Geschlechterkampf auf Ski? Frauen und Männer im Speedcheck

Gleicher Hang, gleicher Kurs: Lindsey Vonn würde gerne gegen Feuz und Co. antreten. Wie der direkte Vergleich ausgehen könnte.

Fährt US-Skistar Lindsey Vonn (links) bald gegen den Schweizer Beat Feuz? Der Internationale Skiverband entscheidet im Mai. Bilder: Keystone

Fährt US-Skistar Lindsey Vonn (links) bald gegen den Schweizer Beat Feuz? Der Internationale Skiverband entscheidet im Mai. Bilder: Keystone

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Es ist eine Frage, welche die Gemüter erhitzt: Können Frauen sportlich mit Männern Schritt halten? Wäre ein gemeinsamer Wettkampf auf professioneller Ebene in allen Sportarten fair? Und ist ein Vergleich überhaupt möglich?

US-Skistar Lindsey Vonn, die heute Nacht die Olympia-Abfahrt bestritt, macht jedenfalls schon seit Jahren keinen Hehl daraus, dass sie sich gerne einmal direkt mit der männlichen Konkurrenz messen möchte. Im Herbst vergangenen Jahres reichte der amerikanische Ski- und Snowboardverband in Vonns Namen eine entsprechende Petition beim internationalen Skiverband FIS ein. Dieser erlaubt keine gemischtgeschlechtlichen Wettbewerbe – abgesehen vom Team-Event, der in Pyeongchang erstmals olympisch ist. Aber auch dort treten Männer gegen Männer, Frauen gegen Frauen an.

«Ich will sehen, wozu ich in der Lage bin und wo ich im Vergleich mit den Besten stehe.»Lindsey Vonn, erfolgreichste Weltcup-Fahrerin der Geschichte

Die FIS wird die Petition im Mai behandeln, mit unklarem Ausgang. Der Widerstand seitens anderer Fahrerinnen ist gross. «Lindsey will nur Aufmerksamkeit», sagte ihre Teamkollegin Mikaela Shiffrin Anfang Saison, «der Geschlechterkampf ist in den USA derzeit ein riesiges Thema – da will Lindsey die Gunst der Stunde nutzen.» Auchs Vonns Konkurrentinnen Tina Weirather und Anna Veith sprachen von einer PR-Aktion.

Doch was würde passieren, wenn Frauen und Männer tatsächlich gegeneinander Ski fahren würden? Für einen Vergleich haben die Datenspezialisten von «Five Thirty Eight» die Durchschnittsgeschwindigkeiten von olympischen Skiwettkämpfen seit 1948 ausgewertet.

Die Visualisierung von «Five Thirty Eight» zeigt, dass die Männer in der Abfahrt fast durchgehend schneller unterwegs sind als die Frauen. Eine Ausnahme ist das Jahr 2010 in Vancouver, als Lindsey Vonn mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 101,5 Kilometern pro Stunde (gut 28 Meter pro Sekunde) gewann. Der Schweizer Olympiasieger Didier Defago war bei seinem Sieg im Schnitt 3,7 km/h langsamer.

Vonn schneller als Defago: Wie ist das möglich? Verschiedene Faktoren dürften eine Rolle gespielt haben. Die Piste der Männerabfahrt in Vancouver präsentierte sich wegen warmer Temperaturen und Regens uneben und war entsprechend schwer zu befahren. Einen grossen Einfluss hatte sicher auch die Kurssetzung. Denn Frauen und Männer fuhren in Vancouver – wie meistens – nicht die gleiche Strecke runter.

In der Abfahrt, wo Geschwindigkeit mehr zählt als in den anderen Disziplinen, mag sich das weniger stark auswirken. Im Super-G, Riesenslalom und vor allem im Slalom hängt die Durchschnittsgeschwindigkeit aber fundamental von der Kurssetzung des Laufs ab. Und so waren die Frauen in mehr als der Hälfte der analysierten olympischen Slalomrennen schneller unterwegs als die Männer.

Der Vergleich hinkt also, weil die erreichte Geschwindigkeit von der Platzierung der Torstangen und der Art der Strecke abhängt. Die Rennen der Männer haben zwar üblicherweise nicht mehr Gefälle als diejenigen der Frauen, sind aber länger. Und je länger ein Lauf, desto höher die Durchschnittsgeschwindigkeit, wie «Five Thirty Eight» berechnet hat.

Um die Leistung der beiden Geschlechter im Skifahren wirklich vergleichen zu können, müssten Frauen und Männer bei denselben Bedingungen auf der identischen Strecke fahren – genau das, was Lindsey Vonn so gerne einmal ausprobieren möchte.

Ob sie je die Möglichkeit dazu bekommt, ist ungewiss. Auch in vielen anderen olympischen Wintersportarten können sich die Frauen nicht unter den gleichen Bedingungen messen wie ihre männlichen Kollegen. So sind beispielsweise Langlauf- und Biathlonstrecken fast immer signifikant kürzer. Das Gleiche gilt für Eisschnelllauf, wo das längste Rennen der Männer doppelt so lang ist wie dasjenige der Frauen.



Zudem mussten Frauen in etlichen Sportarten lange warten, bis sie an gleich vielen Wettbewerben teilnehmen konnten wie die Männer. Im Eisschnelllauf war es 1988 erstmals so weit. Im Eishockey dauerte es bis 1998, im Langlauf bis 2010 und im Bob sogar bis zu den letzten Spielen in Sotschi vor vier Jahren, wie der «Guardian» aufgezeigt hat.

Im Skispringen ist die Gleichberechtigung noch immer nicht erreicht. Die Frauen starten in Pyeongchang nur von der Normalschanze, während die Männer zusätzlich die Grossschanze sowie den Team-Event haben. Die Nordische Kombination (Langlauf + Skispringen) gibt es nicht einmal für Frauen.

Seit 94 Jahren werden die Olympischen Winterspiele ausgetragen, und Frauen sind immer noch in der Minderheit. In Pyeongchang machen sie 43 Prozent aller teilnehmenden Athleten aus. So hoch war ihr Anteil noch nie. Über die Jahre ist er kontinuierlich gestiegen, von nur 11,5 Prozent im Jahr 1948 auf über 21 Prozent 1988 und die aktuellen 43 Prozent.

Am stärksten wuchs der Anteil in den 90er-Jahren, nachdem das Olympische Komitee IOC 1991 entschieden hatte, dass alle neuen Sportarten an Olympia Frauenwettbewerbe anbieten müssen. Für bereits existierende Disziplinen galt die Regel aber nicht.

Auch 2018 ist die Gleichberechtigung bei Olympischen Winterspielen also noch nicht erreicht – obwohl sie als Ziel in der Agenda 2020 des IOC definiert ist.

Irgendwann dürften die Zahlen der teilnehmenden Athletinnen und Athleten ausgeglichen sein, vielleicht schon bei den nächsten Spielen 2022. Gemischte olympische Wettbewerbe sind unwahrscheinlich – aber das will Lindsey Vonn ja auch gar nicht. Sie wäre schon mit einem einzelnen Rennen zufrieden. In Lake Louise soll es stattfinden, auch «Lake Lindsey» genannt. Vonn hat dort 18 Siege herausgefahren.

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«Ich weiss, dass ich nicht gewinnen werde», sagt Vonn. Aber wenigstens wolle sie die Chance haben, es zu probieren. Sie werde wahrscheinlich mittelmässig abschneiden. «Die Männer sind so viel kräftiger als wir. Die Frauen haben dafür mehr Finesse», erklärte Vonn gegenüber CNN und bediente sich dabei der gängigen Klischees.

Diese sind wohl auch der Grund für die Ablehnung, die Vonns Vorhaben entgegenschlägt. Viele im Skizirkus halten nichts von einem Vergleich zwischen Frauen und Männern. «Für mich spielt es keine Rolle, ob ein Geschlecht schneller oder langsamer ist. Es handelt sich nicht um eine gute Idee, nur weil eine Fahrerin Interesse daran hat», sagte Atle Skaardal der «Denver Post», sichtlich genervt ob der Diskussionen. Der frühere norwegische Abfahrer und heutige Direktor des Frauenweltcups bezeichnet einen Vergleich als «sinnlos». Vielleicht arrangiere man dereinst ein Rennen, bei dem sich eine Frau mit Männern messen könne, meint Skaardal, «aber nur als Show, nicht als echter Wettkampf».

Lindsey Vonn wäre damit schon zufrieden. Und es ist gut vorstellbar, dass ein gemischtes Rennen die Zuschauer in Massen vor den TV-Bildschirm locken würde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 20:53 Uhr

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