Krämpfe zerstörten Cancellaras Träume

Der Schweizer Fabian Cancellara konnte bei der WM von Ponferrada die gute Vorarbeit seiner Helfer nicht ausnützen. Er wurde 11.

Fabian Cancellara (Mitte) war gut unterwegs, aber am Ende nicht mehr vorne mit dabei. Foto: Keystone

Fabian Cancellara (Mitte) war gut unterwegs, aber am Ende nicht mehr vorne mit dabei. Foto: Keystone

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Das kleine Team hielt sich genau an den Plan. Die beiden Helfer Michael Albasini und Danilo Wyss machten alles richtig, um ihren Chef Fabian Cancellara, der zu den grossen Favoriten gehörte, im Kampf gegen die zahlenmässig über­legenen Neunerteams der grossen Nationen in die bestmögliche Ausgangslage zu bringen. Der Berner war gut positioniert und hatte keine Kräfte verpufft, als im langen ersten Aufstieg der letzten Runde das Finale begann. Doch zur Umsetzung des perfekten Drehbuchs fehlte das Wichtigste: der finale Angriff, der die Gegner zu Verlierern macht.

Den zeigte der Pole Michal Kwiatkowski in der technisch schwierigen Abfahrt zwischen den beiden letzten Anstiegen – ein Szenario, das man sich auch für Cancellara hätte vorstellen können und das Tour-de-France-Sieger Vincenzo ­Nibali ebenso in seinem Kopf hatte.

Einfach ratlos

Damit sich Träume erfüllen und taktische Schachzüge gelingen, braucht es Beine, die dazu passen. Versagen diese den Dienst, bleibt alles andere graue Theorie. Als Cancellara hätte angreifen oder auch nur mit den Besten mitfahren sollen, spürte er Krämpfe. Er musste nicht nur den späteren Weltmeister ziehen lassen, auch mit der hochkarätigen Sechsergruppe, die diesem nachjagte, hielt er nicht mit. Ihm blieb der Sprint um den achten Platz, in dem er sich gegen die Spezialisten auch diesmal beachtlich schlug: Nur die Seriensieger Alexander Kristoff, John Degenkolb und Nacer Bouhanni schlugen ihn, andere Spezialisten wie Ben Swift, Sonny Colbrelli und Michael Matthews blieben hinter ihm. Ein Trost war das nicht.

Auch eine halbe Stunde nach der Zieldurchfahrt war Cancellara ratlos. «Ich habe nach Fehlern gesucht», sagte er, «und ich habe noch immer keine Antwort gefunden. Die Vorbereitung war gut, ich habe auf viel verzichtet, um ­bereit zu sein, es lief alles wie erwartet. ­Danilo blieb immer bei mir, ­Michi tat mehr, als er tun musste, ich habe gut gegessen und gut getrunken, ich blieb ­ruhig und geduldig und war im ­Finale nicht schlecht positioniert.» ­Natürlich, so fügte er an, sei Regen für seine ­Muskulatur nicht unbedingt das Beste gewesen, natürlich habe er sich sofort besser gefühlt, als dazwischen auch einmal die Sonne schien und es warm wurde; als Grund für die Krämpfe wollte er die Witterung ­allerdings nicht gelten lassen.

Und das kleine Team? Natürlich sei es in der letzten Runde besonders schwierig gewesen, weil die grossen Teams noch viele Fahrer dabei hatten und das Tempo deshalb während des ganzen Aufstiegs hochgehalten werden konnte. «Wenn mit 35 hinaufgefahren wird, kann man nicht angreifen. Doch das war nun einmal so, und damit mussten wir zurechtkommen. Wir machten alles richtig – so wie die Polen. Für sie ging es auf, es hätte auch bei uns passieren können . . .»

Albasinis vergebliche Form

Michael Albasini hätte mehr Grund gehabt, die Tatsache zu beklagen, dass die Schweiz nicht mit mindestens sechs Fahrern am Start stehen konnte. Dann wäre er die «zweite Spitze» gewesen und hätte im Finale wohl seine eigene Chance wahrnehmen können. Bei den World-Tour-Rennen in Kanada hatte er die beiden Siege seines Orica-Teamkollegen ­Simon Gerrans vorbereitet, bei der Rundfahrt der Valle Varesini die ganze italienische Elite geschlagen. «Die Beine hatte ich», sagte er, «aber mit wäre und hätte kommen wir nicht weiter. Ich hatte meine Aufgabe und die habe ich erfüllt.»

Als die Italiener das Rennen mit einem Angriff Viscontis 70 km vor dem Ziel lancierten, griff der Thurgauer ein. Während zweier Runden fuhr er in einer zwölfköpfigen Spitzengruppe mit. Und als sie eingeholt wurde, spannte er sich mit den Spaniern vor das Feld, um die nächsten Ausreisser zu stellen.

Das Finale und die Ferien

Albasini beendete das Rennen mit über fünf Minuten Rückstand als 66. Statt ­einer verpassten Chance nachzutrauern, denkt er an den nächsten Sonntag, wenn die World-Tour-Saison mit der Lombardeirundfahrt abgeschlossen wird. «Ich wäre blöd, wenn ich nicht versuchen würde, die gute Form auszunützen», sagt er, «auch wenn die Steigungen dort etwas länger sind.» Für Cancellara ist das Rennen kein Thema: «Jetzt fahre ich in die Ferien.»Martin Born

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2014, 00:39 Uhr

Kommentar

Der Vergleich mit Federer

Der Respekt vor Fabian Cancellara war gross gewesen. Bei den Gegnern und in den Medien. Wie schon vor einem Jahr. Sein Name fehlte in keiner Prognose. Seit seinen oft wiederholten Erfolgen in den Klassikern des Frühlings gilt er als Fahrer, der wie kein anderer auf ein Ziel fokussieren kann. Was er im Kopf hat, so heisst es, zieht er auch durch.
Seit fünf Jahren träumt Cancellara ­davon, seine Karriere mit dem WM-Titel zu krönen. Seit der WM von Mendrisio, als er als stärkster Fahrer im Feld übermütig und deshalb nur 5. wurde, weiss er, was er für diesen Titel investieren muss. Geschafft hat er ihn nicht. In den letzten beiden Jahren ist er deutlich gescheitert. Sowohl in Florenz wie nun in Ponferrada waren andere stärker. Taten die Beine nicht, was der starke Kopf von ihnen verlangte.
Auf die Frage, wie sich Cancellara in den letzten Jahren verändert habe, sagte Michael Albasini, der sich als Helfer aufopferte: «Er ist körperlich weniger stark als vor ein paar Jahren, aber er hat mehr Routine und kann das Rennen besser lesen.» Das war schon im Frühling so, als er in der Flandern-Rundfahrt – ähnlich wie gestern –Krämpfe spürte, andere die Arbeit verrichten liess und sich im Spurt doch noch durchsetzte.
Cancellara ist 33, wie Roger Federer. Und auch er spürt, dass die Zeit vergeht. Nicht nur, dass er älter wird, sondern auch, dass eine neue Generation nachdrängt. Grosse Siege sind für ihn weiterhin möglich. Aber sie sind nicht mehr der Normalfall. Perfekte Vorbereitung genügt nicht mehr. Es muss im Rennen (wie bei Federer im Turnier) alles stimmen. Es braucht keine offensichtlichen Fehler, damit er zu den Geschlagenen gehört, aber etwas Glück, um noch immer zu gewinnen.
Cancellara muss den Traum vom Regenbogentrikot nicht begraben. Aber es könnte ihm helfen, wenn er die Aufgabe etwas lockerer angeht. Sich weniger auf dieses eine Ziel versteift, sondern jede Chance packt, die sich bietet. So wie Joop Zoetemelk, der Holländer mit dem Ruf des «ewigen Zweiten», der 1985 doch noch Weltmeister wurde. Mit 38 Jahren.
Martin Born

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