärkt sie in der Hoffnung auf einen WM-Erfolg.

Der Sport beschert Manuela Schär einzigartige Begegnungen und gewaltige Emotionen. Trotzdem wird nie in den Hintergrund treten, was sich an jenem 11. Oktober 1993 ereignete. An einer ­Geburtstagsparty löste sich das mangelhaft verankerte Gestell einer Kinderschaukel. Es stürzte ein und begrub die damals Neunjährige. Der Tag hat sich in ihrer Erinnerung festgesetzt. «Ich wusste sofort: Da ist etwas Schlimmes passiert.» Übers Kinderspital kam sie mit der Rega nach Nottwil ins Paraplegikerzentrum. Operation, sechs ­Monate weg von zu Hause, Spital, querschnittgelähmt.

Sie empfindet rückblickend Dankbarkeit, wenn sie an die hochkompetente medizinische Betreuung denkt. Oder an die Praktikantin, welche ihr die Haare flocht und regelmässig mit ihr spielte. Manuela Schär war ihrer jungen Jahre wegen ein besonders tragischer Fall. Das Zurück in den Alltag stellte eine riesige Herausforderung dar. Vorerst sah sie «überall Hindernisse».

Gefordert waren sie, ihre Familie, ihr Umfeld. Und sie ­lernte auch das Ausgeschlos­s­ensein, Nicht-für-voll-genommen-Werden und die Diskriminierung ­kennen. Doch das quirlige Mädchen schaffte Ausserordentliches: Es kehrte in seine frühere Klasse zurück, schloss die Sek ab, besuchte das 10. Schuljahr in der Romandie, machte eine KV-Lehre; es folgten Sprachaufenthalte in Spanien, Mexiko und den USA.

Zehn Jahre nach dem Unfall die erste Paralympics-Medaille

Der Sport erlangte in der Rehabilitation schnell einen entscheidenden Stellenwert. «Man nahm mich an der Hand und führte mich spielerisch ein in den Umgang mit dem Rennrollstuhl», sagt Manuela Schär. Und sie entdeckte die Faszination des Wettkampfs. Talent, Ehrgeiz und Begeisterung ermöglichten einen raschen Aufstieg. 2004 gewann sie als 19-Jährige ihre erste Paralympics-Medaille.

Vor fünf Jahren begann sie «dem Sport alles unterzuordnen», das Niveau war ­gewaltig gestiegen – sie zog mit. Dank der Marathon-Erfolge steht sie mittlerweile auch finanziell auf stabilem Fundament. Als kaufmännische Angestellte arbeitet sie 20 Prozent bei der ­Paraplegiker-Vereinigung. Betrachtet sie das Erreichte, sagt sie nicht ohne Stolz: «Ich kann ein selbstständiges, abwechslungsreiches ­Leben führen.» Das drängt Belastendes in den Hintergrund. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.06.2017, 09:32 Uhr

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