Missbrauchsskandal: US-Turnverband meldet Insolvenz an

«Moralischer und finanzieller Bankrott»: Der Skandal um den ehemaligen Teamarzt Larry Nassar hat schwere Konsequenzen.

175 Jahre Haft: Der Skandalarzt Larry Nassar kommt nie mehr aus dem Gefängnis. Video: Tamedia

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Über 200 Mädchen – sie alle erlitten das gleiche Schicksal. Sie alle träumten von einer grossen Karriere als Kunstturnerin. Einige von ihnen schafften es, wie beispielsweise Aly Raisman – sie ist fünffache Olympiasiegerin. Sie ist aber auch Opfer. Und zwar von einem Mann, dem sie ihre Gesundheit anvertraut hatte: Larry Nassar. Zwischen 1996 und 2014 war er Arzt des US-Nationalteams – jetzt reisst er es mit in den Abgrund.

In dieser Zeit vergriff sich Nassar sexuell an den Turnerinnen, viele von ihnen zwischen 13 und 15 Jahre alt – die Jüngsten waren sechs. Die Olympia-Bronzemedaille-Gewinnerin von 2000, Jamie Danztscher, erklärte Nassars Praktik so: «Ich hatte starke Rückenschmerzen, ging daher zu Larry. Er steckte seine Finger in meine Vagina, bewegte meine Beine und sagte mir, dass es gleich ein Knacken geben würde.» Danztscher war damals 13-jährig, betrachtete Nassar als Vertrauensperson: «Ich hatte keine Ahnung, was er tat.»

Im Zuge der Ermittlungen versuchte sich Nassar zu rechtfertigen, er habe seine Behandlungen vorgenommen, um «die Beckenmuskulatur der Turnerinnen zu entspannen.» Sein Anwalt Matthew Borgula erklärte, Nassar habe nie abgestritten «medizinische Techniken zu benutzen, die eine vaginale Penetration einschliessen.» Nassar wurde zu 175 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Opfer erhalten von Nassars ehemaligem Arbeitgeber, der Michigan State University, total 500 Millionen Dollar Schmerzensgeld.

«Moralischer und finanzieller Bankrott»

Der Anwalt John Manly, der mehrere Dutzend Opfer vertritt, kritisierte USA Gymnastics und sprach von einem «moralischen und finanziellen Bankrott». Mehr als 350 Kunstturnerinnen hatten eine Klage eingereicht, darunter auch die Olympiasiegerinnen Alexandra Raisman, Gabrielle Douglas und Simone Biles.


Bilder: Missbrauchsskandal erschüttert Turnsport


Nun hat der US-amerikanische Turnverband einen Insolvenzantrag gestellt. Dies teilte USA Gymnastics am Mittwoch mit. Der Verband erklärte, dass der Insolvenzantrag die beste Option sei, um die Ansprüche der Missbrauchsopfer, die zivilrechtliche Schritte gegen USA Gymnastics eingeleitet hatten, schnellstmöglich zu bedienen. «Wir schulden es den Opfern, ihre Ansprüche aufgrund der schrecklichen Taten der Vergangenheit vollständig und endgültig zum Abschluss zu bringen», sagte Vorstandsmitglied Kathryn Carson.

Olympia-Lizenz wird entzogen

«Unser Sport ist dank des Mutes dieser Frauen sicherer und stärker geworden. Der Insolvenzantrag und die beschleunigte Abwicklung dieser Ansprüche sind die ersten wichtigen Schritte, um das Vertrauen der Gemeinschaft zurückzugewinnen», so Carson weiter. Seit dem Bekanntwerden des Skandals hatten sich mehrere Sponsoren von USA Gymnastics abgewendet, zudem kündigte das Olympische Komitee der USA im November an, dem Turnverband die Olympia-Lizenz zu entziehen. (fas/sda)

Erstellt: 06.12.2018, 20:04 Uhr

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