32 Jahre ohne Sieg – Frankreich drückt wieder

Nicht nur am heutigen Nationalfeiertag sollen die eigenen Fahrer an der Spitze sein. Die Grande Nation möchte wieder einen Tour-Sieg und hofft auf Romain Bardet.

Alles geben bis zum letzten Moment: Romain Bardet unterwegs zum Sieg.

Chris Graythen (Getty)

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Ob sich Romain Bardet schon einmal im Bankdrücken versucht hat? Kaum. Genau diese Schülterchen sollen nun die Erwartungen und Hoffnungen einer ganzen Nation tragen. Nicht die irgendeiner. Sondern jene Frankreichs.

Vielleicht ist Bardet tatsächlich derjenige, der das Land aus seinem Schneewittchenschlaf aufwecken kann. 32 Jahre wartet die Grande Nation mittlerweile auf ihren nächsten Tour-Sieger. Mehrere Generationen von Radprofis sind an den Erwartungen gescheitert.

Vielleicht braucht es da so einen atypischen Radfahrer wie Bardet. Einer, der so wenig mit der Vorstellung gemein hat, die man von einem Athleten hat. Mit seiner bleichen Haut, mit dem dünnen Körperchen, mit dem leeren Blick, der von den Augen herrührt, deren Achsen nicht ganz parallel verlaufen. Dazu mit seiner Bildung: Bardet hat 2016 einen Master in Management gemacht. Der 26-Jährige gilt als Intellektueller im Peloton, der kluge Bücher mit zu den Rennen bringt – und richtig gut Englisch spricht. Als Franzose!

«Yes!», schreit er darum gestern Abend, als er das Ziel in Peyragudes erreicht hat. Als Erster ist Bardet angekommen, als Etappensieger. Zum dritten Mal in seiner Karriere. Aber zum ersten Mal im direkten Duell mit den Besten.

32 Jahre lang nichts

Vielleicht braucht es genau das: einen Franzosen, der mit «Yes!» statt «Oui!» jubelt und studiert hat, der die Dinge eben anders macht als die anderen. Der sich vor allem nicht dafür interessiert, wie es die anderen machen. Und machten. Das fällt der Generation, der Bardet angehört, leichter als den vorangegangenen. Der Junge mit Jahrgang 1990 ist noch nicht einmal geplant, als letztmals ein Franzose die Tour de France gewinnt. 1985 war das, Bernard Hinault gelang der Sieg, es war sein Fünfter.

Danach: Nichts. 32 Jahre lang, bis heute. Und Hinault, er wurde zum lebendigen Mahnmal für diese immerzu wachsende Lücke. Direkt nach seinem Rücktritt Ende 1986 begann er für die Tour-Organisation ASO zu arbeiten, verantwortete seither die täglichen Siegerehrungen. Hinault schüttelte jedem Etappensieger die Hand, schaute Tag für Tag dem Tour-Leader in die Augen. Vor einem Jahr verabschiedete sich Hinault aber in den Ruhestand. Gut möglich, dass er Bardets Sieg gestern zu Hause in der Bretagne mitverfolgte.

Das Mahnmal Hinault ist also nicht mehr präsent. Musste es so sein, damit es Platz gibt für einen neuen Sieger? In den vergangenen drei Jahrzehnten glaubte Frankreich schon oft, Hinaults Nachfolger gefunden zu haben. Aber keiner setzte sich durch. Stattdessen suchten die französischen Radprofis andere, erreichbarere Ziele. Etwa das Bergpreistrikot, das sie in derselben Zeit 14 Mal holten. Keine andere Nation gewann es öfter. Die Hälfte der «Maillot à Pois» ging an Richard Virenque, der 1996 und 97 zwar auf dem Tour-Podest gestanden war, nach seiner Verwicklung in den Festina-Skandal aber vom Gesamtklassement Abstand nahm.

Der Einfluss des Festina-Skandals

Der Festina-Skandal hatte in Frankreich einen stärkeren Einfluss als anderswo, sie wollten es nun besonders korrekt machen und verloren dadurch etwas den Anschluss. Nicht bezüglich Doping, sondern in der Evolution des Radsports ganz generell. Ein einheimischer Etappensieger an der Tour wurde plötzlich gefeiert wie ein Held – mehr war nicht drin. Der Tiefpunkt im Gesamtklassement erreichten die Franzosen 2007, als Stéphane Goubert ihr bestklassierter war: auf Rang 26.

Frankreich erfreute sich stattdessen an Fahrern wie Sylvain Chavanel, Thomas Voeckler, Pierrick Fédrigo oder Sandy Casar, die mit ihrem Panache, also ihrer leidenschaftlichen Fahrweise, die Nation verzückten.

Es war dann ausgerechnet der stets etwas clownesk wirkende Voeckler, der die alte Sehnsucht nach dem Maillot Jaune wiedererweckte, in der Bevölkerung wie unter den Fahrern. 2011 war er der geduldete Stellvertreter der Favoriten, der während zehn Tagen in Gelb durchs Land fahren durfte. In Paris kam er immer noch als Vierter an. Das war die Initialzündung für den Prozess, der bis heute läuft. Neue Namen sagten sich: Wenn der das kann, können wir das auch.

2014 waren Jean-Christophe Péraud und Thibaut Pinot bereit, als sich ihnen die Chance erbot: Sie winkten in Paris vom Podest, auch wenn Sieger Nibali sie um 10 Minuten distanziert hatte.

Würde Pinot also der Nächste sein? Der Schluss schien nur logisch, schliesslich hatte er bereits 2012, mit 22, eine Tour-Etappe gewonnen. Schliesslich repräsentierte er mit seiner Physis, kombiniert mit seinem guten Aussehen, den Athleten, mit dem das ganze Land künftig Juli für Juli mitfiebern würde. Doch Pinot scheiterte genau daran, an diesem Erwartungsdruck. Dazu wirkte sich immer schwerer aus, dass er zwar bergauf brillant, bergab dagegen ängstlich agierte. Im Mai bestritt er den Giro d’Italia. Fern der Heimat war der Druck weg, Pinot fuhr konstant, verpasste das Podest nur knapp. An der Tour fährt er nun hinterher, weitab der Besten.

«Davon träumen, daran glauben»

So fiebert das ganze Land mit Romain Bardet, diesem Männchen von einem Rennfahrer, diesem Antihelden, der aber mutiger fährt als ganze Generationen vor ihm. «Wir müssen davon träumen, aber auch daran glauben, im Kollektiv», so hatte Vincent Lavenu, Bardets Teamchef bei AG2R, seine Fahrer vor der siegreichen Etappe eingeschworen.

Und was, wenn sie sich alle getrauen, an den grossen Traum zu glauben, bis nach Paris? Vielleicht sprechen die Franzosen dann nächstes Jahr plötzlich von einer anderen Serie der Sieglosigkeit. An ihrem 14. Juli will es nämlich auch nicht so richtig klappen, da warten sie auch schon 14 Jahre auf ihren nächsten Sieg. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.07.2017, 12:32 Uhr

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