Der GP Bern im Bann zweier Fliegenden

Weltrekordhalter Kenenisa Bekele dominiert über die 10 Meilen und distanziert Tadesse Abraham deutlich. Die Geschichte des Tages schreibt aber Martina Strähl.

Seite an Seite, Siegerin und Sieger: Martina Strähl und Kenenisa Bekele laufen am Grand Prix in einer eigenen Liga. Bild: Christian Pfander

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Einen Gegner hatte Kenenisa Bekele schon lange nicht mehr, als er nach der Nydeggbrücke den Aargauerstalden und damit den letzten Abschnitt des Grand Prix in Angriff nahm. Und trotzdem bildete der 35-jährige äthiopische Ausnahmeläufer nicht die Spitze des Rennens. Noch immer lief vor ihm und bereits auf dem letzten Kilometer die schnellste Athletin – Martina Strähl. Eine Situation, die man am GP so noch kaum einmal gesehen ­hatte. Die Frauen waren sieben Minuten früher gestartet, und in fast allen vorherigen Austragungen hatte der schnellste Mann die schnellste Frau nach drei Vierteln der Strecke überholt. Gestern nicht. Mit einer überragenden Leistung wehrte sich Strähl bis auf den roten Teppich vor dem Ziel dagegen. Und da bedurfte es dann der Endschnelligkeit eines Welt­rekordhalters und Olympiasiegers, um doch noch als Erster einzulaufen.

Bekeles Strahlen verriet, dass er zufrieden war mit dem Auftritt – in 46:46 Minuten war er die drittschnellste Zeit je gelaufen. Und mehr als eineinhalb Minuten verstrichen, bis sein letzter Widersacher, ­Tadesse Abraham, eintraf. Auf den ersten Kilometern hatten sie beide das Rennen horrend schnell gemacht, die 5-km-Marke in 14:01 passiert und von einem Sextett einen nach dem andern stehen lassen. Und nur wenig später war es auch um Abraham geschehen. Der dreifache Bern-­Sieger liess Bekele ziehen, «ich musste mich auf mein Rennen fokussieren und wollte einfach den Abstand nicht allzu gross werden lassen», sagte der Schweizer.

Zurufe in Amharisch und Abrahams Feststellung: «Hey, es ist Bekele!»

Dass Jos Hermens, der Manager Bekeles, auf dem Begleitfahrzeug je länger, desto mehr ins Staunen geriet, hatte damit zu tun, dass der Äthiopier nicht völlig erholt an den Start gegangen war. Vor vier Wochen erst hatte er den London Marathon bestritten. Und nun das: Bekele flog geradezu durch die Strassen Berns – auch die zahlreichen Anstiege mochten ihm nichts anhaben. Zwischendurch rief ihm Hermens kurze Anweisungen in Amharisch, Bekeles Muttersprache, zu und sagte ­lachend: «Die versteht aber auch Tadesse Abraham. Für die speziellen Situationen benutzen wir Code-Worte.»

Solche brauchte es gestern nicht, denn Bekele präsentierte sich trotz Vorgeschichte in bestechender Form. Speziell war höchstens, dass Hermens seinen Athleten eher bremste und zur Vorsicht gemahnte, als dieser fast zu übermütig die Altstadt hinunterpreschte. Als Abraham nachher gefragt wurde, ob er irgendwann einmal noch die Hoffnung gehabt habe, aufzuschliessen, erinnerte er in vier Worten an die Ausgangslage: «Hey, es ist Bekele!»

Ja, Bern hat gestern den besten aller Langstreckenläufer gesehen und geniessen können – und das taten die anderen Teilnehmenden ausgiebig. Wo immer sich die Strecken kreuzten, wo immer Bekele ihnen entgegenlief, begleitete ihn eine (laufende) Ovation. Von dieser warmen Stimmung schwärmte er, und was er sonst offenbar kaum einmal tut: Er ­bedankte sich überschwänglich bei den ­Organisatoren. Er sei ja nicht zum ersten Mal in der Schweiz, aber nach Zürich und Lausanne habe er nun auch in Bern eine gute Leistung gezeigt. Fliegend eben. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.05.2018, 22:34 Uhr

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