«Nennen Sie uns doch Spinner, Idioten!»

Peter Faé ist Sportchef beim FC Black Stars, Rafet Oeztürk beim BSC Old Boys – beide sind sie leidenschaftlich im Amateurfussball tätig und kennen dessen Eigenheiten aus dem Effeff.

Hatten vor dem Rückrundenstart auf der BaZ-Sportredaktion einiges zu bereden. Peter Faé (links), der Sportchef des FC Black Stars, und Rafet Oeztürk, sein Antipode beim BSC Old Boys.

Hatten vor dem Rückrundenstart auf der BaZ-Sportredaktion einiges zu bereden. Peter Faé (links), der Sportchef des FC Black Stars, und Rafet Oeztürk, sein Antipode beim BSC Old Boys. Bild: Florian Bärtschiger

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Der BSC Old Boys und der FC Black Stars sind die städtischen Nummern 2 und 3 hinter dem FC Basel. Rafet Oeztürk (48) und Peter Faé (61) sind die Sportchefs der zwei Clubs und in dieser Funktion auch die starken Männer im Verein – mit einem Unterschied: Oeztürk ist bei OB angestellt, Faé wirbelt bei «Black» ehrenamtlich.

BaZ: Rafet Oeztürk und Peter Faé, die lange Winterpause neigt sich dem Ende zu. Hatten Sie überhaupt Zeit, um durchzuschnaufen?
Rafet Oeztürk: Grundsätzlich habe ich keine Pause. Gut, von Mitte Dezember bis Anfang Januar ist es ruhiger, da stehen die besinnlichen Tage im Vordergrund. Danach dreht das Geschäft aber wieder voll.
Peter Faé: Bei mir ist dies ähnlich. Als Sportchef ist man gegenüber dem Rest des Vereins immer einen Schritt voraus. Bereits jetzt bin ich am Planen der nächsten Saison. Ruhe habe ich also nie, und wissen Sie was?

Nein.
Faé: Bei uns ist sowieso nie Ruhe (lacht laut).

Worin bestand Ihre Kernaufgabe?
Faé: Es galt, die Abgänge zu ersetzen, denn die Spieler fallen im Winter nicht einfach von den Bäumen. Doch da erlebt man einiges. Für mich ist es unverständlich, welche Vorstellungen und Forderungen Amateurfussballer heute haben. Sie haben teilweise die Realität verloren. Ich übertreibe nicht, Rafet, oder?
Oeztürk: Nein, überhaupt nicht. Ich kann dies bestätigen. In unserer Stadt ist der Leistungsfussball Fluch und Segen zugleich. Wir befinden uns mit unseren Vereinen OB und Black Stars in einer Nische. Für uns kommen vor allem diejenigen Spieler infrage, die nicht im Profibereich spielen können oder wollen. Meine Wahrnehmung ist, dass die Spieler, die zu uns wollen, sich gerne massiv überschätzen. Eben hatte ich wieder so ein Fall.

Erzählen Sie.
Oeztürk: Ein auf einem vernünftigen Level ausgebildeter B-Junior, der in einer U17 nicht weiter kam, meldete sich, und wir boten ihm an, bei unseren A-Junioren einzusteigen. Er hingegen sagte, dass er nur komme, wenn er Promotion League spielen könne und dabei eine Stammplatzgarantie habe. Stellen Sie sich dies vor, das ist wahnsinnig. Der Junge hat noch keine Minute im Aktivfussball in den Beinen und möchte gleich in der dritthöchsten Spielklasse einsteigen. Solches erleben wir massenhaft.

Melden sich auch Spieler aus dem Ausland?
Oeztürk: Ja, vor allem frühere Profis. Da gibt es aber einen Haken. In Europa gelten grundsätzlich die ersten drei Ligen als Profibetriebe. Vielen ausländischen Fussballern ist jedoch nicht bewusst, dass dies in der Schweiz nicht der Fall ist. Die schauen die Tabelle an und denken, dass sie da für gutes Geld spielen können. In unserem Fall: OB ist hinten, also brauchen die sicher Verstärkung. Und dann stehen sie plötzlich da und wollen Geld, ein Auto und eine Wohnung. Dinge, die wir nicht erfüllen können und wollen.

Wie finden die Spieler zu den Black Stars?
Faé: Es ruft dich kein Spieler an, heute hat jeder mindestens drei Manager. Oder es gibt Massenmails, die auch mich erreichen.

Ist es schwierig, Spieler, die im Leistungsfussball ausgebildet wurden, für sich zu gewinnen?
Faé: Die Spieler, die beim FCB scheitern, haben immer noch den Traum des Profifussballs vor Augen. Logisch also, wollen sie im Amateurbereich so hoch wie möglich spielen. Wenn wir einen vom FCB bekommen, dann sind dies gute Typen. Sie sind gut ausgebildet und haben Anstand. Aber in der Regel musst du als Sportchef den Markt selbst gut sondieren.

Weshalb?
Faé: Weil es zu wenig Spieler für die 1. Liga in der Region Basel gibt. Einen vierten Erstligisten würde es nicht vertragen. Diejenigen, die Ambitionen und die notwendige Klasse haben, zählen zum Kader der FCB U21. Wenn wir Spieler von Aarau, Zürich oder Colmar holen müssen, stimmt doch etwas nicht.

Was wäre die Lösung?
Faé: Ein Team Basel in der Challenge League. Nehmen wir Pedro Pacheco als Beispiel, der bei uns gross geworden ist. Nun wird er aus seinem Umfeld herausgerissen und muss als junger Familienvater nach Rapperswil spielen gehen. Es wäre für ihn doch praktisch, wenn er auf diesem Niveau hier Erfahrungen sammeln könnte.

Ist dies realistisch?
Faé: Es müssten alle mitmachen.
Oeztürk: Vor allem der Verband. Denn der Amateurfussball hat ein grundsätzliches Problem, das ich in Bern immer wieder gerne diskutiere. Der Verband möchte nicht einsehen, dass angehende Profis aus den Breitensportvereinen kommen. Und diese werden schlicht zu wenig unterstützt. Sie werden sukzessive ausgebeutet.

Inwiefern?
Oeztürk: Der Kickback, der zurückkommt, ist sehr gering. Das hat mit dem System zu tun. Der Verband bestimmt auf Stufe D-Junioren nach geografischen Kriterien, wer von den Leistungsbereiten wo eingeteilt wird. Später kommt der FCB und pickt die Besten heraus. Das ist okay. Aber dann kommt die Problematik. Aktuell spielen in der U21 des FCB fünf Junioren, die bei OB das Fussball-Abc erlernten. Kehren sie, wenn sie den Sprung zu den Profis nicht schaffen, zurück, können sie uns extrem helfen. Es gibt aber auch viele, die sich sagen: Wenn es mir schon nicht nach ganz oben reicht, dann möchte ich so wenig Aufwand betreiben und so viel Geld kassieren wie möglich. Das stimmt für mich nicht.

Haben Sie Beispiele?
Oeztürk: Ja, ich bekam kürzlich wieder ein Angebot gezeigt, in dem ein Spieler in einer tieferen Liga vier- bis fünfmal so viel Geld erhält wie bei uns. Das ist ein Problem.
Faé: Das stimmt. Und der Rest des Vereins bezahlt Mitgliederbeiträge, da geht die Rechnung doch nicht auf!

Was läuft falsch?
Oeztürk: Die Vereine sind selbst schuld. Vor wenigen Jahren gab es noch sechs Erstliga-Vereine in der Region, die sich gegenseitig kaputtmachten. Wenn ein Club 50 Franken mehr zahlte als ein anderer, wechselten die Spieler. So wurden die Kosten unnötig in die Höhe geschraubt. Wir überlebten nur, weil wir im richtigen Moment aufgestiegen sind. Leider ist man nach wie vor noch nicht bereit, die Region gemeinsam zu stärken. Es gibt in den Clubs zu viele Eigenbrötler, die ein kurzfristiges Denken haben.

Wie selektieren Sie, ob bei einem Transfer ein Spieler der richtige ist? Es zählt ja nicht nur das Fussballerische.
Oeztürk: Das ist korrekt. Jeder Verein hat seine Philosophie. Wir bei OB sind seit sechs Jahren dran, bewusst auszubilden und auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Heute können wir sagen, dass wir die ersten Junioren ins Fanionteam einbauen können, die diesen Weg gegangen sind.

Aber nur mit Eigenen geht es auf dieser Stufe nicht.
Oeztürk: Unser Grundsatz ist, dass einer, der zu uns kommt, in der Region leben und seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Dazu müssen die sportlichen Ambitionen stimmen. Wir verzichten auf Spieler, bei denen das Finanzielle im Vordergrund ist. Verrückt ist, dass die Spieler sagen, wie viel sie verdienen, und die Vereine kommunizieren, dass sie nichts bezahlen.
Faé: So ist es. Alle sitzen im selben Boot.

Wo liegt die Wahrheit?
Oeztürk: Irgendwo in der Mitte. Wir haben ein Konzept erarbeitet, das leistungsbezogen und gerecht ist. Aber leben kann keiner davon.

Und wie steht es um ausländische Verstärkung – bei OB sind auch schon zehn Spieler aus dem Balkan-Raum gemeinsam im Training gewesen.
Oeztürk: Externe Verstärkungen gibt es immer wieder. Das braucht man auch, denn die Promotion League wird massiv unterschätzt, sie ist nahe an der Challenge League. Wir hatten mal einen Spieler aus dem Balkan-Raum, der OB als Sprungbrett nutzen wollte. Das Sportliche passte, doch er war schlecht beraten. Am Ende hatten wir nur Probleme, weil er sich nicht integrierte, versicherungstechnisch einiges nicht stimmte und er am Ende quasi hungerte.

Gibt es auch Modelle, in denen ein Vertrag im Paket mit einem Job angeboten werden?
Oeztürk: Das kommt immer seltener vor. Die Arbeitgeber sind wachgerüttelt worden. Sie wollen keine Fussballspieler mehr, die pro forma an einem Tisch hocken und nichts tun.

Peter Faé, Sie sind in der Immobilienbranche tätig. Vermitteln Sie Ihren Spielern Jobs?
Faé: Wenn ich einen auf eine Baustelle schicke, dann muss er anpacken. Ich hatte mal einen Stürmer aus Frankreich, der begann morgens um 7.30 Uhr, um 8.15 Uhr musste er offenbar zum Arzt und nachmittags wollte er bereits einen Vorschuss. So läuft das nicht, da muss man vorsichtig sein. Aber es gibt noch anderes, das unglaublich ist.

Was?
Faé: In Frankreich ist es in Mode gekommen, dass Spieler in ihrer Heimat und in der Schweiz unter zwei verschiedenen Namen Fussball spielen. Da muss man aufpassen.

Können Sie Ihre erste Mannschaft überhaupt noch finanzieren?
Oeztürk: Es ist sehr schwierig. Ohne einen Mäzen, Donatoren oder Sponsoren ist die Promotion League nicht zu stemmen. Aktuell führen wir Gespräche, wie wir die nächste Saison gestalten wollen. Es geht um einen mittleren sechsstelligen Betrag, das ist viel Geld. Allein die Betriebskosten belaufen sich auf knapp 200 000 Franken. Aber auch da spielt der Verband den Kleinen nicht in die Karten. Die 13 Grossen der Schweiz dürfen Ausbildungsentschädigungen verlangen, wir hingegen nicht. Das ist eine Kontroverse, die nicht stimmt.

Erklären Sie uns dies.
Oeztürk: In der Schweiz spielen 98 Prozent Amateure und 2 Prozent Profis Fussball. Machen wir einen Transfer, zum Beispiel derjenige eines A-Juniors oder einer C-Juniorin, zahlen wir je nachdem zwischen 180 und 460 Franken an einen Ausbildungs- und Nachwuchsfonds des Schweizerischen Fussballverbands. Der Profibetrieb im Nachwuchs wird meiner Auffassung nach dadurch gesteuert. Damit habe ich ein riesengrosses Problem. Das macht keinen Sinn. Anstatt unsere Arbeit zu fördern, werden wir ausgepresst.
Faé: Bei uns hat die erste Mannschaft in finanzieller Hinsicht nichts mit dem Verein zu tun. Wir fahren eine separate Schiene. Wir holen das Geld über externe Kanäle rein.

Verraten Sie uns Ihr Budget?
Faé: Das liegt für das Erstliga-Team in einem sechsstelligen Bereich.

Lohnt sich dieser Aufwand für Sie?
Faé: Ich habe über den Sport schon zig Häuser vermittelt bekommen. Und ich investiere das Geld lieber in den Sport als sonst wohin. Ich möchte aber betonen, dass mir ein F-Junior genau so wichtig ist wie ein Spieler der ersten Mannschaft. Wir haben viele im Verein, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Da ist es doch schön, dass wir diesen ein paar unbeschwerte Stunden schenken können.

Was ist, wenn Sie mal den Bettel hinschmeissen?
Faé: Der Verein ist jetzt 111 Jahre alt. Es geht auch nach mir weiter, vielleicht einfach in einer anderen Form.

Die Old Boys sind ein wenig älter. Wohin soll der Weg von OB führen?
Oeztürk: Wir haben eine klare Haltung und möchten mit Einbindung der eigenen Junioren höchstmöglich spielen. Ob dies nun in der Promotion League ist oder nicht, sehen wir dann. Es wird in dieser Spielklasse von Jahr zu Jahr schwieriger. Stade Nyonnais etwa arbeitet mit einem Profikader, und Yverdon hat einen Djibril Cissé, der auch nicht für zwei Gipfeli in der Schweiz Fussball spielt. Wir gehören zu den Bettlern der Liga.

Warum tun Sie sich die Promotion League denn überhaupt an?
Oeztürk: Weil es für uns derzeit stimmt – auch wenn uns bewusst ist, dass einige Teams aus der 2. Liga ein höheres Budget als wir haben. Sollte unser Konzept nicht funktionieren, haben wir kein Problem, einen Schritt zurückzufahren. OB definiert sich nicht allein über die 1. Mannschaft, wir sind auch bekannt für unsere Nachwuchsförderung.

Lohnt es sich, ein Ausbildungsclub zu sein?
Faé: Ich würde es bedauern, sollte OB absteigen. Wir brauchen auf dieser Stufe zwei regionale Teams. Das sollte mit allen Mitteln unterstützt werden. Sonst hat die rotblaue U21 ein Kader bestehend aus den besten 40 Spielern der Region, von denen nur 13 bis 14 eingesetzt werden. Das kanns auch nicht sein.

Wollen Sie mit «Black» auch nach oben?
Faé: Die Aufstiegsspiele wären doch mal schön, oder nicht? Alles andere ist dann Lotterie.

Aber würden Sie den Schritt wagen, wenn die Mannschaft aufstiege?
Faé: Ja, dann gehen wir halt. Es gäbe dann zwei Regionale, die das Zappeln bekämen. Vielleicht könnten wir dann mischeln, dass wenigstens einer von uns (zeigt auf Rafet Oeztürk; Anm. d. Red.) oben bleibt (lacht).
Oeztürk: Warum nicht? Ein Derby mehr, dafür weniger Reisekosten.
Faé: Nein, im Ernst: Der Verband muss grundsätzlich über die Bücher. Die Gruppen müssen grösser werden, das würde kostentechnisch für viel Entlastung sorgen.
Oeztürk: Ich stimme da zu, auch wenn sie das in Bern nicht gerne hören werden. Aber nicht, dass die Schleuse für alle U21-Teams der besten Clubs geöffnet werden soll. Das hätte zur Folge, dass in der Promotion League nur noch Nachwuchsmannschaften und die drei, vier potentesten Amateurvereine spielen könnten.

Haben Sie einen Lösungsvorschlag für eine besserer Förderung der Kleinen?
Oeztürk: Wir müssten die Trainer in den unteren Alterkategorien viel mehr unterstützen, denn diese leisten die wichtige Arbeit, die Grundausbildung der Kinder – die grossen Clubs, die diese Spieler nachher verpflichten, profitieren von diesem Fundament, müssen aber dazu nichts beitragen. Der Grosse frisst wie immer den Kleinen.
Faé: Stellen Sie sich vor: Nach der WM in Russland kommt sicher wieder ein Boom bei den Kindern, doch die Clubs haben nicht genügend Coaches und Platz, um alle aufzunehmen.
Oeztürk: Das ist die Realität: Seit Jahren kämpfen wir mit der Stadt um ein zweites Kunstrasenfeld. Für 30 Teams ist einer zu wenig. Dazu gibt es Vorschriften: Wenn wir bis um 22 Uhr trainieren dürften, wird um fünf vor Zehn das Licht gelöscht. Auch deshalb haben wir seit Jahren eine Warteliste von fast 500 Kindern, die gerne bei uns spielen würden.

Sind es vor allem diese bürokratischen Mühlen, die frustrieren?
Faé: Natürlich. Es ist ein Witz: Auch die IWB können uns nicht erklären, warum in Basel das Wasser viermal teurer ist als in Allschwil, wo wir es früher bezogen haben. Mit solch einem Seich musst du dich herumschlagen, das zehrt.

Was ist denn Ihre Motivation, trotz allem dabeizubleiben?
Faé: Fussball ist meine Leidenschaft, seit eh und je. Wenn ich etwas mache, mache ich es richtig. Und natürlich, die Stadt tickt rotblau, das haben wir in uns drin. Aber wenn ich sehe, wie viel die verdienen und was sie zeigen, verliere ich die Freude, gehe lieber auf den Buschweilerhof. Dazu kommen die vielen Profilneurotiker: Sogar der, der für die Bälle verantwortlich ist, trägt mittlerweile Krawatte.

Nochmals: In jedem Club sind es also Mäzene oder Supporter, die das Überleben sichern?
Faé: Nennen Sie uns doch Spinner, Idioten! Das ist doch überall so: Wenn Werner Schmid bei Sm’Aesch-Pfeffingen aufhört, gehen die Lichter aus. Oder wenn du dir das beim EHC antust, bisch au nit ganz bache.

Wie ist das bei Ihnen Herr Oeztürk? Sie sind ja vom Verein angestellt.
Oeztürk: Es ist die Leidenschaft, die Arbeit mit den Jungen. Und auch der Ehrgeiz, das Fanionteam nach vorne zu bringen – mit den wenigen Mitteln, die wir haben.

Die Mitgliederbeiträge bei OB sind hoch, sie haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Mit 720 Franken pro Beitrag im Jahr könnte doch das Budget der ersten Mannschaft querfinanziert werden?
Oeztürk: Das ist aber nicht im Sinn des Vereins, dass die Breitensportler das Hobby von ein paar Amateurfussballern vergolden. Wenn diese Mannschaft nicht mehr extern finanziert werden kann, gibt es sie in dieser Form nicht mehr. Es ist sogar umgekehrt: Die 1. Mannschaft zahlt den Jahres- und einen Solidaritätsbeitrag für die Nachwuchsförderung, um Kindern aus finanzschwachem Umfeld den Fussball zu ermöglichen.

Waren Sie auch gezwungen, diese Beiträge zu erhöhen?
Faé: Bei uns zahlt man auch zwischen 500 und 600 Franken. Wir sind nicht Binningen oder Reinach, die die Plätze gratis bekommen.

Ist der Amateurfussball langfristig so überhaupt überlebensfähig?
Faé: Ich weiss es nicht, es wird ja immer mehr gestrichen, beim J+S zum Beispiel. Im Gegenzug wird beim Verband alles teurer, Wahnsinn, die Schiedsrichter kosten in der 1. Liga 900 Franken pro Spiel. Wie viel ist es bei euch, Rafet?
Oeztürk: 1100.
Faé: Wenn wir in Deutschland spielen, in Emmendingen, kommt das Trio aus dem entfernten Karlsruhe und verlangt 90 Euro. Bei uns kosten schon ein Freundschaftsspiel 400 Franken, das ein Zweitliga-Ref pfeift und an der Linie stehen zwei ausrangierte, bald 60-Jährige. Selbst in diesem Wesen gibt es mittlerweile Wanderhuren, die nur fürs Geld pfeifen – und zu jenen Clubs gehen, die noch 50 Franken mehr bezahlen. Da müssen wir aufhören.
Oeztürk: Das passt in die heutige Gesellschaft.
Faé: Der Verband muss mir erklären, wie das geht, dass in Deutschland, wie bei unserem Partnerverein in Frankfurt, Jahresbeiträge von 15 Euro möglich sind. Als sie ihn auf 100 erhöhen wollten, sind gleich 40 gegangen.

Wie wird das in Deutschland finanziert?
Faé: Keine Ahnung. Aber ich kanns mir vorstellen: Selbst für Lappalien wie ein Freundschaftsspiel gegen einen ausländischen Club müssen wir 150 Franken bezahlen. 150! Nur um das Spiel anzumelden.

Gegen kantonale Gebühren gabs vor ein paar Jahren eine städtische Lobby, die gegen solche Kosten ankämpfen wollte – und die auch etwas erreichen konnte.
Oeztürk: Was heisst erreicht? In den städtischen Clubs kosten Jugendliche unter 20 nichts. Aber alles andere ist so teuer, dass dies wenig bringt.

Gibt es denn Familien, die ihre Kinder aus den Clubs nehmen müssen, weil sie es sich nicht mehr leisten können?
Oeztürk: Nein, nein, wir schauen da intern, dass niemand auf sein Hobby verzichten muss.

Wie ist das bei den Black Stars?
Faé: Wir haben ja noch ein paar Sozialfälle mehr, wie man weiss. Aber auch wir schauen, dass alle Fussball spielen können, die es wollen. Die Winterhilfe zahlt viel, der Götti-Batzen hilft uns auch. Aber das darf nicht einreissen. Sonst will jeder Winterhilfe, während vor dem Gelände der neuste Sportwagen steht. Man darf nicht vergessen: Bei uns spielen mittlerweile Menschen aus 69 Nationen – seit dieser Woche wieder ein Tibeter zum Beispiel.

Aber spüren Sie, dass der finanzielle Druck auf die Gesellschaft zunimmt?
Faé: Es darf nicht sein, dass darum ein Kind nicht mehr Fussball spielen kann. Es ist auch unsere Pflicht, bei den C-3-Junioren einen spielen zu lassen, der einen Kübel hat wie ich und für den ich extra ein grösseres Dress bestellen muss. Oder wenn das Migrationsamt anruft, nehmen wir auch gerne nochmals einen Eritreer.
Oeztürk: Das machen wir auch, lieber Peter, nicht nur ihr – keine Sorge.
Faé: Was ist aber der Dank der Stadt? Einen Knüppel zwischen die Beine, wenn man mal einen Container aufstellen will. Das tut dann manchmal schon weh.

Wir hören viel Frust bei Ihnen.
Oeztürk: Vielleicht ist dies das falsche Wort. Wäre es Frust, müssten wir beide aufhören. Es geht doch darum, dass wir Jugendlichen eine zweite Heimat bieten.

Ist Ihr Engagement primär ein soziales?
Oeztürk: Auf jeden Fall. Mit dem Zückerchen, das wir vier Leistungsteams haben, wo die besten Jungen spielen können. Das ist unser Anreiz.

Gab es bei Ihnen, Peter Faé, schon mal den Moment, als Sie dachten: Das mache ich nicht mehr mit.
Faé: Den gibt es immer wieder. Und nach einer Nacht geht es dann wieder weiter. Mich fuchst einfach, wenn ich wieder mit der Stadt Ärger habe, oder dass ihr kaum mehr über uns schreibt. Bei OB haben sie fast keine Zuschauer mehr. Wir hätten ja noch eine glatte Beiz, auch wenn der Bumann (der Restauranttester, Anm. d. Red.) da war. Die Masse nimmt das aber nicht mehr wahr.

Das Interesse der Zuschauer ist in den letzten Jahren tatsächlich zurückgegangen – wie hoch ist der Schnitt bei Ihnen?
Oeztürk: Circa 200. Aber die meisten sind Angehörige. Unser Schnitt der zahlenden Zuschauer liegt bei 19. Von denen könnte ich Ihnen jeden persönlich nennen.
Faé: Wir haben immerhin noch 150 zahlende Fans pro Match – und drei- bis vierhundert, die insgesamt kommen. Aber klar: Auch bei uns sind es immer die gleichen. In unserer Gegend ist es vielleicht noch etwas leichter, Zuschauer zu gewinnen.
Oeztürk: Du sagst es. Nach jedem Match habe ich circa vier Mails, in denen sich Anwohner beschweren. Einmal hat einer reklamiert, weil er sich wegen eines Spiels mit seiner Grossmutter nicht ungestört auf seinem Balkon unterhalten konnte. Das sind die heutigen Zustände. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.03.2018, 23:34 Uhr

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