«Ich sah alles aus der Vogelperspektive»

Der 9. Turniersieg in Basel liess den früheren Balljungen Roger Federer emotional werden wie schon lange nicht mehr.

Roger Federers Pressekonferenz nach seinem Finalsieg in Basel. Video: Fabian Sanginés

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Zweieinhalb Stunden vergingen, bis Roger Federer nach seinem Turniersieg vor die Journalisten trat – mit einer Ballboy-Medaille um den Hals. Er habe diesen Sieg mit Familie, Freunden und den Ballkindern (beim traditionellen Pizzaessen) auskosten wollen, ehe er sich den Fragen stellte, erklärte er.

Wie befriedigend war diese Woche und der erste Titel seit Juni für Sie?
Die Erleichterung ist gross, das ist möglicherweise ein Wendepunkt. Ich hatte schon in Shanghai gut gespielt, und das war nun wieder eine grosse Woche. Ich musste hart kämpfen, es war anders als früher in Basel. Siegen macht Spass, gibt dir Selbstvertrauen, und das brauche ich, wenn ich in die Saison in London gut abschliessen will. Aber im Moment interessiert mich London noch gar nicht. Hier in Basel vor meinem Heimpublikum zu gewinnen, bedeutet mir die Welt. Es war eine fantastische Woche.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Seit Jahren denke ich, jeder Titel könnte mein letzter sein. Und inzwischen schaffe ich es, diese Momente viel bewusster zu geniessen, eine schöne Party zu machen. Ich hatte heute 50 Tickets an Freunde und Familie vergeben, deshalb komme ich erst jetzt zu euch…. In Basel ist jeder Sieg noch emotionaler als anderswo, mit dem Heimpublikum, mit den Stehenden Ovationen. Und 99 Titel ist eine gewaltige Zahl, 9 Titel in Basel auch. Das ist verrückt, ich kann es nicht glauben. Die Genugtuung ist auch deshalb so gross, weil ich so stark kämpfen musste. Diese Siege bleiben dir mehr in Erinnerung. Ich habe nicht bei allen 99 Titeln gut gespielt.

Man glaubte es Ihnen, als Sie an der Siegerehrung sagten, Sie seien der glücklichste Mensch. Welches war der schönste Moment?
Der erste Höhepunkt ist der verwandelte Matchball. Da fällt dir ein Stein vom Herzen, bist du überglücklich. Dann sitzt du da, hörst die Musik, und die Ballkinder kommen. Das ist für mich hier der Moment, der mich erschauern lässt und mich fast am meisten berührt. Weil ich mich selber sehe, wie ich früher ein Balljunge war. Ich habe dann auch Respekt, fast Angst vor meinen eigenen Emotionen bei der Siegesrede. Es könnte sein, dass ich in den Strudel komme, mich nicht mehr retten kann, wenn der Applaus nicht mehr aufhören sollte. Diesmal rettete es mich, dass ich mich in verschiedenen Sprachen ans Publikum wandte. Das war mir auch ein Bedürfnis. Viele verstehen nichts, wenn wir hier immer nur Schweizerdeutsch sprechen.

Neun Titel – und trotzdem bleiben Siege in Basel für Sie aussergewöhnlich...
Das ist so. Die ganze Siegerehrung berührt mich tief. Ich sah heute alles wie aus der Vogelperspektive, wie ich im Goldregen stand, und war einfach nur noch glücklich. Glücklich, dass ich es nicht vermasselt hatte, und weil ich wusste, dass meine Kinder im Stadion sind, meine Frau, meine Mannschaft, meine Freunde und Familie. Manchmal treffen dich diese Emotionen voll, manchmal wankst du nur. Diesmal habe ich gewankt.

Spielerisch war es zuerst eine durchzogene Woche, doch plötzlich lief es wie von alleine. Warum?
Der Beginn der Woche war holprig, ja. Aber ich retournierte die ganze Woche gut, vor allem mit dem Rückhand-Slice. Mit der Zeit befreite ich mich und spielte mit mehr Kontrolle und Sicherheit. Wieso das so war, dafür habe ich keine Erklärung. Vielleicht fehlte es mir etwas am Vertrauen, vielleicht waren es auch die Spätfolgen des Sommers, der wegen der Schmerzen in meiner Hand kompliziert war.

Werden Sie auch in Paris-Bercy antreten?
Ich habe nun einen freien Tag und werde schauen, wie ich mich fühle. Der Plan ist, am Dienstag nach Paris zu reisen, dort am Nachmittag zu trainieren und am Mittwochabend erstmals zu spielen.

Warum reizt Sie dieses Jahr ein Start in Paris?
Weil ich mich jeden Tag hier besser fühlte. Der schnelle Halbfinal am Samstag war hilfreich, und der Final war auch nicht sonderlich anstrengend. Natürlich war da der mentale Stress, der eine Müdigkeit mit sich bringt. Aber ich fühle mich gut, und hoffe, dass das so bleibt. Mit meinem Team habe ich zudem darüber diskutiert, dass mir momentan Partien mehr bringen könnten als das Training, auch im Hinblick auf London. Und solange ich keine Angst vor Verletzungen haben muss, kann ich es ja in Paris probieren – ohne gleich schon an den Turniersieg zu denken.

Das war Ihr erster Titel, seit Sie Uniqlo-Kleider tragen. Macht ihn das auch speziell?
Ich hörte schon einige Leute munkeln, dass es mir darin nicht so richtig laufe. Aber von so etwas lasse ich mich nicht beirren. Ich hatte den Japanern allerdings schon gesagt, dass es mein Ziel sei, weitere grosse Turniere zu gewinnen, vielleicht noch einen Grand-Slam.

Nun fehlen Ihnen nur noch zehn Titel, um zu Rekordhalter Jimmy Connors aufzuschliessen. Ist das nun Ihr Ziel? Sie könnten ja nun mehr kleine Turniere bestreiten….
Daran dachte ich vor einigen Jahren auch. Aber das ist nicht so einfach. Ich habe eine Familie, habe Ziele – Wimbledon, das ATP-Finale, Basel... Ich kann nur eine bestimmte Anzahl von Turnieren spielen. Aber klar: Titel sind ein Grund, weshalb ich noch spiele – neben den Zuschauern, und weil ich immer noch gerne Tennis spiele. An den Rekord von Connors denke ich aber nicht. Ich bin ihm zwar wieder einen Schritt näher – aber auch einen Schritt näher an der 100. Selbst wenn ich das nicht mehr schaffen sollte, wäre es super. Aber klar: Die 100 sind nun das Ziel. Es könnte an jedem Turnier geschehen, und das ist eine Extramotivation. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.10.2018, 20:42 Uhr

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