Die dünne Spitze und das Wunderhorn

Die Schweizer haben mit Beat Feuz und Mauro Caviezel zwei Spitzenabfahrer. Bald aber sind diejenigen gefordert, die sich noch auf die spezielle Wirkung des Lauberhorns verlassen müssen.

Beat Feuz (links) und Mauro Caviezel, die Zugpferde des Schweizer Skisports. Bild: Keystone

Beat Feuz (links) und Mauro Caviezel, die Zugpferde des Schweizer Skisports. Bild: Keystone

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Die Saison bis jetzt? Nur ­Vor­geplänkel. Nun ist Januar, kommt die Zeit der Abfahrer, die Zeit der grossen Klassiker. Wengen gibt heute den Auftakt, es folgen Kitzbühel, Garmisch, die WM.

Es gibt Fahrer im Schweizer Team, die diese Denke besonders verinnerlicht haben – weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Sie müssen den bisherigen Winter vergessen und klammern sich ans Lauberhorn: Möge es sich einmal mehr als Wunderhorn erweisen, wo die Einheimischen immer irgendwie gut sind, auch wenn sie es sonst ­nirgends sind.

Seit 2007 gab es gerade einmal zwei Abfahrten im Berner Oberland, nach denen keiner von ihnen auf dem Podest stand – mit der Realität in der Abfahrt hat dieses Bild wenig zu tun. Mit Didier Défago, Carlo Janka, Patrick Küng und zweimal Beat Feuz kommen fünf der letzten neun Sieger aus ihren Reihen.

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Das muss Zuversicht geben, gerade jenen, die bislang nicht allzu viele Gründe hatten für gute Gefühle. Carlo Janka etwa, der einst nicht nur in Wengen siegte, sondern eine Grösse seines Sports war. Der 32-jährige Bündner war 2009/10 der beste Skifahrer überhaupt, er war Weltmeister und Olympiasieger. Nun ist er vor allem ein Sorgenkind. Das hat körperliche und mentale Gründe – und auch beim Material gibt es einige Baustellen. Das alles trifft auch auf Küng zu, den Abfahrtsweltmeister von 2015. Auch er setzte seine Hoffnungen in Wengen. Nach dem Trainingssturz am Donnerstag und der Gehirnerschütterung muss er sie begraben.

Die Schweizer Resultate in Wengen haben wenig zu tun mit der Realität in der Abfahrt.

Für ihn wären die Lauberhornrennen wegweisend gewesen für die Zukunft – für Janka sind sie es. Hinterherzufahren ist auf Dauer nichts für einen einstigen Gipfelstürmer.

Doch es gibt auch die Athleten in der Schweizer Mannschaft, die sich nicht auf die scheinbar spezielle Wirkung des Bergs verlassen müssen. Allen voran Beat Feuz, der nun schon zum zweiten Mal hintereinander ohne Verletzung, ja selbst ohne kleineres Leiden durch den Sommer kam und gerade dabei ist, seinen Status als bester Abfahrer der letzten Saison zu bestätigen. 6, 1, 3, 3, das sind seine Resultate. In Wengen ist er der meistgenannte Favorit – zumal er alle Gegner im ersten Training, in welchem vom Originalstart losgefahren wurde, um eine Sekunde und mehr distanzierte.

Abfahrtschef Andy Evers ­bezeichnet den Emmentaler als «absoluten Weltklasseathleten», er sagt: «Beat ist sehr viel wert für unser Team, weil er einfach ein Leader ist.» Und der Leader könnte sich heute zum Rekordhalter machen: Mit einem Sieg wäre er erst der zweite Athlet nach dem Österreicher Franz Klammer, der in der über 50-jährigen Geschichte des Weltcups dreimal in Wengen triumphiert hat.

Doch in diesem Jahr steht Feuz nicht alleine da als Hoffnungsträger des Heimteams. Das liegt an Mauro Caviezel, der wie Feuz eine wilde Verletzungs­geschichte hat und nun endlich zeigen kann, zu was er fähig ist. Der 30-jährige Bündner, 2017 WM-Dritter in der Kombination von St. Moritz, hat einen verblüffenden Saisonstart mit drei Podestplätzen hinter sich. Evers sagt: «Er gehört noch nicht zu den Top-Cracks. Aber ich bin mir sicher, dass er den Schritt dorthin schaffen kann.»

Die Schweizer sind also gut gerüstet für den Auftritt am Lauberhorn, für die Zeit der Klassiker, für die nahe Zukunft. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Spitze noch immer dünn ist. Bald dürften die Jungen gefordert sein, können sie sich nicht mehr hinter einem Feuz oder Caviezel verstecken.

Der 23-jährige Zürcher Niels Hintermann deutete mit einer geglückten Rückkehr nach einer langen Verletzungspause an, dass er ein Kandidat sein kann für künftige Aufgaben. Er fährt so gut wie noch nie. Hinter ihm und den Routiniers aber klafft eine Lücke.

Marc Gisin könnte sie füllen, sollte ihm nach seinem schweren Sturz in Gröden nächste Saison ein Comeback nach Mass gelingen. Doch auch der Engelberger ist bereits 30. Für die Zukunft müssen sich daher Fahrer wie Hintermann aufdrängen oder die 24-jährigen Urs Kryenbühl, Stefan Rogentin und Gilles Roulin.

Hoffnungsträger sind vorerst andere

Roulin tut sich aber schwerer als letzte Saison, in der er seinen baldigen Durchbruch ankündigte. Und Kryenbühl und Rogentin brauchen ohnehin noch reichlich Zeit, um im Weltcup richtig Fuss zu fassen.

Mit Marco Odermatt, dem 21-jährigen Nidwaldner, der vor einem Jahr an der Junioren-WM in Davos mit viermal Einzel-Gold glänzte, wächst einer heran, der alsbald der grosse Hoffnungsträger der Schweizer sein könnte. Allerdings nur dann, wenn er behutsam an seine Aufgaben herangeführt und nicht «verheizt» wird, wie es so unschön heisst, weil er für vier Disziplinen viel Talent mitbringt. Dass man ihm Zeit gibt, deutet Wengen an: Odermatt verzichtet auf die Rennen.

Hoffnungsträger sind vorerst andere, sind das Feuz oder Caviezel. Die anderen Schweizer sehnen sich nach der ­Wirkung des Wunderhorns.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.01.2019, 09:56 Uhr

Lauberhorn-Abfahrt: Die vier Favoriten



Beat Feuz (31)
Der Emmentaler ist der Topfavorit. In Wengen würde Beat Feuz wohl auch ohne Trainings und Besichtigungen den schnellen Weg hinunter ins Ziel finden. 2012 und vergangenes Jahr triumphierte er. Und auch in diesem Winter befindet er sich in bestechender Verfassung. Der beste Abfahrer des letzten Jahres geht auch heute mit dem roten Leadershirt an den Start.



Dominik Paris (29)
Spricht er, sollten Untertitel eingeblendet werden. Paris kommt aus dem Ultental, der Südtiroler Dialekt ist charmant – und schwer verständlich. Paris, «Sänger» in einer Metal-Band, war ein Rebell, der erst während eines Aufenthalts auf einer Alp läuterte. Er gewann in Bormio Abfahrt und Super-G, am Donnerstag fuhr er Trainingsbestzeit. In Wengen stand er noch nie auf dem Podest.



Vincent Kriechmayr (27)
Er ist der Trainingsweltmeister. ­Immer wieder fährt der Österreicher dort Best­zeiten, gewonnen hat er aber erst eine Abfahrt. Auch am Lauberhorn überzeugte er am Mittwoch und Donnerstag mit den Trainingsrängen 5 und 6. Kriechmayr, dessen Mutter aus Belgien stammt, wuchs auf einem ­Bauernhof auf, mit 10 lebte er bereits getrennt von den Eltern in einem Ski-Internat.



Aksel Svindal (36)
Der Norweger mag ein malträtiertes Knie haben, er mag nicht in der Form seines Lebens sein. Und doch gehört er am Lauberhorn auf die Rechnung. Schliesslich könnte Svindal dort blind fahren – was er 2016 bewies. Im Haneggschuss fuhr er 10 Sekunden im dichten Nebel, «ich sah nichts», sagt er – bei Tempo 150. Wer das Rennen so gewinnt, der muss zu den Favoriten gehören. (rha/phr)

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