«Es heisst schnell: Das arme Kind!»

Ivan Bencic erzählt, wie seine Tochter Belinda zur Spitzenspielerin geworden ist. Und warum man mit ihr kein Mitleid haben muss.

Letztes Jahr spielte Belinda Bencic noch bei den Juniorinnen in Wimbledon, heute mischt sie die Profiszene auf.

Letztes Jahr spielte Belinda Bencic noch bei den Juniorinnen in Wimbledon, heute mischt sie die Profiszene auf. Bild: Keystone

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«Ivan!», ruft jemand auf der Terrasse der Player’s Lounge in Wimbledon. Instinktiv dreht sich Ivan Bencic um – doch es ist jemand anders als er gemeint. «So viele Ivans auf dieser Welt», sagt der Ostschweizer, der 1968 als Fünfjähriger aus der Tschechoslowakei in die Schweiz flüchtete. Heute ist der ehemalige Versicherungsmakler noch rund 150 Tage pro Jahr zu Hause, die übrige Zeit tingelt er mit seiner Tochter Belinda als Betreuer durch den Tenniszirkus. Die 17-Jährige spielt am Donnerstag gegen Victoria Duval aus den USA um den Einzug in die dritte Runde. Ivan Bencic setzt sich zu seiner Frau und seinem Sohn, die nach Wimbledon gekommen sind, an den Tisch. Dann kann es für ihn losgehen.

Ivan Bencic, Belinda ist die Nummer 71 der Welt. Liegt sie damit auf Kurs?
Wir haben keinen Kurs. Belinda hat keine Zielvorgabe, muss nicht diesen oder jenen Rang erreichen. Vor zwölf Monaten spielte sie hier noch bei den Juniorinnen mit und konnte sich nicht vorstellen, dass sie dieses Mal bereits direkt im Hauptfeld mitspielt und es in der Weltrangliste so vorangeht. Wir dürfen uns davon nicht täuschen lassen. Sie hat noch keine Punkte zu verteidigen. Da kommt man relativ schnell nach oben, doch dann geht es erst richtig los. Wir nehmen es jedenfalls, wie es kommt. Match für Match, Runde für Runde. Der Rest ergibt sich von alleine.

Es gibt also keinen langfristigen Plan mit bestimmten Wegmarken, die Belinda erreichen soll?
Eine Tenniskarriere lässt sich nicht mit einem Businessplan vergleichen. Es ist nicht alles berechenbar. Gerade der Schritt von der Juniorin zum Gedankengut einer professionellen Tennisspielerin ist sehr gross. Das Tennis hat sich in den letzten Jahren ohnehin stark verändert. Früher gewannen 17-jährige Teenager Grand-
Slam-Turniere. Heute ist Belinda zusammen mit Donna Vekic die einzige Juniorin, die in den Top 100 ist.

Was, wenn Belinda während einer Phase nur noch verliert?
Auch dafür muss Platz sein. Wichtig ist, dass wir jeden Tag hart arbeiten, dann hat sie auch Anspruch darauf, weiter Fortschritte zu machen. Mit Fingerschnippen alleine ist es nicht gemacht.

Belinda selber erklärte, dass sie die Nummer 1 der Welt werden will.
Das hat sie mit sechs gesagt (lacht). Mit sechs will jedes Kind, das Tennis spielt, die Nummer 1 der Welt werden. Sie spielt und trainiert nun sicher so, dass wir Anspruch darauf haben, weiter nach vorne zu schielen. Wir wissen jedoch auch, dass es noch ein weiter Weg bis dorthin ist.

Es kursieren verschiedene Versionen, wie Belinda einst zur Tennisspielerin wurde.
Ich weiss, auf was Sie anspielen: Vor zwei Jahren schrieb ein Journalist, dass wir die Tenniskarriere unserer Tochter bereits vor ihrer Geburt geplant hätten. Seitdem geistert dieser Unsinn im Netz herum.

Wie war es denn wirklich?
Wir hatten einen Tennisclub in Oberuzwil und haben sie dort schon bald mitgenommen, damit sie ein bisschen gegen die Bälle schlägt. Als sie drei oder vier war, habe ich vor dem Garagentor eine Schnur gespannt, wo wir zusammen den Ball hin und her spielen konnten, ohne dass wir immer gleich einen ganzen Platz mieten mussten. Irgendwann haben wir dann Melanie Molitor, die Mutter von Martina Hingis, angerufen, und daraus ergab sich, dass wir oft bei ihr in der Akademie trainierten oder mit ihren Sparringpartnern oder Trainern zusammenarbeiteten. Da nahm das Ganze dann Fahrt auf, von da an begann Belinda systematisch zu trainieren. Schliesslich ging es an die ersten Turniere, zuerst national, später international.

Weshalb haben Sie gerade Melanie Molitor angerufen?
Wir waren zuvor bei anderen Coaches und merkten schnell, dass das Tennis bei vielen kommerziell gesteuert wird. In den Tennisschulen ist man schnell ein Talent, wenn der Vater Geld hat. Deshalb wandte ich mich an Melanie Molitor, schliesslich hatte sie es mit ihrer Tochter geschafft. Ich war sicher, dass sie mir einen ehrlichen Ratschlag geben kann, was weiter zu tun ist.

Was hat sie gesagt?
Sie hat mit Belinda gespielt und gesagt, dass sie schon sehr weit sei. Wir wollten wissen, ob es überhaupt Sinn macht, den Weg weiterzugehen. Oder ob sie sagt: Packt eure Sachen zusammen, das wird nie etwas! Das war jedoch nicht der Fall. Melanie Molitor fand, dass Belinda alle Schläge beherrsche und es sehr gut aussehe. Und wir weitermachen sollen, wenn wir das wollen. Von da hat sich alles weiterentwickelt.

Sie haben es in Ihrer Antwort vermieden, das Wort Talent auszusprechen.
Talent ist ein heikles Wort. Was ist Talent? Ich finde, dass es auch ein Talent ist, wenn man hart arbeiten kann. Nicht alle sind dazu fähig.

Das ist trotzdem nicht gerade das, was man sich unter Talent vorstellt.
Sicher sieht man bei einem Kind, ob es koordinativer oder beweglicher ist oder mehr Willen als andere hat. Das sind alles Komponenten, die wichtig sind für den Erfolg, ihn aber noch lange nicht garantieren. Die meisten sehen nur das Endprodukt und denken dann: Wow, was für ein Talent. Was aber alles dahintersteckt, dass es noch mehr braucht als nur Talent, sehen sie nicht.

Wann kam der Zeitpunkt, als Sie sagten: So, jetzt setzen wir voll auf die Karte Sport?
Von Anfang an.

Von Anfang an?
Natürlich nicht gerade mit zwei Jahren, schon später. Uns war jedoch schnell klar: Wenn wir es machen, dann richtig. Entscheidend war bei allem immer, was Belinda davon hält. Es hat sich so entwickelt, dass sie Spass daran hatte. Und auch den nötigen Ehrgeiz zeigte.

Bei allem Willen und auch Talent braucht es im Tennis noch eine weitere Komponente für den Erfolg: Geld. Für eine Familie aus dem Mittelstand wäre das nicht zu stemmen gewesen.
Genau. Deshalb haben wir nach einem Investor gesucht und diesen in Marcel Niederer, einem ehemaligen Eishockey-Kollegen von mir, gefunden. Niederer ist ein Geschäftsmann und hat mir dabei geholfen, weitere Sponsoren für Belinda zu finden. Heute ist er immer noch als Manager bei uns dabei.

Welche Rolle hat Melanie Molitor inne?
Wir sind täglich in Kontakt. Sie hilft uns, wir sind oft bei ihr im Training. Ich bin froh darüber, denn sie ist eine hervorragende Trainerin.

Ich stelle mir das nicht einfach vor: Auf der einen Seite müssen Sie als Belindas Trainer die Richtung vorgeben, auf der anderen Seite sind Sie der Vater, von dem sich die Tochter allmählich lösen möchte.
Da gebe ich Ihnen Recht, das ist sicher nicht einfach. Was aber auch normal ist. Das gehört dazu, wenn man Kinder hat. Eltern versuchen ihren Kindern das mitzugeben, von dem sie eine Ahnung haben – ob sie nun Ärzte, Lehrer sind oder sonst einen Beruf ausüben. Bei uns ist es der Sport, der uns immer wichtig war.

Hören Sie auch manchmal Kritik an dem, was Sie tun?
Ja, die bekomme ich durchaus mit. Es ist halt ungewöhnlich, was wir machen. Das kann sich einer, der den Sport nicht lebt, gar nicht vorstellen. Da heisst es schnell: das arme Kind! Schauen Sie sich Belinda an, wenn sie Tennis spielt oder Interviews gibt: Ich finde nicht, dass sie so aussieht, als wollte sie das nicht selber tun. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.06.2014, 12:23 Uhr

Belinda Bencics Vater Ivan.

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