Radsport

In Adiletten zur Beerdigung

Eine neue Biografie zeichnet ein schlimmes Bild des gefallenen Radstars Lance Armstrong: Schon in jungen Jahren war er ein Tyrann. Seinen Dopingmissbrauch soll er mit abhörsicheren Telefonen verschleiert haben.

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Lance Armstrong war einer der besten Radsportler der Welt. Nach seinem Dopinggeständnis gilt der Amerikaner, der bei allen sieben Tour-de-France-Titeln gedopt war, heute jedoch vielmehr als grösster Lügner. Die Titel in der «härtesten Radtour der Welt» sind Armstrong längst aberkannt worden, und seit dem 15. September läuft ein Schiedsgerichtsverfahren. Dabei geht es um riesige Geldbeträge, die der 43-Jährige möglicherweise bezahlen muss – der Streitwert summiert sich auf umgerechnet mehr als 130 Millionen Franken.

Im Kern des jüngsten Verfahrens dreht sich alles um eine entscheidende Frage: Wurde die staatseigene Post als Sponsor mutwillig getäuscht, als sie Ende der 90er-Jahre mit Steuermillionen Armstrongs US-Postal-Team mitfinanzierte, in dem nachweislich mittels Dopingsubstanzen systematisch betrogen wurde? Der Streitwert ist, aufgrund der besonderen amerikanischen Gesetze, gewaltig.

Attacken von allen Seiten

Mitten in diesem Verfahren erscheint eine neue Biografie über Armstrong auf Deutsch. In «Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog» beschreibt Juliet Macur, Journalistin der «New York Times», die (un-)menschliche Seite des Texaners. Schon in der Highschool soll Armstrong Mitschüler gemobbt haben. «Er suchte sich Leute aus, die verletzlich waren, und die schikanierte er Tag für Tag», berichten ehemalige Klassenkameraden. Und die Ehefrau von Armstrongs langjährigem Mentor und Trainer J. T. Neal erzählte: «Lance behandelt Menschen wie Bananen, nimmt sich, was er braucht, und wirft die Schale dann einfach auf die Strasse.» An die Beerdigung von Neal 2002 soll Armstrong in Adiletten erschienen sein.

Angeblich arbeitet Armstrong nun an einem eigenen Buch. Möglicherweise, um seinem verheerenden Bild in der Öffentlichkeit entgegenzuwirken. Oder, wie Spötter meinen, weil er den Erlös bitter nötig haben wird.

Angst vor Herzinfarkt

«Das ist scheisse. Die anderen dopen, und wir gucken in die Röhre», soll Armstrong 1995 geflucht haben. Und beginnt dann mit seinem damaligen Motorola-Team ebenfalls mit Doping, insbesondere mit EPO. EPO erhöht die Anzahl der roten Blutkörperchen und somit die Ausdauer, verdickt aber das Blut, was das Herzinfarktrisiko steigert. Einige Fahrer stehen sogar nachts auf, um dem mit Gymnastik vorzubeugen.

Auch nach seiner Krebserkrankung, die im Oktober 1996 diagnostiziert wird, dopt Armstrong weiter, berichtet Biografin Macur. Einzig auf Wachstumshormone verzichtet er – aufgrund seiner Vermutung, diese liessen den Krebs zu sehr wuchern. Finanziert wird das Doping unter anderem damit, dass vom Sponsor gestellte Fahrräder verkauft werden. 60 Räder bringen insgesamt 180'000 Dollar.

Paranoide Vertuschung

Im Hause der Armstrongs wird das EPO im Kühlschrank aufbewahrt. Frau Kirstin verrät Jonathan Vaughters, Armstrongs damaligem Teamkollegen bei US-Postal: «Das Codewort ist Butter. Zum Beispiel: ‹Hast du noch Butter im Kühlschrank?›» Nach der Scheidung 2004 muss sie ein Schweigegelübde unterschreiben.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, schafft sich das Team abhörsichere Telefone an, «Edgar Allan Poe» wird zum neuen Codewort für EPO. Dazu werden Einstichstellen am Arm mit Make-up überdeckt, in Hotels Klimaanlagen und Rauchmelder zugeklebt – aus Angst vor Kameras.

Süchtig nach dem Sieg

Eigentlich eine Anekdote, im Nachhinein eine deutliche Aussage über Armstrongs Charakter: 1998, nach seiner Rückkehr nach der Krebserkrankung, fährt der Radstar als Gast bei einem Kinderrennen im Bundesstaat Oregon mit. Das Rennen erstreckte sich über wenige Hundert Meter. Kurz vor der Ziellinie schliesst der damals 27-Jährige zum führenden, um sein Leben strampelnden Jungen auf – und lässt den 10-Jährigen das Nachsehen haben, damit er als Erster durchs Ziel fahren kann.

In dem aktuell laufenden Verfahren gegen den siegesbesessenen Dopingsünder könnte es Armstrong nun so ergehen wie dem strampelnden Zehnjährigen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.10.2014, 15:32 Uhr

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