«Als würde mein Gehirn versuchen, aus meinem Kopf zu klettern»

Eingeständnisse zu psychischen Schwächen: Das ist im Sport ein Tabu-Thema. NBA-Spieler Kevin Love hat damit gebrochen – und so eine Debatte neu entfacht.

Mutig: Basketballstar Kevin Love spricht offen über seine Panikattacke.

Mutig: Basketballstar Kevin Love spricht offen über seine Panikattacke. Bild: Keystone

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Anfang Woche haben sie wieder gewonnen, die Houston Rockets. «Kann James Harden die Siegesserie noch weiter ausbauen?», fragte «USA today». Tags darauf haben sie wieder gewonnen, die Cleveland Cavaliers. «Kann LeBron sein Team noch weiter tragen?», fragte «CBS Sports». Die NBA sucht ihre Helden, sieben Tage die Woche, Jahr für Jahr. Der nordamerikanische Profisport liebt seine Stars, und noch viel lieber stellt er sie auf die grell ausgeleuchtete Bühne, welche die Öffentlichkeit permanent besuchen, bestaunen und vor allem bewerten kann. Einen doppelten Boden hat diese Bühne nicht. Wer fällt, der fällt tief. Es ist ein riesiger Druck, dem die Sportler auf diesem Niveau ausgesetzt sind.

Kevin Love hat darunter gelitten. Und nun auch darüber gesprochen. Der 29-Jährige ist einer der Stars bei den Cavaliers, dem Team von Überspieler LeBron James. Love ist NBA-Champion, fünffacher All-Star-Teilnehmer, Olympiasieger. Eine Grösse im US-Basketball.

«Als würde mein Gehirn aus dem Kopf klettern»

Und an ihn, den Star, bei dem alles leicht aussehen soll, kommen Ängste, kommen Probleme mit seiner Motivation nicht heran. So ist die Meinung, so ist der Irrglaube. Auf der US-Sportler-Plattform «The Player's Tribune» wandte sich der Profi Anfang Woche an die Öffentlichkeit und beschrieb offen seine Panikattacke in einem Ligaspiel Anfang November. «Es ist schwer zu erklären, aber alles drehte sich. Es war, als würde mein Gehirn versuchen, aus meinem Kopf zu klettern», schrieb Love. Es war der Versuch, den Ausdruck einer Depression zu erklären. Eine Krankheit, welche im Spitzensport noch immer hochgradig tabuisiert wird.

Loves Worte lassen um so mehr aufhorchen, als sich DeMar DeRozan wenige Tage zuvor mit ähnlichen Problemen an die Öffentlichkeit wandte. «Egal, wie unzerstörbar wir alle wirken mögen, am Ende des Tages sind wir auch nur menschlich.» Der Star der top-platzierten Toronto Raptors ist einer der fünf bestbezahlten NBA-Spieler – mit seiner Aussage konterkarierte er nun das Bild des toughen, unerschütterlichen Profiathleten. «Manchmal machen uns die Gefühle in unserem Sport zu den besten, manchmal aber fühlt es sich auch an, als lastete das Gewicht der ganzen Welt auf dir», sagte er dem «Toronto Star.»

Die Panikattacke von Love wurde im Anschluss als gesundheitlicher Schwächeanfall verkauft, Tage später stand der Power Forward wieder auf dem Parkett. Äusserlich liess er sich nichts anmerken. «Darüber zu reden ist am schwierigsten», schrieb Love, «ich erinnere mich, wie gross die Angst war, dass jemand herausfinden würde, warum ich wirklich zusammengebrochen war.»

LeBrons zweifelhafte Rolle

Aktuell pausiert Love wegen einer physischen Verletzung, seit Ende Januar laboriert er an einem Handbruch. Dass er erst jetzt, im Augenblick seiner körperlichen Versehrtheit, Zeit gefunden hat, über seine seelischen Probleme zu reden, lässt tief blicken. «Mentale Gesundheit ist nicht nur für uns Athleten zentral», stand in Loves Plädoyer weiter, «das geht uns alle etwas an.»

Die Worte von Love und DeRozan haben in der Basketball-Welt für ein breites Echo gesorgt. Fragwürdig erscheinen aber die Reaktionen von Loves Teamkollegen, wie etwa jene von LeBron James.

LeBron ist bei den Cavaliers eine Institution, er treibt sich und das Team zu Höchstleistungen, beansprucht aber auch Raum, Zeit und Aufmerksamkeit. Neben ihm bleibt wenig Platz. Love schien im Team seit je her einen schweren Stand gehabt zu haben. Noch in einem Spiel im Januar will ihm von seinen Teamkollegen kaum einer aufhelfen, einer streift ihn, am Boden liegend, gar noch absichtlich mit dem Fuss. In einer anderen Partie faltete James seinen Teamkollegen vor laufenden Kameras sichtbar heftig zusammen.

Die Debatte über Depressionen im Spitzensport ist nicht neu. Im deutschen Raum wurde sie insbesondere nach dem Selbstmord des deutschen Torwarts Robert Enke in einer breiteren Masse zum Thema. Die Witwe Teresa Enke engagiert sich seit dem Tod ihres Mannes in einer Stiftung für die Enttabuisierung von Depressionen und sagte jüngst in einem Interview: «Es ist immer noch schwierig, mit dieser Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen. Menschen bekommen an ihrem Arbeitsplatz gesagt: ‹Komm, reiss dich zusammen›, einfach weil Depressionen nicht so greifbar sind, wie andere Krankheiten.»

Dass der zum Teil unmenschliche Leistungsdruck nicht nur für Spitzensportler verheerende Folgen haben kann, zeigt das Beispiel des deutschen Schiedsrichters Babak Rafati. Der iranischstämmige Deutsche hatte sich 2011 vor einer Bundesligapartie die Pulsadern aufgeschlitzt – und konnte von Notärzten im letzten Moment vor dem Tod bewahrt werden. Seine Depressionen verarbeitete Rafati später auch in einem weitum beachteten Buch. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2018, 17:10 Uhr

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