Warum Scharapowa die Sportwelt spaltet

Soll die Tennis-Diva nach Paris und Wimbledon eingeladen werden? Eine Debatte läuft heiss.

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Serena Williams bereitet sich auf die Geburt ihres ersten Kindes vor und fällt vorerst aus. US-Open-Siegerin Angelique Kerber stolpert derweil von Niederlage zu Niederlage – und bleibt trotzdem die Nummer 1, weil niemand davon profitiert. Die grössten Schlagzeilen im Frauentennis schafft dafür mit Maria Scharapowa eine Spielerin, die gerade eine 15-monatige Dopingsperre absass, aus der Weltrangliste fiel und deshalb nicht einmal für das French Open und Wimbledon qualifiziert ist.

Die banale Frage, ob der 30-jährigen Russin die Rückkehr ins Profitennis durch die Vergabe von Wildcards (Einladungen) erleichtert werden sollte oder nicht, erhitzt seit Monaten die Gemüter. Und statt dass sich diese langsam beruhigen, gehen die Emotionen immer noch höher, jetzt, wo die wirklich wichtigen Turniere anstehen. Die fünffache Grand-Slam-Siegerin ist aufgrund ihrer Ranglistenposition (momentan 211) und der verschiedenen Stichtage in Paris weder für das Haupt- noch das Qualifikationsturnier qualifiziert, in Wimbledon reicht es gerade für die Qualifikation, die am 26. Juni beginnt. Roland Garros verwehrte der Russin sogar eine Einladung ins Vorturnier, womit sie an der Seine fehlen wird. Dass sie zumindest in Wimbledon dank einer Wildcard noch direkt ins Hauptfeld rutschen wird, scheint unwahrscheinlich.

An Scharapowa haben sich die Geister schon immer geschieden. Das hängt vor allem mit ihr zusammen: Ihr divenhaftes Auftreten, ihre arrogante Art gegenüber den Berufskolleginnen, ihre Ignoranz und Egozentrik kamen noch nie gut an – und natürlich ist da auch eine Portion Neid im Spiel. Die 1,88 m grosse Russin, die für öffentliche Auftritte gerne in High Heels schlüpft und so auf noch mehr Leute herabschauen kann, ist nicht nur seit Jahren die bestverdienende Sportlerin der Welt. Sie gewann in schönen Abständen auch immer wieder Grand-Slam-Turniere. Schon mit 17 Wimbledon (2004), zwei Jahre später das US Open, wieder zwei Jahre später Melbourne, danach 2012 und 2014 Roland Garros. Schon mit 18 war sie die Nummer 1.

Scharapowa spaltet die Tenniswelt aber in ungleiche Teile: Für die Zuschauer ist sie – sofern diese ihr Stöhnen nicht stört – eine der grössten Attraktionen, für die meisten ihrer Kolleginnen auf der Tennistour aber ein rotes Tuch. Und auch bei den Medien ist sie wegen ihrer unnahbaren Art nicht sonderlich beliebt. Nachdem sie und ihr Umfeld übersehen hatten, dass Meldonium ab dem 1. Januar 2016 auf der Dopingliste stand, und sie prompt am Australian Open positiv getestet wurde, hielten viele die Zeit der Abrechnung für gekommen.

Selbstdarsteller und Interessenvertreter

Ihre Situation ruft auch Leute auf den Plan, die sich darob zu profilieren versuchen. So zeigte der neue Präsident des französischen Tennisverbandes, Bernard Giudicelli, dass er sich nicht vor heiklen Entscheidungen fürchtet. Der Verzicht auf Scharapowa, immerhin zweifache Paris-Siegerin, soll aber wohl auch noch eine andere Message transportieren: Seht her, wir brauchen Scharapowa nicht, unser Turnier in Roland Garros ist grösser als sie. Dass auch Serena Williams und Roger Federer fehlen, ist Pech.

Kontrovers und heiss diskutiert wird inzwischen ein Statement, das Steve Simon abgab, der CEO der WTA-Tour. Indem ihr Paris eine Wildcard vorenthalte, werde Scharapowas Strafe erhöht, dabei habe sie ihre Sperre gemäss Anti-Doping-Richtlinien ja verbüsst, war der Kern seiner Aussage.

Der WTA-Chef in der Kritik

Diese Äusserung sorgte bei vielen, gerade Spielerinnen und Spielern, für Unverständnis. Denn tatsächlich gibt es keinen Anspruch auf Wildcards, auch nicht für Maria Scharapowa, die doch schon in Stuttgart, Madrid und Rom von Einladungen profitierte. Selbst der französische Profi Nicolas Mahut wandte sich in einem Tweet gegen den WTA-Chef: «Entschuldigung, Herr Simon. Aber Maria Scharapowa wurde vom französischen Verband weder bestraft noch sanktioniert. Sie wurde einfach nicht eingeladen.»

Die Amerikanerin Nicole Gibbs ging noch einen Schritt weiter und erklärte, Simons Aussage sei respektlos gegenüber all jenen, die die Regeln befolgten und nicht für jedes Turnier falls nötig eine Wildcard erhielten.

Was Steve Simon dazu getrieben hat, sich hinter Scharapowa zu stellen, ist unklar. Möglicherweise befürchtet er, das Frauenturnier könnte am French Open in Ermangelung von Starpower etwas unter dem Radar durchgehen. Unklar ist auch, wo die Russin das nächste Mal zu sehen sein wird. Das kleinere Sandturnier von Strassburg von kommender Woche hat ihr im Gegensatz zu Paris eine Wildcard offeriert, doch die Chance, dass sie diese annimmt, dürfte klein sein.

Wahrscheinlicher ist, dass Scharapowa die Sandsaison nun abbricht, zumal sie sich in Rom auch noch verletzte und gegen Mirjana Lucic-Baroni aufgeben musste wegen einer Verletzung im linken Oberschenkel (sie führte 2:1 im 3. Satz). Ihre Sandbilanz mit fünf Siegen und drei Niederlagen ist durchzogen. Sollte sie rechtzeitig wieder fit sein, dürfte sie ab dem 19. Juni in Birmingham auf Rasen zurückkehren. Wie man hört, dank einer Wildcard.

Scharapowas Verklärung

Die Russin scheint ihre Rolle und die Diskussionen um sie zu geniessen. In Rom gab sie keine Medienkonferenz, veröffentlichte dafür aber ein Statement, das voller Pathos und in seiner Verklärtheit schon fast poetisch ist. «Falls es das ist, was es braucht, um wieder nach oben zu kommen, dann bin ich voll dabei, tagtäglich», heisst es da. «Keine Worte, Spiele oder Aktionen können mich je davon abhalten, meine eigenen Träume zu verwirklichen. Und davon habe ich viele.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2017, 12:13 Uhr

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