Der Alleskönner begeistert die Baseball-Welt

Shohei Otani ist nicht nur der beste Werfer, sondern auch einer der besten Schläger Japans – und irritiert damit die Major League Baseball.

Ab durch die Decke: Multitalent Shohei Otani schlägt den Ball so hoch, dass der im Stadiondach verschwindet. Video: WBSC (Youtube)


Sie nennen ihn schon heute bei dem ­Namen, der im Baseball mit so vielen ­Erwartungen verbunden ist wie kein ­anderer: Babe Ruth. Ruth: einer der grössten und bedeutendsten Baseballspieler der Geschichte. Er: Shohei Otani, 22-jährig aus Oshu im Norden Japans.

Otani ist ein Modellathlet, 1,95 m gross, 100 kg schwer, mit einem Arm, der sowohl die Kraft hat, den Baseball 160 km/h schnell zu werfen, der es aber auch schafft, ihn durchs Stadiondach zu schlagen. Er tut beides so gut wie fast kein anderer im Land, weshalb ihn sein Team regelmässig sowohl als Werfer als auch als Schläger einsetzt. Das ist ziemlich ungewöhnlich. Das ist, als würde Manuel Neuer einmal im Monat als Stürmer für Bayern München auflaufen.

Otani begann mit dem Sport, weil er so cool sein wollte wie die Baseballer. Schon als Kind spielte er immer auf allen Positionen, doch erst als er sich in der Highschool vermehrt mit anderen zu messen begann, merkte er, dass sein ­Talent ungewöhnlich war. Mit 17 Jahren warf er den Ball bereits so schnell, dass er bald zum Objekt der Begierde für die Scouts aus der Major League Baseball wurde. Vertreter von Teams mit grossen Namen kamen vorbei, um sich mit ihm zu treffen. Sein Weg schien klar vorgezeichnet, er bat deshalb die Mannschaften aus der japanischen Liga, ihn gar nicht erst zu draften.

Die Präsentation vom Traum

Doch dann kamen die Nippon Ham Fighters. Das Team der umsatzstärksten Wurstfabrik Japans ist bekannt dafür, nicht alles so zu machen, wie man es erwartet. Der damalige Sportdirektor ­Masao Yamada hatte eine einfache Taktik: Nimm beim Draft den Besten. Er zog Otani in der ersten Runde.

Die Geschichte, die folgte, wird in ­Japan so erzählt: Otani bekräftigte nach dem Draft seine Absicht, in die MLB zu gehen. Doch die Nippon Ham Fighters präsentierten ihm den «Weg, um Shohei Otanis Traum zu verwirklichen». Die Präsentation soll ein Video beinhaltet haben, welches das mühsame Leben eines Minor-League-Spielers aufzeigt. Lange Busfahrten, schäbige Hotels, wenig Geld und leere Stadien. Ihm soll eine Dokumentation gefolgt sein, die thematisierte, wie schwer es junge Japaner im Ausland haben, wie gross der Kulturschock sei und wie wenige junge Japanerinnen es gebe, mit denen man ausgehen könne.

Wenn ihm Hunderte beim Training zuschauen, ist das Alltag.

Doch die Nippon Ham Fighters präsentierten Otani noch etwas anderes: die Möglichkeit, sowohl als Werfer als auch als Schläger zu spielen. «Alle anderen Teams sahen mich entweder als Werfer oder als Schläger», sagte Otani. Einen Monat nach dem Draft unterschrieb er seinen Vertrag.

Nach vier Saisons ist er der Superstar der Liga. Wenn ihm Hunderte von Leuten beim Trainieren zuschauen, ist das mehr Alltag als Ausnahme. Frei bewegen kann er sich schon lange nicht mehr. Als er kürzlich zum Flughafen musste, um den Pass zu erneuern, tat er dies mit einer Hand voll Reportern im Schlepptau. Es war wohl das Spannendste, was sie im ganzen Monat berichten konnten, der schüchterne Otani meidet Aufmerksamkeit, so gut es geht.

Nicht mehr vorgesehen

Auf dem Baseballfeld ist das anders. Die Fighters setzen ihn in den meisten Spielen als Designated Hitter ein, als Schläger, der nicht auch noch in der Defensive spielt. Dann lassen sie ihn einen Tag pausieren, bevor er einen Match wirft. So kam er vergangene Saison auf 22 Starts als Werfer und 104 als Schläger.

Und nun steht er erneut weit oben auf den Listen der MLB-Scouts. Doch diesmal werden sie ihm mehr bieten müssen. Der Einsatz im Konkurrenzkampf ist klar: Wer ihn will, muss ihm erlauben, zu schlagen und zu werfen.

Es wird die Organisationen zwingen, ihre Rotationen und Positionen zu hinterfragen. Der Letzte, der ähnliche Statistiken hatte wie Otani war Babe Ruth. Vor gut 100 Jahren. Im modernen Baseball sind Zweiweg-Spieler nicht mehr vorgesehen. Kein Team will riskieren, dass der beste Werfer seinen Arm beim Schlagen überstrapaziert.

Keine richtigen Schläger

Dass Werfer auch schlagen, ist der MLB nicht fremd. In der National League müssen die Werfer während eines Spiels auch ans Schlagmal. Doch Schläger sind sie deshalb noch lange nicht: Als Madison Bumgarner, der Werfer mit den besten Schlag-Zahlen, im All-Star-Game beim Home-Run-Derby mitmachen wollte, wurde es ihm verboten. Grund: Er soll beim Show-Wettkampf nicht einem richtigen Schläger den Platz wegnehmen.

Dass Otani bald in der MLB spielt,­ ­davon sind alle überzeugt. Ob er es auch schafft, die dortige Denkweise zu ändern, bleibt offen. Wenn es soweit kommt, hat er den Namen seines Vorreiters definitiv verdient.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2017, 23:13 Uhr

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