Der unerwartete Anfang einer schmerzhaften Zäsur

Die «Big Four» im Tennis sind nur noch drei. Das Ende der Ausnahmegeneration rückt näher. Ein persönlicher Rückblick auf ähnliche Zäsuren aus der Vergangenheit.

Die Hüfte macht nicht mehr mit. Andy Murray erklärt unter Tränen, dass dieses Australian Open sein letztes Turnier sein könnte.

Die Hüfte macht nicht mehr mit. Andy Murray erklärt unter Tränen, dass dieses Australian Open sein letztes Turnier sein könnte. Bild: Keystone

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Als ich am Freitag- morgen aufwachte, ging ich als Erstes auf die Homepage des Australian Open, um mich zu informieren, wer sich in der letzten Qualifikationsrunde für das Hauptfeld qualifiziert hatte. Bevor ich aber zu den Resultaten kam, wurde ich auf der Frontseite mit Andy Murrays angedeutetem Rücktritt konfrontiert. Ich gebe zu, die Nachricht traf mich wie ein Schock.

Ich war mir sicher, dass Murray nach seiner Hüftoperation wieder schmerzfrei Tennis spielen und ein starkes Comeback hinlegen wird. Genau so, wie es die anderen drei der «Big Four», Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic, geschafft haben. Dass dem scheinbar nicht so ist, tut mir für Andy sehr leid und ist für den Tennissport im Allgemeinen ein unerwarteter, harter Schlag. Denn es ist nicht nur der Verlust eines Ausnahmekönners, sondern auch der Anfang einer Zäsur: Die «Big Four» sind nur noch drei – und auch bei Federer, Nadal und Djokovic wird es kaum mehr viele Jahre gehen, bis sie abtreten.

Solch harte Zäsuren, die jeweils das Ende einer prägenden Tennis-Generation bedeuten, habe ich bisher dreimal erlebt. Dabei stellte ich ausnahmslos fest, dass diese Spieler jeweils in den letzten Jahren ihrer Karrieren die mit Abstand grösste Popularität und Wertschätzung geniessen, auch wenn ihre grössten Erfolge meistens bereits einige Jahre zurückliegen.

Der erste Umbruch geschah für mich Anfang der 90er-Jahre mit meinen ersten Tennis-Helden Lendl, McEnroe, Connors und Noah. Diese waren mir primär aus Erzählungen meiner Eltern ein Begriff. Ich hatte aber das Glück, dank Roger Brennwalds Swiss Indoors alle von ihnen live in Basel spielen zu sehen. Mit Ausnahme von Connors gelang es mir, von allen ein Autogramm zu ergattern. Umso trauriger war ich, als 1991 Yannick Noah als Erster zurücktrat. Erst da realisierte ich, dass meine Tennishelden nicht ewig spielen.

Das für mich nächste prägende Quartett bestand aus Wilander, Edberg, Becker und Muster. Diese Generation nahm ich bewusster wahr, da ich begann, die Unterschiede in den verschiedenen Spielarten zu erkennen. Jahr für Jahr war ich in der St.-JakobsHalle vor Ort, unterstützte die Spieler lautstark und durfte 1994 als Ballboy zum ersten Mal gemeinsam mit meinen Helden auf dem Platz stehen. Dabei spürte ich, welch spezielle Aura einen Edberg oder Becker umgab. Bei ihren Spielen war die Atmosphäre auf dem Platz komplett anders, die Zuschauer waren lauter und enthusiastischer. Ich erkannte, dass es ein paar wenige Spieler gibt, die sich vom Rest durch mehr abheben als nur durch ihre Fähigkeiten beim Aufschlag oder Return.

Das Ende der Sampras/Agassi-Ära hätte mich als Amateur hart getroffen.

Dank Pete Sampras und André Agassi – und einer der grössten Rivalitäten, die es in unserem Sport je gab –, wurde den Tennisfans der Übergang zur nächsten Ära leichter gemacht. Für mich als angehender Profi gehörten auch Jim Courier, Sergi Bruguera und später auch Jewgeni Kafelnikow, Carlos Moya sowie Gustavo Kuerten zu dieser denkwürdigen Zeit. Das waren Spieler, von denen ich abzuschauen versuchte. Zum Beispiel Couriers Art, ein Match mit seiner Vorhand zu diktieren oder Kafelnikows knallharte doppelhändige Backhand. Auch in Sachen Outfits wurden Trends gesetzt. Agassis kurze Jeans-Hosen besitze ich noch heute.

Das Ende der Sampras/Agassi-Ära hätte mich als Amateur hart getroffen. Da ich aber selber versuchte, auf der Profi-Tour Fuss zu fassen, gehörten für mich Karriere-Enden mittlerweile zum Tennis mit dazu. Jim Courier ging als Erster im Jahr 2000, Sampras bestritt sein letztes Match bei den US Open 2002. Agassi hingegen spielte noch bis 2006 weiter und inspirierte dabei unzählige Tennisspieler auf der ganzen Welt, inklusive mir.

Roger Federer war damals bereits die Nummer 1 der Welt. Eine wirklich neue Zeitrechnung entstand aber erst wieder mit dem Dazukommen von Nadal, Djokovic und auch Murray. Gemeinsam gewannen sie 48 der letzten 52 Grand-Slam-Turniere und belegen seit 15 Jahren ununterbrochen die Nummer 1 der Weltrangliste. Dies sind alles nie dagewesene Rekorde und zeigen auf, wie einzigartig es ist, vier der besten Spieler in der Geschichte des Tennissports während der gleichen Ära auf dem Platz gesehen zu haben.

Die Frage wird nun sein, wann der Nächste von den «Big Four» die grosse Bühne verlassen wird und wer das sein wird.

Murray spielte dabei gewiss die kleinste Rolle. Doch man übersieht in Anbetracht der anderen drei Namen, dass auch er mit seinem von Kampfgeist und Cleverness geprägten Konterspiel fast alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt: drei Grand-Slams, davon zwei in Wimbledon, zwei Olympia-Goldmedaillen, Sieg bei den ATP World Tour Finals, Erster der Weltrangliste, mindestens einen Titel bei sieben der neun Masters-Turniere und dazu fast im Alleingang den Davis-Cup mit Grossbritannien ohne einen zweiten Top-100 Spieler im Team. Dass er noch dazu ein feiner, humorvoller Kerl ist, lässt mich den Hut vor ihm ziehen. Ich sage: Danke, Andy!

Am meisten leid an Murrays angekündigtem Rücktritt tut mir der Umstand, dass es ihm aufgrund seiner Hüftschmerzen nicht vergönnt sein dürfte, den Zeitpunkt des Karriere-Endes frei wählen zu können.

Die Frage wird nun sein, wann der Nächste von den «Big Four» die grosse Bühne verlassen wird und wer das sein wird. Ich hoffe, sie können ihr Ende würdiger planen. Andys plötzlicher Entscheid führt uns aber auch vor Augen, dass wir jedes weitere Jahr, jedes weitere Turnier und jedes weitere Match geniessen sollten, das uns Federer, Nadal und Djokovic noch schenken. Denn der Übergang zur nächsten Generation wird bestimmt nicht so einfach wie diejenigen, die ich bisher erlebt habe.

Marco Chiudinelli hat im Oktober 2017 seine Laufbahn nach 18 Jahren als Tennisprofi beendet. Der 36-jährige Baselbieter, der in der Szene von allen MC genannt wird, bleibt aber auch nach dem Karriere-Ende am Ball. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.01.2019, 11:43 Uhr

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