Der Kopf ist das letzte Puzzleteil

Wendy Holdener war vergangenen Winter eine der grossen Figuren im Weltcup und bei Olympia. Nun will sie endgültig zur Siegerin werden. Die 25-Jährige weiss, was ihr dazu noch fehlt.    

Mit Sack und Pack und hohen Ambitionen Richtung neue Ziele: Wendy Holdener. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Mit Sack und Pack und hohen Ambitionen Richtung neue Ziele: Wendy Holdener. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Die nackten Zahlen könnten Wendy Holdener zermürben. 17-mal fuhr die Schwyzerin im Slalom auf ein Weltcup-Podest. Neunmal war sie Zweite. Gewonnen? Hat sie nie.

Und dann findet sich neben all den Zahlen auch noch derselbe Name immer und immer wieder: Mikaela Shiffrin, 23-jährige US-Amerikanerin, Wunderfahrerin, Dauersiegerin vor allem im Slalom, Holdeners Paradedisziplin. Bei den letzten sieben zweiten Plätzen der Schweizerin stand Shiffrin bei der Siegerzeremonie neben ihr – zuoberst. Zermürbend ist auch das.

Ja: Sie hätte wohl schon sieben Slalomsiege gefeiert, würde es Shiffrin nicht geben im Ski-Weltcup, sagt sie. Es sind aber Gedanken, die Holdener weit von sich weg schieben will.

«Ich wollte nichts verlieren. Aber wenn ich nichts riskiere, gewinne ich nichts.»Wendy Holdener

Nur ist das nicht ganz so einfach, funktioniert der Schutzmechanismus nicht immer. Der ging jeweils so: Sie schaue nicht auf diese Überfigur der Skiszene, achte nur auf sich, darauf, dass sie weiterkomme, hatte sie betont. Trotzig schon fast. «Ich bin auch nicht verbittert, dass es so ist, wie es ist. Überhaupt nicht.»

Der Beweis der Reife

Doch nun, vor dieser Saison, die morgen mit dem Riesenslalom in Sölden beginnt, erwähnt sie von sich aus diesen Namen, diese Mikaela Shiffrin, die ihr das Leben so schwermacht. Sie sagt: «Wenn du gegen eine wie sie fährst, die es einfach jedes Mal bringt, dann ist es sicher schwierig.» Das zeugt davon, dass sich Holdener diesen Sommer über viele Gedanken gemacht hat. Dass sie durchaus beschäftigt, was Shiffrin so stark macht. Dass sie sieht, mit welchem Selbstverständnis ihre Gegnerin die Schwünge zieht, von Sieg zu Sieg eilt, als gäbe es nichts Leichteres, während ihr das einfach nicht gelingen will.

Holdener hinterfragt vieles, hinterfragt sich. Sie sagt: «Ich traue mir gewisse Sachen einfach nicht zu. Ich mache es mir manchmal selber schwer.» Es sind Worte, die zu ihr passen, zu ihren Zweifeln. Nur erstaunen sie doch nach einem Winter wie dem letzten, in dem sie noch einmal bewies, wie viel an Reife sie dazugewonnen hat.

Elfmal stand die 25-Jährige 2017/18 auf dem Weltcup-Podest, im Slalom, in der Kombination, bei Parallelrennen – und dann im März auch noch als Dritte im Super-G von Crans-Montana. Nicht nur sie, viele hätten ihr ­diesen Exploit in einer Speed-Disziplin nicht zugetraut. Es war letztlich zwar nur einer von ­vielen Glanzpunkten in einem traumhaften Winter für die Unteribergerin – aber ein besonders wichtiger. 

Befreit im Super-G

Crans-Montana kam direkt nach den Olympischen Spielen in Südkorea, nach Silber im Slalom – für einmal hinter Frida Hansdotter –, nach Bronze in der Kombination, nach Gold mit dem Team. «Sehr stolz» sei sie auf das ­Erreichte, «es ist ein schönes ­Gefühl, die Medaille in der Hand zu halten». Der Nachsatz: «Und die Erfolge machen mir auch nicht Angst für die Zukunft.» Als wäre das der erste Gedanke, den eine Athletin haben müsste nach einem Höhenflug am grössten Anlass der Wintersportler.

Aber so ist Holdener, sie «­verkopft» sich manchmal, so nennt sie es. Sie sagt: «Ich habe im letzten Winter schöne Erfahrungen gemacht, aber auch ­weniger positive. Alle bringen mich weiter.» Und hier ist der Super-G in der Heimat zentral, diese unbeschwerte Fahrt aufs Podest nach der kräftezehrenden Zeit in Südkorea. Sie zeigte ihr, wie es auch gehen kann. Mit Kaltschnäuzigkeit, ohne grosse Erwartungen, fährt es sich befreiter. «Ich stand am Start, hörte die vielen Zuschauer und wusste: Heute riskiere ich alles. Das hat es ausgemacht», sagt sie. «Das Ziel ist, dass ich nun die Rennen grundsätzlich so angehe, mit einer Angriffslust, mit einer Freude auch. Ich will nicht mehr, dass mich der Druck bremst.»

«All-in» – und das immer

Nur: Das Hirn zu steuern, auszublenden, dass sie im Slalom oder auch im Riesenslalom im Gegensatz zum Super-G nicht nur viel zu gewinnen, sondern auch einiges zu verlieren hat, ist nicht einfach. Holdener sagt: «Es war immer so, dass ich nichts verlieren wollte. Aber wenn ich nichts riskiere, gewinne ich auch nichts. Ich hatte noch nie zwei perfekte Läufe, weil ich beim einen immer etwas zu wenig ­gegeben habe.»

Das will sie abstellen, die Grundhaltung ändern, sie möchte nicht mehr sagen, sie wolle nicht langsam sein, «ich muss sagen: Ich will sehr schnell sein». Daran versuchte sie zu arbeiten in diesem Sommer, damit sie auch in den zwei Minuten «All-in» gehe, in denen es zähle, «nicht nur in den Trainings».

Sie sprach mit ihrem Sportpsychologen, allerdings nicht primär darüber. «Der denkt nicht: ‹Uiuiui, das ist aber ein gröberes Problem›», sagt Holdener. Vielmehr ist es etwas, das sie mit sich selbst ausmachen muss. «Ich hoffe, dass die Unbeschwertheit auch mit zunehmendem Erfolg kommt.»

Damit sich dieser erneut einstellt, hat sie an ihrer Stabilität gearbeitet: an einer starken Hüfte, daran, aufrechter auf den Ski zu stehen. Es ist die Voraussetzung für das, was folgen soll: die grosse Lockerheit im Kopf. Gestern Abend sagt sie in Sölden: «Der erste Sieg im Slalom kommt dieses Jahr. Es ist an der Zeit.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.10.2018, 23:39 Uhr

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