Von ganz oben nach ganz unten

Anna Veith gewann zweimal den Ski-Gesamtweltcup, ehe sie schwer stürzte. Wo steht sie heute?

Hat heute vielleicht sogar mehr Spass als vor ihren Verletzungen: Anna Veith kann wieder lächeln.

Hat heute vielleicht sogar mehr Spass als vor ihren Verletzungen: Anna Veith kann wieder lächeln. Bild: Getty Images/Martin Rauscher

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Wenn Anna Veith wie in diesen Tagen durch ihre Heimat fährt, lächelt sie sich ständig selber zu. Plakate zuhauf stehen an den Strassen quer durch Österreich, auf denen die Salzburgerin wirbt.

Anna Veith ist Skifahrerin, 29, erfolgreich und vermarktbar. Zweimal war sie die Beste überhaupt, Verbandspräsident Peter Schröcksnadel nannte sie eine Nationalheldin. Gut Ski zu fahren, kann viel auslösen im Nachbarland. Die Beste zu sein, tritt eine Lawine los. In den Wintern 2013/14 und 2014/15 war das Veith, und die Lawine rollte.

Sie versuchte in erster Linie, sich nicht erdrücken zu lassen von alldem, was da auf sie einprasselte. Es brauchte Zeit, bis ihr das ­gelang, «bis ich die Aufmerksamkeit auch mal geniessen konnte».

«Stehe nicht gerne im Mittelpunkt»

An diesem Wochenende stehen die Rennen in Semmering an, Österreich, Heimat, Fokus auf sie. Veith sagt: «Eigentlich bin ich gar nicht gemacht für die Öffentlichkeit. Ich bin ruhig, stehe nicht gerne im Mittelpunkt, beobachte lieber von aussen.» Doch sie hat nicht nur gelernt, sich mit dem Interesse um ihre Person «zu arrangieren», wie sie es sagt, sondern die Chance darin zu ­sehen. «Geld zu machen, ist für mich zwar eigentlich zweitrangig», sagt sie. «Aber ich habe ein Team um mich aufgebaut, mit dem ich versuche, das Beste ­herauszuholen. Ich will auch in diesem Bereich gut aufgestellt sein. In gewisser Weise bin ich da genauso ehrgeizig wie im Sport.»

Jahre habe es gedauert, bis sie gemerkt habe, was zu ihr passe, «was ich anstrebe neben der Piste». Die Werbung ist das eine, das Hotel, das sie zusammen mit Ehemann Manuel Veith und dessen Familie in Schladming führt, das andere. Gerade hat sie dort ihren Skiverleih-Shop eröffnet.

Von den Sturzfolgen ausgebremst

Veith sah sich in jüngster Zeit gezwungen, sich vermehrt um die Felder neben dem Sport zu kümmern. 2015 hatte ihr Körper die Notbremse gezogen, «oft hatte ich mich über meinen Grenzen bewegt». Drei Tage vor dem Auftakt in Sölden stürzte sie schwer. Es rissen das Kreuzband, das Innenband und die Patellasehne im rechten Knie. Und Veith hatte Angst. Angst, die Freude zu verlieren an ihrer grossen Leidenschaft. «Mit Schmerzen Ski zu fahren, macht keinen Spass. Das Wichtigste war, dass ich das in den Griff kriege», sagt sie.

Das gelang mässig, sie kehrte 2016 zurück, nach der WM 2017 in St. Moritz brach sie die Saison aber ab, um sich die entzündete Patellasehne am anderen Knie operieren zu lassen.

Im letzten Winter stand das nächste Comeback an. Mit einem Ziel: bei den Olympischen Spiele in Südkorea in Höchstform zu sein. «Alles war darauf ausgerichtet», sagt sie. Es kam Olympia, es kam der Super-G – und Veith sass tatsächlich in der Leaderbox. Fahrerin um Fahrerin scheiterte an ihrer Zeit. Bis mit der Nummer 26 Ester Ledecka startete, 22-jährige Tschechin, Favoritin – allerdings bei den ­alpinen Snowboarderinnen. Sie setzte sich um ein Hundertstel vor Veith und holte Gold.

Auch Silber ein grosser Lohn

Alle Skifahrerinnen, geschlagen von einer Snowboarderin. Veith sagt: «Vielleicht habe ich sie nicht zu 100 Prozent auf der Rechnung gehabt, aber mir war immer klar, dass Ester grosse ­Erfolge feiern wird, weil sie so angstlos und körperlich extrem fit ist.» Veith konnte es hinnehmen, auch Silber war ein grosser Lohn für ihren Kampf zurück.

Nun ist Ende 2018. Veith hat einen durchzogenen Start in den Winter hinter sich. In Courchevel wurde sie zuletzt Siebte im Riesenslalom, es war ihr dritter Top-10-Platz und für sie ein Schritt in die richtige Richtung.

Das Knie funktioniere, sagt sie. Noch immer keine Selbstverständlichkeit. «Ich werde immer an mein Knie denken. Es spielt einfach eine zu grosse Rolle im Skisport», sagt Veith. «Aber ich kann sagen: Ich habe wieder viel Spass.» Vielleicht gar mehr als früher. «Ich arbeitete derart zielstrebig, dass ich gar nicht sah, was rundherum passierte. Auf einmal wurde ich da rausgerissen, kehrte zurück und merkte, was für ein riesiges Privileg ich habe. Ich kann auf einer perfekt hergerichteten, abgesperrten Piste fahren», sagt Veith. «Wenn ich meine Karriere beende, wird keiner mehr für mich die Piste absperren.» Das tun sie in Österreich dann selbst für eine Nationalheldin nicht. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.12.2018, 10:39 Uhr

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