«Ich liebe es, mit 70 Richtung Ziel zu ballern»

Vor dem morgigen Start zur Tour de France spricht Sprinter Marcel Kittel über Endorphine auf der Schlussgeraden.

«Du musst einen kühlen Kopf bewahren, wenn alles drunter und drüber geht.» Marcel Kittel gewann letztes Jahr bei der Tour de France fünf Etappen.

«Du musst einen kühlen Kopf bewahren, wenn alles drunter und drüber geht.» Marcel Kittel gewann letztes Jahr bei der Tour de France fünf Etappen. Bild: Keystone

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Marcel Kittel hat strenge Tage hinter sich, als er mit der BaZ über das Sprinten spricht. Höhentraining in Colorado, schweisstreibende Tage in den Bergen von San Juan, wo Spitzensportler ihre Körper für Höchstleistungen trimmen und ihr Blut auf natürliche Weise vermehren. 25 Stunden in der Woche hat Kittel, 30, dort geschuftet, ist auf dem Fahrrad gesprintet und hat im Kraftraum Gewichte gestemmt. Alles für ein Ziel: Die Tour de France, die morgen in Noirmoutier beginnt. Vergangenes Jahr gewann der Deutsche fünf Etappen bei der Frankreichrundfahrt. Die Konkurrenz blieb auf den Flachetappen chancenlos gegen die Maschine aus Arnstadt. Aber das Trikot für den besten Sprinter gewann ein anderer, Kittel musste nach einem Sturz in den Alpen das Rennen kurz vor Paris aufgeben. Nun soll alles anders werden.

BaZ: Marcel Kittel, sind Sie der beste Sprinter der Welt?
Marcel Kittel: Ach, diese Frage. Der bin ich immer ausgewichen, es kann sich alles so schnell ändern. 2015, als ich den Leuten hinterhergefahren bin, haben die Experten gefragt: Kann er es noch? Und 2017, als ich bei der Tour fünf Etappen gewann, haben mich alle gefeiert. Man kanns also so oder so sehen, weil es immer Höhen und Tiefen geben wird, gerade im Radsport. Ich denke aber, dass ich zu den Top-Leuten gehöre.

Was fehlt denn, dass Sie sagen können: Ich bin der Beste?
Das ist schwierig. Ich weiss ja, dass ich mich als Rennfahrer nicht mehr gross verbessern und ändern werde. Darum versuche ich, mein Level irgendwie zu halten. Aber klar, ich probiere auch neue Dinge aus, habe verschiedene Trainer, fahr nach Colorado in die Höhe, lese aktuelle Studien über Trainingslehre. Das hilft alles. Aber ich bin auch jemand, der viel Erholung braucht. Darum darf ich auch nicht zu viel auf einmal machen wollen.

Marcel Kittel gegen Peter Sagan, wer ist stärker?
Na, er ist Weltmeister, dazu der stärkste Allrounder, den es zurzeit gibt, vermutlich auch in den letzten 30 Jahren. Er kann also viele Dinge besser als ich. Darum ist der Vergleich schwierig. Da spielt auch die Tagesform eine Rolle.

Das Duell mit Sagan wird auch bei der diesjährigen Tour ein grosses Thema sein. Was sind Ihre Ziele?
Dieses Jahr geht es vor allem darum, dass ich mich in der Mannschaft einfinde (Kittel steht seit Januar 2018 beim Team Katusha Alpecin unter Vertrag; die Red.), ich will da langfristig einen starken Sprintzug aufbauen. Aber das ist immer noch work in progress, man muss sich zuerst untereinander kennenlernen, bevor die ganz grossen Erfolge kommen.

Ist Radsport Teamsport?
Ja, find ich schon. Es muss eine natürliche Zusammenarbeit entstehen, die Fahrer müssen sich blind verstehen. Wie reagiert jemand in einer bestimmten Situation? Was sind die Stärken der einzelnen Fahrer, die Schwächen? Wir haben in den letzten Wochen viel besprochen, analysiert. Vor allem, nachdem der Saisonstart nicht allzu gut war. Bisher habe ich meine Ziele nicht erreicht, aber bei der Tour soll alles besser klappen.

Ihre Wohlfühlzone sind die letzten 500 Meter, der Sprint. Der Schluss ist aber auch die gefährlichste Phase eines Rennens. Was für ein Typ Mensch muss man als Sprinter sein?
Ich habe diese Frage schon oft gehört, das finde ich spannend. Ich sags mal so: Es gibt die Totalbekloppten und es gibt die Vernünftigen. Man muss kein Arschloch sein, um erfolgreich zu sein. Aber man muss schon Spass daran haben, in dieser Extremsituation zu performen, an seine Grenzen zu gehen. Du musst einen kühlen Kopf bewahren, wenn alles drunter und drüber geht.

Gehören Sie zu den Totalbekloppten oder zu den Vernünftigen?
Ich denke schon, dass ich vernünftig bin (lacht). Aber ich liebe es trotzdem, mit 70 Stundenkilometern und 100 anderen Fahrern Richtung Ziel zu ballern.

Gibt es Tricks im Schlussspurt? Koffein? Ellenbogen? Spezielle Atmung?
Klar gibt es Hilfsmittel. Ich haue mir schon ab und zu einen Koffeingel vor dem Sprint rein, und die Ellenbogen werden auch ausgefahren. Das hat durchaus seine Daseinsberechtigung. Schlussendlich entscheiden jedoch immer die Beine.

Es heisst, die besten Sprinter der Welt können ihre maximale Belastung 12 bis etwa 15 Sekunden halten, Sie aber schaffen 20.
Das ist das, was mich ausmacht. Ich habe sicher auch eine andere Physik als die meisten, bringe viel mehr Gewicht auf die Waage. Ich arbeite viel an meiner Beschleunigung, auch Krafttraining gehört da dazu.

Was kann man im Sprint falsch machen?
Das geht los mit dem falschen Timing, da bist du geliefert, keine Chance. Dann die Position im Feld. Ausserdem musst du ruhig bleiben, wenn alles um dich herum hektisch wird. Sprinten ist zu einem grossen Teil Intuition. Du musst den Moment vorhersehen, wann du angreifen musst. Ausserdem hilft es natürlich, wenn du zwei, drei gute Leute aus dem Team um dich herum hast, die dir den Weg bereiten.

Gleich bei Ihrem ersten Rennen als Profi fuhren Sie allen davon. Sind Sie ein aussergewöhnliches Talent?
(Lacht) Na ja, ich sehe mich schon eher als Talent als ein verbissener Arbeiter. Gerade wenn ich mich mit anderen vergleiche, zum Beispiel mit dem Tony (Teamkollege Tony Martin; Anm. der Red.), der sicher mehr investiert als ich. Ich habe für mich eine gute Balance zwischen hartem Training und relaxen gefunden.

Sie sagten einmal in einem Interview: «Sprinttraining ist für Faule».
Also, als faul würde ich mich nicht bezeichnen. Aber ich gehe sicher mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit an die Sache ran, auch bei den Rennen, während die anderen schon die Nerven verlieren bevor es richtig losgeht. So bin ich einfach.

Wenn die letzten 500 Meter vor dem Ziel Ihre Wohlfühlzone ist, dann sind 200-Kilometer-Bergetappen vermutlich Ihr Albtraum. Was geht Ihnen vor einem harten Tag in den Alpen oder Pyrenäen durch den Kopf?
Klar, das sind keine spassigen Tage. Man weiss ja, was einen erwartet. Wichtig ist, dass man in eine gute Gruppe kommt, die bergauf ein gleichmässiges Tempo fährt. Das Ziel ist es immer, nicht zu viel Energie zu verlieren. Zu überleben, ohne gross zu leiden.

Wie sieht so ein Tag für Sie aus?
Meistens habe ich Teamkollegen bei mir, die mir helfen und mich aus dem Wind nehmen. Und wenn ich mal einen ganz schlechten Tag hab, dann muss halt einer warten. Letztes Jahr bei der Tour hatte Gianluca (der italienische Radfahrer Gianluca Brambilla; Anm. der Red.) zum Beispiel einen solchen Tag. Der arme Kerl wurde am ersten Berg abgehängt und hat kein Bein vors andere gekriegt. Da hilft man sich natürlich gegenseitig, dass man die Etappe durchsteht.

Hilft man da auch mal einem Konkurrenten, im Wissen, dass man selber vielleicht auch mal froh darum ist?
Kommt drauf an, wer hinten dabei ist. Ein Mark Cavendish oder ein André Greipel werden vorne natürlich nicht warten, wenn ich hinterherschnaufe, das ist klar. Man ist Verbündeter auf Zeit.

Bevor Sie Radprofi wurden, haben Sie Informatik studiert. Analysieren Sie Watt-Zahlen umso genauer oder fahren Sie nach Gefühl?
Diese Wattzahlen sind so eine Sache, ein Meilenstein in der Trainingswissenschaft – und jetzt fahren alle plötzlich mit einem Computer vorne am Lenker, der irgendeine Zahl anzeigt. Vor allem die Jungen können gar nicht mehr ohne fahren. Ich will mich nicht zu sehr abhängig machen davon. Manchmal bin ich im Training einfach schlecht drauf, aber der Trainingsplan sagt 290 Watt für drei Stunden. Dann höre ich lieber auf den Körper, fahre nach Gefühl und vergesse all die Zahlen. Sonst kanns gefährlich werden.

Ein Thema, das man immer noch unweigerlich mit dem Radsport verbindet, ist Doping. Sie selber haben sich öffentlich immer vehement gegen unerlaubte Mittel ausgesprochen, fahren jetzt aber für ein Team, das eine unschöne Doping-Vergangenheit hat. Ist das nicht widersprüchlich?
Da gebe ich Ihnen recht. Ich habe mir vor meinem Wechsel viele Gedanken gemacht, habe mit dem Tony gesprochen, dem Management. Ich habe aber vom Team ein klares Signal bekommen, dass eine strikte Anti-Doping-Linie durchgezogen wird. Während des Höhentraininglagers in Colorado hatten wir wieder ein Meeting, in dem wir die Thematik lange diskutiert haben. Alles in allem habe ich ein gutes Gefühl, ich vertraue dem Team.

Der Brite Chris Froome wird trotz überschrittener Grenzwerte bei einem Dopingtest während der letztjährigen Vuelta an der Startlinie stehen und um den Gesamtsieg mitfahren. Macht Sie das wütend?
Ich weiss nicht, ob ich wütend auf Chris Froome sein soll oder auf das System, das all dies ermöglicht. Froome darf sich ja erklären, das ist sein gutes Recht. Und sein Team Sky hat natürlich so lange wie möglich auf Zeit gespielt. Dass das schädlich für den Radsport ist, hat Sky nicht gesehen, oder wollte es nicht. Damit habe ich ein Problem.

Denken Sie denn, dass man heute eine grosse Rundfahrt sauber gewinnen kann?
Das kann ich wirklich nicht sagen. Was ich weiss, ist, dass ich mich für einige Athleten verbürgen würde, weil ich sie gut kenne und ich überzeugt bin: Die machen nichts Unerlaubtes. Aber natürlich ist mir auch klar, dass der Radsport nicht 100 Prozent sauber ist. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.07.2018, 11:45 Uhr

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