Der Weltmeister mit Traktorreifen und twitternder Oma

An der Schwimm-WM pulverisiert Adam Peaty seine eigenen Weltrekorde. Diese Entwicklung ist kein Zufall.

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Wenn junge Leute zu Hause ausziehen, um die Welt zu erobern, dann ändert sich immer einiges. Das hat jetzt auch Adam Peaty erfahren. Wobei der 22-jährige Brustschwimmer aus Uttoxeter in der Grafschaft Staffordshire, Mittelengland, gar nicht allzu weit fortgezogen ist von seinem Elternhaus. Er lebt nun in Loughborough, Grafschaft Leicestershire, ebenfalls Mittelengland. Mit dem Auto braucht man für die Strecke 47 Minuten. Seine Grandma Mavis, berichten gut unterrichtete Kreise bei der Schwimm-WM in Budapest, wasche ihm immer noch regelmässig die Klamotten.

In der richtigen Welt muss man manchmal gar nicht so weite Strecken zurücklegen, um in der Schwimmwelt die Massstäbe zu verschieben. 25,95 Sekunden, das ist seit dem Halbfinal am Dienstag Peatys neuester Weltrekord über die 50 Meter Brust. 15 Hundertstel schneller als jene 26,10 Sekunden, mit denen er im Vorlauf auch schon eine Bestmarke aufgestellt hatte. Die 26,10 Sekunden wiederum waren 32 Hundertstel schneller als Peatys Rekord von der WM in Kasan 2015. Gold sicherte sich Peaty am Mittwoch dann ohne Rekord – in beachtlichen 25,99 Sekunden.

Innerhalb eines Tages hat Peaty also die globale Bestmarke um fast eine halbe Sekunde nach unten geschraubt. Das mag nicht nach aussergewöhnlich viel klingen – tatsächlich kann ein Sprung von 47 Hundertsteln auf längeren Strecken schon mal vorkommen. Aber hier geht es um die 50 Meter Brust – eine einzige Bahn. Das Fachportal «Swim Vortex» zog – passend zum Thema Schwimmen – die grösste aller Wasserflächen als Vergleichswert heran: 47 Hundertstel an einem Tag, das sei beim Verbessern von Bestmarken «der pazifische Ozean im Buch aquatischer Äxte und schwimmerischer Vorschlaghämmer».

Keine gute Voraussetzung

Das Publikum will derartige Leistungssprünge vor allem bejubeln, aber es spricht ja nichts dagegen, sie auch zu verstehen. Und Peatys Umzug von Uttoxeter an die vor allem für ihre Sportfakultät berühmte University of Loughborough liefert zumindest ein paar Erklärungsansätze.

Seitdem Adam Peaty 14 Jahre alt ist, wird er von Melanie Marshall trainiert, die ebenfalls aus Leicestershire stammt; 2006 gewann Marshall, inzwischen 35, EM-Bronze über 200 Meter Rücken. Marshall und Peaty begannen ihre gemeinsame Erfolgsgeschichte in der Kleinstadt Derby, die etwa auf halber Strecke zwischen Uttoxeter und Loughborough liegt. In Derby gibt es nur ein 25-Meter-Becken, was nicht die beste Voraussetzung war für all das, was Adam Peaty schon bald zustandebringen sollte.

Bei der EM 2014 in Berlin brach er das erste Mal den Weltrekord über die 50 Meter Brust (damals in 26,62 Sekunden); Peaty war da gerade mal 19 und hatte eigentlich nur den Plan, sich für die Commonwealth Games zu qualifizieren. Es folgten weitere Bestmarken über 50 und 100 Meter Brust, bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio etwa über 100 Meter (57,13 Sekunden). Mehr war dort nicht möglich: Von den Sprintstrecken zählen nur die 50 Meter Freistil zum olympischen Programm, nicht die 50 Meter Brust.

Melanie Marshall, die ja offenkundig eine taugliche Trainerin ist, wurde daraufhin von Derby nach Loughborough berufen, als leitender Stützpunktcoach. Und Peaty, der diesen Wechsel erst möglich gemacht hatte mit seinen Bestmarken, folgte ihr. Jetzt hat er endlich täglich ein 50-Meter-Becken zur Verfügung, und dass der 1,91-Meter-Mann zudem noch einmal mehr Zeit im Kraftraum verbringt als früher, das sieht man schon an den furchterregenden Muskelbergen, die sich inzwischen unter seinem T-Shirt wölben. «Es gibt Leute, die arbeiten hart – und es gibt Adam Peaty», erzählt Melanie Marshall schon seit Jahren. «Er ist phänomenal.» Marshall wiederum schreckt auch nicht davor zurück, Peaty im Training einen Traktorreifen durch die Gegend schieben zu lassen.

Gewünschter Effekt mit Verspätung

Dass insbesondere die Sprinter inzwischen mehr Zeit im Fitnessstudio als im Becken verbringen, um ihre Maximalkraft zu optimieren, was ihnen dann wiederum eine bessere Wasserlage verschafft, setzt sich als Trainingsstandard im Schwimmen immer mehr durch. Es ist eine mögliche Erklärung dafür, dass längst auch die Rekorde aus dem Jahr 2009 nicht mehr unangreifbar sind, als die Schwimmer noch in den mittlerweile verbotenen Hightech-Anzügen unterwegs waren. Ausserdem hat der Weltverband Fina die Startblöcke umgestaltet, das bringt auch ein paar Zehntel. Dass es gerade für Fabelrekorde immer noch andere Erklärungen geben kann, liegt in der Natur des Leistungssports.

Vor allem profitiert Adam Peaty aber von den gewaltigen Anstrengungen, die im britischen Spitzensport vor den Heimspielen 2012 in London unternommen wurden. Den Briten steht ein Vielfaches an Steuer- und Lotteriemitteln zur Verfügung wie etwa den Deutschen – konzentriert auf jene Disziplinen, die Medaillen versprechen, was auch in England nicht unumstritten ist. Aber effektiv. 2012 in London hatten die Programme bei den Schwimmern noch nicht die erwünschte Wirkung gezeigt, seither tun sie es mit Verspätung. So schwingen sich in Budapest in Peatys Sog auch andere zu Medaillengewinnern auf. Benjamin Proud, 22, etwa, Weltmeister über 50 Meter Schmetterling: Dass Peaty es vorgemacht habe, «macht es für uns einfacher, die nächste Person mit Gold zu sein».

Ja, es hat sich viel verändert, seit Adam Peaty der umjubelte britische Vorschwimmer ist. Nicht zuletzt für seine Oma. Vor den Rio-Spielen legte sich Mavis Williams ein Profil beim Kurznachrichtendienst Twitter an, mit 74, seither retweetet sie alles, was sie über ihren Enkel finden kann. Ihre persönlichen Nachrichten haben ihr sogar einen eigenen Hashtag eingebracht: #OlympicNan. «Man geht in meinem Alter ja nicht mehr so viel aus wie früher», sagte sie AP vor den Rio-Spielen. «Es ist ein neues Hobby und hält mein Hirn am Laufen.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.07.2017, 16:08 Uhr

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