«Als Spieler spürte ich keinen Druck, nur Stress»

Andre Agassi über die Schiesserei und den Geist von Las Vegas, sein Leben zehn Jahre nach dem Rücktritt und das Tennis von heute.

Andre Agassi: Schulabbrecher, Tennisstar, Vater, Philantrop und Betreuer von Novak Djokovic.

Andre Agassi: Schulabbrecher, Tennisstar, Vater, Philantrop und Betreuer von Novak Djokovic. Bild: Getty Images

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Sie sind ein Kind von Las Vegas. Wie reagierten Sie auf den Massenmord, bei dem 58 Leute starben? Wirkt etwas nach, oder ging es rasch zurück zur Tagesordnung?
Das ist eine Realität, mit der wir leben müssen. Und nun passierte es in meiner Heimat, in meinem Hinterhof. Aber es reflektiert auch, wer wir sind als Gemeinschaft.

Wie meinen Sie das?
Die Leute sehen nur eine Seite von Las Vegas. Doch diese zeigt nicht, mit welchem Geist diese Stadt gebaut wurde, mitten in der Wüste. Wer hierherkommt, sieht nicht, was für ein Erfolg dies ist und welcher Gemeinschaftssinn dafür nötig war. Es brauchte eine Vision, um die Stadt zu dem zu machen, was sie heute ist. Und nun leben zwei Millionen Leute hier, das ist ein Viertel der Schweiz.

Diesen Geist spürten Sie auch nach der Schiesserei?
Man konnte sehen, was Las Vegas auch ist. Ich habe die Stadt immer verteidigt, immer. Seit ich 16 war und gefragt wurde, ob ich in Hotels wohne. Dies ist eine der grossartigsten Städte der Welt. Nicht wegen dem, was sie offeriert, sondern wegen dem, was es brauchte, um sie zu schaffen, und wegen der Mentalität, die wir haben, um zu überleben. Diese Tragödie ist eine Gelegenheit, dies der Welt wieder zu zeigen.

Stefanie Graf, Ihre Frau, kommt aus Deutschland. Wollten Sie nie wegziehen?
Nein. Unsere zwei Kinder sind in drei bis fünf Jahren selbstständig. Dann dürften wir flexibler sein. Wir reisen beide sehr gerne, und ich bin sicher, dass wir das auch in Zukunft tun werden. Las Vegas wird aber immer unsere Heimat bleiben.

In Ihrem Leben ist ein Wandel feststellbar. Als Tennisprofi mussten Sie egozentrisch, sogar egoistisch sein. Nun schaffen Sie mit Ihrer Stiftung Schulen für sozial Benachteiligte, helfen anderen, leben uneigennützig. Einverstanden?
Ganz so einfach ist es nicht. Wenn man sich selber in den Mittelpunkt stellt, um ein Ziel zu erreichen, ist das nicht zwingend egozentrisch. Da ist zwar eine Intensität, ein Fokus, man baut ein Team um sich auf. Aber es heisst nicht, dass man Narzisst sein muss. Jedoch verändert dein enger Blickwinkel die Beziehung zu allem, was du tust. Tennis ist anspruchsvoll, du musst stets alles in der richtigen Reihenfolge tun, sogar an deinen Freitagen geht es um Erholung und Vorbereitung. Das ist schon eine intensive Welt. Erst wenn der Stress aufhört, öffnest du die Linse.

«Tennis ist zu einer Wissenschaft geworden. Jeder strebt danach, immer noch besser zu werden.»

Wie erlebten Sie dieses Jahr als Betreuer von Novak Djokovic – Ihre Rückkehr an Turniere, die Sie nur als Spieler kannten?
Ich sehe alles aus einer anderen Perspektive, auch das Tennis selber. Ich sehe, was ein Spieler alles durchmacht an einem Tag. Als ich spielte, fühlte ich keinen Druck, nur Stress, viel Stress. Du versuchst, alles in der perfekten Ordnung zu halten, damit du fokussiert bist. Und weil du so fokussiert bist, spürst du keinen Druck. Jetzt ist es umgekehrt.

Sie spüren nun mehr Druck, aber weniger Stress?
Ja. Was ist Druck? Bewege deine Füsse, schau den Ball an, konzentriere dich, mache deinen Job... Das ist kein Druck. Aber wenn du jemanden berätst, der an dich glaubt und dessen Leben du in eine bestimmte Richtung lenkst, dann liegst du besser richtig. Reden ist einfach, aber man muss Respekt haben vor dem, was es bedeutet. Dafür habe ich nun keinen Stress mehr, kann auf der Anlage bleiben, Kaffee trinken, Leute treffen.

Geht es Ihnen wie Rekord-Olympiasieger Michael Phelps, der denkt, was er jetzt mache, sei wichtiger als alle Goldmedaillen im Schwimmen, indem er anderen hilft, aus Depressionen zu finden?
Für mich ist klar, dass ich mit dem Wechsel in mein jetziges Leben einen Schritt zurück machte. Und trotzdem sind beide Perioden wichtig. Denn du lernst, erweiterst dich. Je mehr du erlebst und wächst, desto erfüllter wirst du. Ich könnte ohne Tennis nicht sein, wo ich heute bin, das ist eine Art Vermählung. Aber ich würde mein Leben nie mehr nur auf den Sport reduziert sehen wollen.

Wie empfanden Sie das Profitennis am French Open, bei der Rückkehr nach zehn Jahren?
Es war wie mit einem Kind, das man eine Weile nicht mehr gesehen hat, und man sagt: Wow, es ist gross geworden. Als Direktbeteiligter ist es schwierig, Veränderungen in einen grösseren Rahmen zu stellen. Für mich hingegen war ersichtlich, wie sich die nächste Generation präsentieren wird. Diese Jungs sind gross und voller Power, und trotzdem bewegen sie sich gut. Wenn du Zverev anschaust, oder Kyrgios... Bei dieser Athletik, die das Tennis nun prägt, denkst du: was für ein Schocker. Das meine ich nicht sarkastisch. Die Athleten werden stärker, grösser, schneller, fitter, schlauer. (lacht) Es ist zu einer Wissenschaft geworden. Jeder strebt danach, immer noch besser zu werden.

Warum haben denn trotzdem mit Federer und Nadal ältere Spieler die Saison dominiert?
Der Fluch der Jungen, Grossen, Starken und Schnellen ist eben, dass sie jung sind. Lassen Sie ihnen Zeit! Aber Federer, Nadal, Novak und Murray könnten sich noch lange halten, dank ihrem Talent. Sie haben dem Tennis ein neues Gebiet erschlossen.

Sind Sie froh, dass Federer Sie zumindest vorläufig nicht mehr als älteste Nummer 1 ablösen kann?
Ist das so? Das hatte ich nicht gewusst. Ich wusste nur, dass ich das einmal war. Aber diese Kerle haben alle Rekorde gebrochen, deshalb denke ich nicht zu viel über solche Dinge nach. Federer hatte aber schon ein tolles Jahr.

Im Vergleich zu ihm waren Sie mit 36, als Sie zurücktraten, ein Wrack und konnten nur mit Kortison spielen. Wie erklären Sie diesen Unterschied?
Es spricht für seine Einzigartigkeit – ich würde sogar das Wort Grossartigkeit benutzen. Er spielt das Spiel so andersartig. Es sieht alles so leicht aus, womit ich nicht sagen will, dass es dies ist. Aber er hat so viele Optionen, dass er die Verschleisserscheinungen enorm reduzieren kann, denen die meisten Spieler ausgesetzt sind. Er ist zudem ziemlich schlau und achtet darauf, aus seinen Lektionen zu lernen. Er weiss, wie viel er investieren muss und wie viel Zeit er braucht, um in Bestform zu sein. Nichts, was ich sage, soll etwas daran schmälern, welch grossartiger Sportler er ist.

Sie arbeiten weiterhin mit Djokovic. Wie eng ist die Beziehung während seiner Pause?
Sehr stark. Ich helfe ihm mit vielen Entscheidungen, arbeite mit ihm, treffe ihn und spreche regelmässig mit ihm. Ich habe vor, ihm weiter zu helfen, sofern er das Gefühl hat, dass ich ihm helfen kann.

Haben Sie dieses Gefühl?
Ich bin zwar überzeugt davon, dass er auch ohne mich zur Bestform zurückfinden kann. Aber meine Hoffnung und mein Ziel sind es, dass er es schafft, dies auf eine einfachere Art zu tun, und effizienter wird. Das Leben nimmt andere Dimensionen an, wenn die Familie wächst. Umso wichtiger wird es, das Gleichgewicht zu halten.

Sie arbeiten mehr im taktischen und psychologischen Bereich als auf sportlicher Ebene?
Irgendwann kann man einen Tennisball nicht mehr besser schlagen, das kann ich Ihnen versichern. Aber du kannst lernen, einfachere Wege zum Ziel zu finden. Er ist so begabt, dass er oft auch damit durchkommt, obwohl er ineffizient ist. Ich konnte das nicht. Ich musste immer sehr präzise sein, weil ich keine Optionen hatte. Aber ich kann das Tennis nun für ihn einfacher machen, indem ich ihm helfe, sein Spiel aus Sicht der Gegner zu sehen und die Kapazität seines Geistes, seinen Fokus und sein Herz auf ein klares Ziel zu richten.

Werden Sie ihn im Januar 2018 nach Australien begleiten?
Ja – sofern wir entscheiden, dass er bereit ist und kein Risiko mehr besteht. Seine Verletzung (Ellbogen) ist glücklicherweise komplett heilbar, sofern er sich für die Therapie genügend Zeit lässt. Es ist ein Seiltanz, wir diskutieren täglich. Das sind wichtige Entscheidungen, und wir treffen sie gemeinsam.

«Niemand weiss, wann das Ende kommt. Aber wenn es kommt, kommt es schnell»

Gehört Pepe Imaz, ein spiritueller Lehrer, auch zum Team?
Ich habe mit ihm noch nie etwas zu tun gehabt, er verkehrt direkt mit Novak.

Werden die Big 4 – Nadal, Federer, Djokovic und Murray – 2018 wieder dominieren?
Was ich sagen kann – und das gilt auch für Federer: Niemand weiss, wann das Ende kommt. Aber wir wissen, dass es immer schnell kommt, wenn es kommt. Wann immer das ist, in einem Jahr, in zwei, drei, vier Jahren... Du kannst solche Dinge nicht vorhersagen. Ich erwarte aber, dass Federer und Nadal bereit sind für ein weiteres grossartiges Jahr, auch Murray und Novak, der im Verlauf des Jahres zur Bestform zurückfinden sollte. Leider ist sein Massstab so hoch, dass für ihn nur Siege zählen. Doch diese Herausforderung nehme ich an.

Enttäuscht es Sie, dass Ihr Sohn Baseball spielt, nicht Tennis?
Keineswegs. Er liebt diesen Sport, wurde jetzt von der University of Southern California verpflichtet und wird immer besser. Ich fand Baseball von Anfang an eine grossartige Wahl. Ich war sogar froh, dass er nicht Tennis wählte. Als Vater möchte ich die Herausforderungen nicht schon kennen, ehe sie sich stellen. Tennis kenne ich, da kann ich einen 14-Jährigen oder 16-Jährigen sehen und sagen: Der ginge besser zur Schule. Ich weiss zu viel. Im Baseball dagegen weiss ich nichts. Ich weiss nur, dass er besser wird, und nehme daran teil.

Wie steht es um die Beziehung zu Ihrem eigenen Vater, den Sie in Ihrer Autobiografie als sehr dominierend darstellen?
Wir sehen uns fast jedes Wochenende. Er lebt nur eine Viertelstunde von uns entfernt und ist oft bei seinen Grosskindern. Ich verstehe ihn wahrscheinlich besser, als er mich versteht. Er ist, wie er ist, ich kann damit umgehen.

Ihr Buch «Open» war ein Verkaufsschlager. Laut Boris Becker haben Sie aber einige Dinge übertrieben, wie er es in seinen Büchern auch gemacht habe.
Es ist nicht fair, das zu sagen. Was sicher richtig ist und Boris vielleicht meinte: Kein Leben passt in 400 Seiten. Damit dich trotzdem jemand versteht, der dich nicht kennt, musst du sehr spezifische, prägende Erfahrungen herauspicken. Und zwar so, dass die Leser diese nachvollziehen und den Weg verstehen können, den du gegangen bist. Ein Film ist nie so gut wie ein Buch, und ein Buch ist nie so gut wie das Leben.

Würden Sie es nochmals gleich schreiben?
Ja. Aber jetzt, zehn Jahre später, hätte ich viel mehr zu sagen. Einer Person, die mir viel half, bin ich sehr dankbar; J. R. Moehringer (Co-Autor und Pulitzerpreisträger). Er hat mir eingetrichtert, wie wichtig das geschriebene Wort ist, dass es dich überleben wird. Deshalb dauerte es drei Jahre und gab neun Fassungen, ehe es herauskam. Ich bin ein Teil jedes Wortes auf diesen Seiten, dazu stehe ich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 13:23 Uhr

Erfolge und Abgründe

Andre Agassi kam am 29. April 1970 in Las Vegas zur Welt, als Sohn eines geflüchteten Iraners und einer Amerikanerin. Er war 101 Wochen die Nummer 1, gewann 60 Turniere, darunter alle Grand-Slam-Titel (8) und Olympiagold (1996). Er ist seit 2001 mit Stefanie Graf (22 Grand-Slam-Titel) verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder, Jaden Gil, 16, und Jaz Elle, 14. Im Buch «Open» bekennt er, Crystal Meth konsumiert zu haben.

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