Hintergrund

Vom Verdacht verfolgt

Der frühere Radprofi Tony Rominger soll als Geschäftsmann mit dem italienischen Dopingarzt Michele Ferrari zusammengearbeitet haben. Eine Spurensuche.

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Es ist die hohe Zeit der Enthüllungen im Radsport. Vor einem Monat flog Lance Armstrongs ausgeklügeltes System aus Doping, Schweigegeld und Einschüchterung auf. Seither vergeht kaum ein Tag, ohne dass ein anderer Grosser in die Schlagzeilen gerät.

Diese Woche war es Olympiasieger Alexander Winokourow: Der Kasache wird beschuldigt, vor zwei Jahren einem Konkurrenten 150'000 Euro geschoben zu haben – damit dieser ihn den Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich gewinnen liess.

Staatsanwalt ermittelt

Nun steht plötzlich auch Tony Rominger, der erfolgreichste Schweizer Fahrer der 90er-Jahre, wieder unter Verdacht. «Ich schliesse nicht aus, ein Strafverfahren gegen ihn zu eröffnen», sagt Staatsanwalt Nicolas Feuz aus Neuenburg. Dort hatte die Firma des früheren Profis, die Tony Rominger Management GmbH, den Sitz bis zum Umzug nach Baar im Kanton Zug vor einem Jahr.

Feuz hat bereits ermittelt: im Rahmen eines Rechtshilfegesuchs der Staatsanwaltschaft Padua. Die Untersuchung in Italien zielt auf den Arzt Michele Ferrari, auch «Dottore Epo» genannt. Ihm wird Handel mit Dopingmitteln, Geldwäscherei, Betrug und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Ferrari war Armstrongs wichtigster Helfer. Über Romingers Firma sollen grosse Geldsummen von Armstrong an Ferrari geflossen sein.

Staatsanwalt Feuz will nicht sagen, welche Informationen er nach Padua geschickt hat. Und Tony Rominger beteuerte in einer Mitteilung letzte Woche, die Vorwürfe seien haltlos: Von seiner Firma seien nie Gelder an Ferrari gegangen. Auf Anfrage des TA verweist er an seinen Anwalt. Dieser sagt, es wäre unklug, sich weiter zu äussern, da Staatsanwalt Feuz eine Strafuntersuchung erwäge.

Ein offenes Geheimnis

In der Radsportszene ist es ein offenes Geheimnis, dass Tony Rominger in den Fall Ferrari verwickelt ist. «Man kann sich ja selber ausmalen, wie das gelaufen ist», sagt einer. Und ein anderer: «Rominger war schon als Fahrer Teil des Systems.» Namentlich zitieren lassen will sich niemand. Die Vermutungen sind juristisch nicht relevant. Aber sie zeigen, welchen Ruf Rominger in der Szene geniesst.

Verdächtigt wird der 51-jährige Rominger aus zwei Gründen. Der erste stammt noch aus seiner Zeit als Radprofi: 1987 lernte der noch unbekannte Rominger in einem Trainingslager Ferrari kennen. Der Arzt mass Rominger aus und stellte fest, dass seine Oberschenkel die gleiche Hebelkraft hatten wie die von Radsportlegende Eddy Merckx. «Du könntest ein ganz Grosser werden», sagte ihm Ferrari.

Die Prophezeiung erfüllte sich: Rominger hatte seine beste Zeit in den Jahren 1992 bis 1995, in denen er dreimal die Spanienrundfahrt und einmal den Giro d’Italia gewann. An der Tour de France 1993 wurde er Zweiter. Betreut hat ihn in all den Jahren Ferrari.

Offiziell waren es Trainingspläne, die der Arzt zusammenstellte. Doch Jahre später fand man heraus, dass viele der von Ferrari betreuten Fahrer gedopt waren. Der Arzt wusste um die richtige Mischung von Blutverdünnern und von Epo, das die Ausdauerleistung erhöht. Vorher hatten Fahrer, die Epo nahmen, nachts die Hotelgänge auf- und ablaufen müssen, um die Blutzirkulation in Gang zu halten.

«Tony Rominger war eines der ersten Versuchskaninchen von Ferrari»

Laut einem Insider, der seit 30 Jahren in verschiedenen Funktionen im Schweizer Radsport arbeitet, sei Rominger «eines der ersten Versuchskaninchen von Ferrari» gewesen. Dass Rominger nie positiv getestet wurde, führt er auf den Umstand zurück, dass die Dopingkontrollen zu wenig gut waren. Zudem sei Rominger rechtzeitig zurückgetreten: Ein Jahr vor dem Festina-Skandal 1998, der die Dopingpraktiken mit Epo sichtbar machte. Auf die Frage, ob er gedopt habe, antwortete Rominger später stets: «Ich bin 13 Jahre Profi gewesen und habe nach jedem Sieg und auch sonst meine Kontrollen abgeliefert. Alle waren negativ.»

Der zweite Grund der Verdächtigungen: Romingers Geschäftsbeziehungen zu Leuten aus dem Umfeld der Firma Health & Performance. Das Unternehmen aus Neuenburg ist seit zwei Jahren in Liquidation. Es wird im Bericht der amerikanischen Antidopingbehörde Usada, der Lance Armstrong endgültig zu Fall brachte, als eine Schaltstelle für Geldüberweisungen von Armstrong an Ferrari genannt. Die Rede ist von 700'000 Dollar.

Ärztliche Beratung für Spitzensportler

Health & Performance wurde 1996 von drei Mitarbeitern der Vermarktungsagentur IMG gegründet mit dem Zweck, Spitzensportler ärztlich zu beraten. Beide Firmen waren im gleichen Gebäude in Neuenburg eingemietet. Das Objekt gehörte dem damaligen IMG-Chef Marc Biver, dem Manager von Tony Rominger. Als Rominger 1997 zurücktrat, liess er sich bei IMG in Neuenburg anstellen.

Im gleichen Jahr schieden zwei Gründungsmitglieder von Health & Performance aus. Wie der «Beobachter» herausfand, verkaufte Laurent Magne, der verbliebene Gesellschafter, bis auf ein Prozent alle seine Aktien an Michele Ferrari. Damit war der italienische Arzt Mehrheitsaktionär einer Firma geworden, die an der gleichen Adresse untergebracht war wie Romingers Arbeitsplatz.

Ob Rominger den Kontakt zu Ferrari hergestellt hatte, lässt sich nicht sagen. Und ob Magne die Rolle eines Strohmanns spielte, könnte wohl nur eine Strafuntersuchung zeigen. Gegenüber dem «Beobachter» sagte Biver, er wisse nichts von einer Geschäftsbeziehung zwischen Health & Performances und der Agentur IMG.

Ferrari betreute 500 Radfahrer

Ein früherer Kadermann von IMG beschreibt das Trio Rominger, Magne und Biver hingegen als «verschworene Gemeinschaft». Die drei hätten zusammen auch Velotouren unternommen. Dass Health & Performance von IMG-Leuten gegründet wurde, habe er erst aus den jüngsten Medienberichten erfahren.

Ende der 1990er- und zu Beginn der 2000er-Jahre arbeitete das Trio im Organisationskomitee der Tour de Suisse eng zusammen. Biver war der Leiter, Magne der Finanzchef, Rominger der Sportdirektor. Es war eine Zeit des Booms im Radsport: Vermarktungsfirmen wie IMG kauften Lizenzen für die Durchführung von Rennen. Sie zahlten den Radsportverbänden dafür eine fixe Summe und holten durch eine gnadenlose Kommerzialisierung der Anlässe ein Mehrfaches davon herein.

Der Insider mit der langjährigen Erfahrung im Radsport sagt, dass der Boom den Druck auf die Fahrer massiv erhöht habe: Wer nicht genug Erfolge vorzuweisen hatte, erhielt keine neuen Verträge. Wohl deshalb seien viele zu Ärzten wie dem Italiener Michele Ferrari und dem Spanier Eufemiano Fuentes gegangen, die beide Spitzensportler mit Epo versorgt haben sollen. Laut Usada-Bericht hat allein Ferrari 500 Radfahrer betreut.

Romingers eigene Firma

An der Tour de Suisse 2001, die das Trio Rominger, Magne, Biver zu verantworten hatte, ereignete sich ein Skandal, von dem die Öffentlichkeit erst seit kurzem weiss: Gemäss dem Usada-Bericht wurde Lance Armstrong positiv auf Epo getestet. Doch das Ergebnis drang nicht nach aussen: Armstrong zahlte dem internationalen Radsportverband ein Schweigegeld von 100'000 Dollar. Der Betrag wurde als Spende verbucht.

Im August 2004 gründete Rominger seine eigene Firma. Magne und Biver blieb er aber weiterhin verbunden. Magnes Bruder, der für Health & Performance die Buchhaltung machte, war eine Zeit lang sein Geschäftsführer und auch Teilhaber. Dasselbe mit Biver. Als dieser die Leitung des Astana-Rennstalls übernahm, machte er Alexander Winokourow zum Teamleader.

Der Kasache, bei Romingers Firma unter Vertrag, wurde später des Dopings überführt. Er gab zu, mit Ferrari zusammengearbeitet zu haben. Tony Rominger behauptet laut dem Insider, er habe nie einen seiner Fahrer zu Ferrari geschickt. Und fügte jeweils an: er habe aber nie die Herausgabe von dessen Telefonnummer verweigert.

Voller Service Ferraris

Italienische Journalisten, die Einblick hatten in Dokumente der Untersuchungsbehörde in Padua, sprechen von einem «Pacchetto» im Zusammenhang mit Ferraris Dopingpraktiken. Gemeint ist damit ein voller Service: Ferrari sei so gut vernetzt gewesen, dass er den Fahrern von der Vermarktung bis zur ärztlichen Betreuung alles bieten konnte.

Die Meldung, die Staatsanwaltschaft in Padua habe Rominger ins Visier genommen, ist bisher nicht bestätigt worden. Der zuständige Untersuchungsrichter lässt lediglich ausrichten, dass er zur laufenden Untersuchung nichts sage. Luigi Perna, Journalist bei der «Gazzetta dello Sport», der als einer von wenigen Einblick hatte in Untersuchungsdokumente, hat darin nirgends den Namen Rominger entdeckt. «Das heisst aber nichts. Noch sind nicht alle Protokolle der Telefonüberwachung ausgewertet», sagt Perna.

Die Untersuchung in Padua wird in wenigen Wochen abgeschlossen sein. Dann wird der Neuenburger Staatsanwalt Nicolas Feuz entscheiden, ob er eine eigene Strafuntersuchung gegen Tony Rominger eröffnet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2012, 08:08 Uhr

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