Ein Quartett für ein Halleluja

Der letzte Schweizer Podestplatz in Adelboden liegt weit zurück. Marc Berthod siegte 2008 im Riesenslalom – der SRF-Experte charakterisiert potenzielle Nachfolger.

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Gino Caviezel: Der Draufgänger

26, Bündner, stets mit Vollgas unterwegs: Caviezel. Foto: Getty

«Gino gibt immer alles, ob auf der Piste, im Krafttraining – oder aber im Après-Ski. Bei ihm gibt es nur 110 Prozent Einsatz. Er ist der Typ, der für alles zu haben ist. Zwar ist er schon 26, und doch ist er ein Jungspund geblieben, ein verspielter Kerl, der sich oft mit der Hand durch die Haare fährt – die Frisur muss schliesslich sitzen.

Gino ist ein Draufgänger. Sein Schwung ist schnell, aber es mangelt ihm ein wenig an Konstanz. Oft hat er einen Fehler drin im Lauf, und weil er auf Stufe Weltcup fast nur Riesenslaloms fährt und kein zweites Standbein hat, wird der Druck in den Rennen noch grösser. Manchmal will es Gino wahrscheinlich fast zu gut machen.

Im Team gilt Gino als Spassvogel, mit Thomas Tumler versteht er sich glänzend. Zu seinem älteren Bruder Mauro pflegt er ein enges Verhältnis, ihm eifert er noch heute nach. Er ist sehr polysportiv, war als Bub auch im Fussballclub und turnte an Geräten, fährt Motorrad. Manchmal reizt es ihn, Grenzen auszuloten. Er stichelt gerne, auch gegen mich. Wenn er mich sieht, warnt er die Teamkollegen und sagt: Im Ernst: Gino ist ein unkomplizierter Fahrer mit riesigem Herzblut. Für die Trainer ist er ein dankbarer Athlet.»


Marco Odermatt: Der Unbekümmerte

21, Nidwaldner, unbeirrt in Drucksituationen: Odermatt. Foto: Imago

«Wenn er unterwegs ist, kann ­alles passieren. Das ist cool für die TV-Zuschauer und für die Kommentatoren. Odermatt hat das Zeug zum Publikumsliebling, nicht nur in der Schweiz. Er haut auch einmal einen richtig wilden Lauf heraus, schlägt aber auch einmal den Kopf an, weil er zu wenig taktisch vorgeht. Es gibt fast nur die Devise Vollgas für ihn. Bei mir war das früher ähnlich . . .

Odermatt ist der Typ, der den einzelnen Moment intensiv auskostet, der nicht zu weit nach vorne schaut. Vor den Kameras zeigt er Emotionen, er ist authen­tisch mit seinem Nidwaldner Dialekt, es wirkt nicht alles perfekt geschliffen oder auswendig gelernt wie bei anderen. Er ist nicht abgehoben nach ­seinen fünf WM-Titeln bei den Junioren im letzten Winter und den vielen Sponsoringverträgen, die er danach unterschreiben konnte. Ihm ist bewusst, dass er im Weltcup ab und zu eins aufs Dach kriegen könnte. Odermatt wirkt unbekümmert. Aber auch er kann in ­gewissen Situationen nervös werden. Er ist ein Instinktfahrer, im weitesten Sinn einer wie Beat Feuz. Er ist mein Aussenseitertipp für eine Medaille im Februar an der Weltmeisterschaft in Are. Wenn andere ob des Drucks zerbrechen, wird er sein Ding unbeirrt durchziehen.»


Thomas Tumler: Der Liebenswerte

29, Bündner, Podestfahrer mit Anzugskraft für Pech: Tumler. Foto: Gepa

«Macht einer im Team eine ­Party, dann fragt er den Tumler, ob er Getränke liefern könne. Schliesslich lebt er in Samnaun, wo man zollfrei einkaufen kann. Er hat einen lustigen Dialekt; normalerweise passt er sich an, aber spricht er mit seinem ­Bruder, versteht man kaum ein Wort.

Thomas ist eher der verträumte Typ, der sich viele Gedanken macht – fast zu viele. Dass er mit den Besten mithalten kann, hat er mit dem Podestplatz in Beaver Creek bewiesen. Doch wenn er eine Passage verhaut, lässt er sich zu schnell verunsichern, stellt vieles infrage. Wohl deshalb und wegen gesundheitlicher Probleme hat er fast dreissig werden ­müssen, um den Durchbruch zu schaffen. Er ist ein sehr sensibler Athlet, es ist wichtig, dass der Trainer richtig mit ihm umgeht.

Tumler ist ein lieber und zuvorkommender Kerl, der nie aneckt, mit jedem gut auskommt. Wahrscheinlich müsste er auf den Sport bezogen manchmal etwas stärker die Ellenbogen ausfahren. Er ist zwar kein Tollpatsch, aber irgendwie immer mit dabei, wenn etwas schiefgeht. Hat ein Teamauto eine Panne, sitzt er drin. Geht ein Koffer verloren, ist es seiner. Am Flughafen liessen wir ihn einmal sogar über die Lautsprecheranlage ­ausrufen, weil er noch im Restaurant sass. Ausgerechnet sein Essen war zu spät serviert worden.»


Loïc Meillard: Der Selbstbewusste

22, Romand, mit künstlerischem Talent gesegnet: Meillard. Foto: Getty

«Gerade mal 22 ist er, aber bereits abgeklärt wie ein Routinier. Loïc scheint für alles im ­Leben einen klaren Plan zu haben, nicht nur auf der Piste und im Training, auch im Privaten und während Interviews, in denen er oft eine bestimmte Botschaft platziert. Was er sich vorgenommen hat, zieht er durch. Seine Karriere verläuft nach dem Motto ‹Schritt für Schritt›. Kontinuierlich, aber nicht explosionsartig hat er sich nach oben gearbeitet. Ich denke, irgendwann wird er einen Disziplinenweltcup gewinnen. Bis vor wenigen Wochen schien es, als würde Meillard mit leicht angezogener Handbremse fahren. Nun hat er sich in den Startlisten nach vorne gearbeitet, künftig wird er angriffiger zu Werke gehen.

Loïc ist sehr selbstbewusst, ­Zweifel kennt er nicht. Er braucht keine Rituale, ist nicht abhängig von fixen Abläufen, wie das ­viele andere Fahrer sind. Er lässt sich nicht dreinreden, sagt den Trainern auch einmal deutlich seine Meinung, wenn ihm etwas nicht passt. Als Romand in einem Team mit vielen Deutschschweizern hat er im Eiltempo Deutsch gelernt. Nun zieht er als Leader die anderen mit. Loïcs Hobby ist das Fotografieren: Die Kamera hat er immer dabei, zu Hause besitzt er ein riesiges Archiv. Für den ‹Blick› knipst er jeweils sein Bild der Woche, oft zieht es ihn in die ­Natur. Er scheint auch künstlerisches Talent zu besitzen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.01.2019, 23:38 Uhr

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