Beflügelt vom Rhythmus anderer

Eliteläufer profitieren meist von Tempomachern, Breitensportler nach Wunsch auch. Für sie waren am Zürich Marathon 22 im Einsatz.

Wer sich an den unübersehbaren Schrittmacher hält, erreicht das Ziel in vier Stunden: Regierungsrat Thomas Heiniger führt Dutzende über die Marathondistanz. (Bild: Urs Jaudas)

Wer sich an den unübersehbaren Schrittmacher hält, erreicht das Ziel in vier Stunden: Regierungsrat Thomas Heiniger führt Dutzende über die Marathondistanz. (Bild: Urs Jaudas)

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Die Szenen, die sich im Zielgelände des Zürich Marathon am Mythenquai abspielen, sprechen Bände. Die afrikanischen Eliteläufer und der rührige zweitplatzierte Japaner Yuki Kawauchi haben hinter dem finalen Bogen der grossen Erschöpfung der Volksläufer Platz gemacht. Sie treffen erst nur vereinzelt und dann immer zahlreicher ein. Viele Zuschauer, das prächtige Wetter und eine leichte Bise haben den meisten den langen Weg hinauf nach Meilen erleichtert, allerdings liess es sich unschwer erahnen, dass dieser Schub im Rücken für die Strecke zurück in die Stadt wenig Gutes verheisst: Kampf gegen den Wind, Haushalten mit den Kräften.

Der verwirklichte Traum

Nun stehen, sitzen und lehnen sie gebückt und ausgepumpt im Ziel, noch fassen nicht alle ihr Glück, ihren verwirklichten Traum, ihre Leistung. Einige wissen aber ziemlich genau, wem sie den gelungenen Tag auch verdanken. 22 sogenannte Pacemaker, die auf der ganzen Strecke ein konstantes Tempo laufen, haben sich bereits morgens um sieben getroffen, um sich zu besprechen, wer für welche Geschwindigkeit zuständig sein soll. Jeder und jede, unter ihnen auch der Zürcher Regierungsrat Thomas Heiniger, hat eine giftgrüne Flagge mit aufgedruckter Zielzeit gefasst und sie in einen flachen Rucksack gesteckt, für alle sichtbar. Ihre persönlichen Ziele haben sie zu Hause gelassen, die einen Schrittmacher betrachten den so absolvierten Marathon als Trainingslauf, für die anderen ist es eine Art Akt der Nächsten- oder wohl vielmehr Läuferliebe.

Der grosse Lohn

Markus Streit, der diese Aufgabe zum achten Mal übernommen hat, sagt: «Ich habe das einmal gemacht, das gab mir ein so gutes Gefühl, dass ich mich immer wieder zur Verfügung gestellt habe.» Die Herausforderung ist gross, die Verantwortung zu übernehmen, dass andere möglichst leicht über die Distanz und etwelche Krisen kommen. Entsprechend ergreifend sind eben die Szenen im Ziel.

Plötzlich liegen sich fremde Menschen in den Armen, die Knie wackeln, die ­Tränen fliessen, die Worte stocken. Streit sagt: «Sie sind so dankbar, viele kommen vorbei und bedanken sich persönlich.» Er fügt an, er wisse jeweils nicht genau, wie viele ihm folgen. Gestern aber ist es ihm gelungen, eine Läuferin, die zurückzufallen drohte (oder geistig bereits abgehängt hatte, wie er sagt), noch einmal zu be­flügeln und wieder auf Kurs zu bringen. Das ist für ihn der Lohn für die selbst­losen Bemühungen.

Auch schon ist der Dank über einen schweissnassen Händedruck hinausgegangen. Robin Lötscher erzählt, wie er einmal sogar Wein von einem Romand zugeschickt bekam. «Über die Organisation hat er mich ausfindig gemacht.» Zu einem speziellen Erfolg hat Lötscher auch gestern beigetragen: «Uns schloss sich einer an, der sich die Vierstundenmarke zum Ziel gesetzt hatte – er zog es durch und war eine Viertelstunde schneller.» Natürlich weiss er, dass er massgeblich dazu beigetragen hat.

Der fiese Knackpunkt

Von zuerst 300 und zuletzt noch 100 begleitet wurde Oliver Altorfer. In drei­einhalb Stunden führte er die ständig schrumpfende Gruppe zum Ziel – Knackpunkt ist für die meisten die 30-km-Marke. Dass auch die Guides nicht vor Schwächen gefeit sind, erlebte er vor zwei Jahren, als sein Kollege mit Krämpfen aufgeben musste. «Zum Glück waren wir wie jetzt zu zweit.» Ganz ohne Probleme meisterte Gesundheitsdirektor Heiniger seine Pacemaker-Premiere, fand jedoch: «Es war anstrengend, den Rhythmus so konstant zu halten. Es war schwieriger, als wenn ich nur für mich laufe.» Präzis in 3:59 Stunden erreichte er gefolgt von seinen Begleitern das Ziel, was von OK-Präsident Bruno Lafranchi mit «Guter Job!» gewürdigt wurde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2015, 21:43 Uhr

Hinter den Bretterverschlägen wird die Quaibrücke saniert.

3:30 oder 4 Stunden? Die Schrittmacher auf dem Weg an den Start.

Adrian Lehmann war der schnellste Schweizer und ein Versprechen.

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13. Zürich Marathon: Lehmann mit einer Klasseleistung

Mit 2:11:35 Stunden von Edwin Kemboi (Ken) und 2:37:46 der Japanerin Yoshiko Sakamoto waren die Siegerzeiten des Zürich Marathon beachtlich, aber nur 2006 schwächer. Dem setzte OK-Präsident Bruno Lafranchi gegenüber: «Dafür war die Durchschnittszeit der zehn schnellsten Männer kaum einmal so gut.» Das war auch der Grund, warum Adrian Lehmann als bester Schweizer nicht über Platz 12 hinauskam. Dennoch zeigte der 26-Jährige im erst dritten ­Marathon Eindrückliches: Mit seinen 2:17:24 blieb er fast anderthalb Minuten unter seiner Bestmarke von Berlin 2013 – trotz ­ungünstiger Rennkonstellation. Ab Kilometer 2 war der Berner auf sich allein gestellt. «Ich musste beissen», erklärte er. Trotzdem lief er mit überzeugender Konstanz. «Ich baute auf mein gutes Körpergefühl und die Emotionen vom EM-Marathon.» Damals hatten geschätzte hunderttausend Zuschauer das Rennen verfolgt. Viele, aber längst nicht so viele waren es gestern, als insgesamt 8782 in drei Kategorien starteten und fast alle auch das Ziel erreichten.

Für das Schweizer Topergebnis bei den Frauen sorgte Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig. Sie hatte die 42,195 Kilometer als Trainingswettkampf betrachtet und sie kontrolliert angegangen – mit der Absicht, «auf den letzten 10 Kilometern zu attackieren, falls die Beine sich gut anfühlen». Das taten sie, sodass die 33-Jährige jeden Kilometer um durchschnittlich 20 Sekunden schneller lief als zuvor. In 2:46:08 wurde sie Zweite – kurz vor dem Ziel war sie zu einem besonderen Aufsteller gekommen: Sie vermochte ihre Trainingskollegin Jane Fardell (Au) zu überholen. Diese hatte sich erst am Vorabend zum Start entschlossen, obschon sie vor einem Monat den Marathon von Rom und vor einer Woche jenen von Paris bestritten hatte – in 2:46:38 wurde sie Dritte. (jgg)

Zürich. Marathon. Männer: 1. Kemboi Kiyeng (Ken) 2:11:35. 2. Kawauchi (Jap) 2:12:13. 3. Gebre (Äth) 2:12:16. – 12. Lehmann (Langenthal) 2:17:24. – Aufgegeben: Ott (Kilchberg, km 19). Frauen: 1. Sakamoto (Ja) 2:37:46. 2. Spirig (LC Zürich/Bachenbülach) 2:46:08. 3. Fardell (Au) 2:46:38. 4. Aeschbacher (Oberfrittenbach) 2:47:38.

Vollständige Resultate: www.zurichmarathon.ch

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