Vorsicht vor dem angeschossenen Hamilton

Ferrari-Pilot Vettel startet heute (16.10 Uhr) als WM-Leader zum GP von Frankreich – das stachelt den Glamourfahrer an.

Lewis Hamilton liegt in der WM einen Punkt hinter Vettel zurück – doch der Brite ist entspannt. Weil er an sich glaubt, an sein Team, und weil er heute aus der Poleposition startet.

Lewis Hamilton liegt in der WM einen Punkt hinter Vettel zurück – doch der Brite ist entspannt. Weil er an sich glaubt, an sein Team, und weil er heute aus der Poleposition startet. Bild: Keystone

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Verlieren ist nicht die Stärke von Mercedes. Wie sollte sie das auch sein? Längst hatten die Deutschen vergessen, wie es ist, nicht permanent zuoberst zu stehen auf dem Podest und mit einem breiten Lachen den Champagner über die Konkurrenz zu ergiessen.

Doch nun ist es der Dauersieger der letzten vier Jahre, der gerade ziemlich nass gemacht wird. Vor zwei Wochen war Montreal, Hochgeschwindigkeitspiste, Wohlfühloase für den vor Kraft strotzenden Silberpfeil. Dachten sie. Es wurde ein Desaster. Valtteri Bottas: Zweiter. Lewis Hamilton: Fünfter. Der Brite fiel in der WM hinter Sebastian Vettel zurück. Auch wenn es nur ein Punkt ist, der ihn vom Deutschen trennt, so reicht das doch, um das Blut der Verantwortlichen mächtig in Wallung zu bringen.

Also polterte Toto Wolff, der Motorsportchef, erst einmal drauflos. Ein «Scheissresultat» sei das, schleuderte er in die Fernsehkamera. «Wir müssen aufwachen. Wir fallen überall zurück. Ich bin alles andere als zuversichtlich. Wir müssen Konsequenzen ziehen.» Was er damit meinte, sagte der Wiener nicht. Klar ist nur: Diese Schmach lässt Mercedes nicht auf sich sitzen.

Niki Lauda überrascht: «Ferrari hat uns einfach überholt»

Die 1500 Angestellten in den Werken von Brackley und Brixworth haben sich vor der Umstellung auf die Hybridmotoren 2014 nicht einen solchen Vorsprung erarbeitet, um sich nun einfach so ein- und überholen zu lassen. Sie wollen zurückschlagen – und das gleich.

Mit dem stärkeren Motor, der bereits in Montreal hätte zum Einsatz kommen sollen, nun aber in Le Castellet seine Premiere hat, wird die Hoffnung bei Mercedes vor allem genährt. «Der wird uns helfen», sagt Niki Lauda, Aufsichtsratsvorsitzender des Teams. «Aber wir müssen auch unser Auto auf Vordermann bringen. Ferrari hat bisher einen wesentlich besseren Job gemacht. Ferrari hat uns einfach überholt.»

Von den kleinen Panikattacken seiner Chefs hält Lewis Hamilton nicht allzu viel. Zu sehr ist er überzeugt von sich, zu unwirklich scheint ihm, dass ihn tatsächlich einer ablösen könnte als Weltmeister.

Entspannt wie immer, Bling-Bling wie immer

So sitzt er in Frankreich gelassen wie immer auf seinem Stuhl bei Mercedes, Silberkettchen um den Hals, glitzernde Stecker im Ohr, goldene Reifen am rechten Arm, funkelnde Uhr am linken. «Wir haben das beste Team. Wir sind die erfolgreichste Mannschaft dieser Ära. Ich habe volles Vertrauen in meine Jungs.» Und Wolffs sorgenschwangere Worte? «Das lasse ich nicht an mich heran. Das wäre ein Zeichen der Schwäche, aber ich bin nicht schwach. Sobald du denkst, du könntest verlieren, hast du schon verloren. Ich frage mich nur: Wie kann ich die anderen schlagen? Wie kann ich noch besser werden? So bin ich, bis ich sterbe.»

Es braucht schon mehr als einen Punkt Rückstand in der WM, um etwas am Selbstvertrauen des vierfachen Weltmeisters zu kratzen. Der 33-Jährige sagt: «Ich hätte in Kanada auch ausfallen können.» Alles halb so wild also. Gestern hat Hamilton mit seiner 75. Poleposition gezeigt, was es bedeutet, wenn er und sein Rennstall angeschossen sind – verwundet sind sie noch gefährlicher. Weil sie es perfekt verstehen, vermeintliche Unruhe in Motivation zu kehren, weil sie Niederlagen zum Anlass nehmen, besser zu werden, weil sie Fehler offen ansprechen.

In der Ruhe liegt die Kraft für Ferrari

Es ist das, was Ferrari lange vermissen liess. Da wurde gezetert und gemotzt, entlassen und gedroht, Präsident Sergio Marchionne zog öffentlich über Angestellte her. Und jetzt? Herrscht Stille. Das scheint jedem gutzutun in der zuletzt angeschlagenen Scuderia. Mit dem Erfolg kommt die Ruhe. Mit der Ruhe der Erfolg.

Selbst Vettel, der den Funk regelmässig dazu missbrauchte, seinen Unmut über jeden und alles kundzutun, der auch schon mal den Rennleiter mit dem englischen F-Wort zudeckte, der das Auto von Hamilton in Baku 2017 heftig von der Seite anrempelte, weil ihm gerade danach war, ist in diesen Tagen der Inbegriff von Gelassenheit. Was soll er sich auch aufregen? Es läuft ja ziemlich rund.

Vettel, auch er vierfacher Weltmeister, sagt: «Der Wirbel danach lohnt sich oft nicht. Der ist meist anstrengender, als es der eigentliche Ärger und Frust sind. Ich bin lange genug dabei und lasse mich nicht mehr von Kleinigkeiten ablenken. Ich habe einfach Spass an meinem Job und versuche, diesen so gut zu erledigen, wie ich kann.»

Er ist in kurzen Hosen zur Pressekonferenz in Le Castellet gekommen, weisse Socken, weisse Turnschuhe. Locker, ungezwungen, wie er das derzeit selber ist. Vettel hat gelernt, dass er die Energie besser einsetzen kann als in Schimpftiraden. Erst recht jetzt: Frankreich ist der Auftakt zu einer nie dagewesenen Rennflut in der Formel 1, Österreich und Grossbritannien folgen an den nächsten zwei Wochenenden. Es ist ein dreifacher Sprint mitten in einem Marathon, der im November in Abu Dhabi nach der Rekordzahl von 21 Rennen endet.

Es wartet ein langer und zehrender Weg auf den 30-jährigen Deutschen, er weiss das. Mit einem Gegner, der verwundet ist. Und deshalb besonders gefährlich. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2018, 11:57 Uhr

Leclerc sorgt für ein kleines Wunder

Die Finger des Chefs tanzten auf dem Tisch, Frédéric Vasseur kriegte das Lachen nicht mehr aus dem Gesicht. Und am Funk jubelte sein Fahrer: «Juhu! Wow! Yes!» Er hatte nicht gerade einen Grand Prix gewonnen, dieser Charles Leclerc. Aber der Ferrari-Junior, der schon im nächsten Jahr Kimi Räikkönen bei der Scuderia ablösen soll, hat im Sauber C37 wieder einmal bewiesen, was für ein riesiges Talent er ist. Da redete der 20-jährige Formel- 1-Neuling aus Monaco vor dem ersten Grand Prix in Frankreich seit 10 Jahren davon, dass man nicht in jedem Rennen Punkte erwarten könne, nur weil er es in drei der letzten vier Grands Prix in die Top 10 geschafft habe. So weit seien sie noch nicht bei Sauber. Und dann kommt der Samstag, das Qualifying. Und es kommt das: Leclerc, dieser unscheinbare junge Mann mit Wuschelkopf und verträumten Augen, schafft den Einzug in den dritten Teil der Zeitenjagd, wo die besten zehn um die Poleposition kämpfen. Deshalb der Jubel, die tanzenden Finger des Chefs. Und es kommt noch besser: Weil Romain Grosjean seinen Haas in eine Mauer setzt und Leclerc schneller ist als dessen Teamkollege Kevin Magnussen, startet er heute um 16.10 Uhr als Achter zum Grand Prix von Frankreich. Letztmals tat das für das Schweizer Team Felipe Nasr 2015 in Spielberg – weil Daniil Kwjat vor ihm zurückversetzt worden war. (rha)

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