«Der Kuchen der Kirchensteuer würde neu aufgeteilt»

Da muslimische Glaubensgemeinschaften in der Schweiz rechtlich nicht anerkannt werden, dürfen sie keine Steuern eintreiben. Christian Levrat will das ändern. Die Bischofskonferenz stimmt ihm zu.

Muslime beten im Schweizer Haus der Religionen in Bern.

Muslime beten im Schweizer Haus der Religionen in Bern. Bild: Keystone

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Herr Tanner, SP-Präsident Christian Levrat will, dass muslimische Religionsgemeinschaften rechtlich anerkannt werden. Wie stehen Sie dazu?
Auch ihnen soll der Weg für eine öffentlich-rechtliche Anerkennung geebnet werden. Sagte man von Anfang an, das sei nicht möglich, würde man verkennen, dass sich die kulturelle und religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung stark verändert hat.

Wenn Sie von ebnen sprechen, deuten Sie an: Der Weg zur Anerkennung ist beschwerlich.
Ja, deshalb kann es sinnvoll sein, dass muslimische Gemeinschaften erst eine Zwischenetappe als privatrechtlich organisierte Gemeinschaft mit bestimmten Privilegien anstreben: Als solche könnten sie in Schulen Religionsunterricht erteilen oder in Gefängnissen Seelsorge betreiben. Sie hätten die Möglichkeit, ihre Religion besser zu verwirklichen. Aber erst wenn sie öffentlich-rechtlich anerkannt wären, dürften sie auch Steuern erheben. Diese Privilegien bringen aber auch Pflichten mit sich. Man muss den muslimischen Gemeinschaften von vornherein klar sagen, welche Kriterien sie erfüllen müssen.

Welches ist zwingend?
Sie müssen auch tatsächlich Religionsgemeinschaft sein und dies nicht nur vorschieben. Man muss auch wissen, woher das Geld kommt. Sonst besteht der Verdacht, dass sie von einem fremden Land, das seine Ideologien und Wertvorstellungen in die Schweiz exportieren will, ferngesteuert wird. Ganz nach dem Motto: Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing. Sicher verdienen Gemeinschaften, die die Demokratie abschaffen und einen Gottesstaat errichten wollen, nicht den Status einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung. Solche sollen sich mit dem Geld ihrer Mitglieder in der Schweiz finanzieren. So würde eine Abhängigkeit vom Ausland beschränkt.

Anerkannte Religionsgemeinschaften müssen auch unsere Werte unterstützten, etwa die Gleichstellung von Mann und Frau. Aber das zieht die katholische Kirche auch nicht in letzter Konsequenz durch.
Ja, das stimmt. Bei der Besetzung von Ämtern gibt es Unterschiede.

Ist das zulässig?
Auch öffentlich-rechtliche anerkannte Gemeinschaften sind in ihrem innersten Kern frei; sie können sich auf die Religionsfreiheit berufen. Sie sind ja nicht Teil des Staates, sondern nur staatsnah organisiert. Die Religionsfreiheit erlaubt es ihnen, selber zu bestimmen, wie sie ihre Ämter organisieren. Ob eine Frau Priesterin wird oder nicht, geht den Staat nichts an. Aber natürlich, die Diskussion um die Gleichstellung stellt auch uns immer wieder vor eine Probe. Wir müssen uns der Frage stellen, ob wir noch zeitgemäss organisiert sind.

Was bedeutete es für die katholische Kirche finanziell, wenn auch muslimische Gemeinschaften anerkannt würden?
Wir bekämen ein kleineres Stück vom Kuchen. Gelder von juristischen Personen, die heute Kirchensteuern bezahlen, kämen nicht mehr nur den angestammten Landeskirchen zugute. Der Kuchen würde neu aufgeteilt.

Wären Sie damit einverstanden?
Weniger Geld zu haben, ist sicher nicht erfreulich. Aber von unserer christlichen Überzeugung her können wir nicht dagegen sein, dass der öffentlich-rechtliche Status auch anderen Gemeinschaften zuerkannt wird. Wir würden dadurch aber wohl auch motiviert, uns als Christen mehr zu engagieren, damit dieser Status erhalten bleibt.

Sie könnten aber auch Privilegien verlieren. Dann könnten vielleicht auch Muezzins Gläubige einberufen – wie es die Kirchen mit dem Glockengeläut tun.
Das hat nichts mit der öffentlich-rechtlichen Anerkennung zu tun. Das Glockenläuten kann man aber nicht mit dem Muezzinruf vergleichen. Es hat keinen Wortlaut. Es ist sozusagen eine wortlose Klangsymphonie, die auch eine nicht religiöse Bedeutung haben und vor Stürmen oder Überschwemmungen warnen kann. Der Ruf des Muezzins hingegen ist ein eindeutiger Aufruf zum Gebet, der sich auch an Nichtmuslime richtet. Ich persönlich bin dagegen.

Bald werden wir über das Burkaverbot abstimmen. Sind Sie dafür?
Ja, ich bin für das Verbot einer Totalverhüllung. In einem demokratischen Rechtsstaat ist es für mich nicht akzeptabel, wenn sich ein Mensch nicht zu erkennen geben will oder darf. So können sich ganze Gruppen sichtbar ausgrenzen, oder es kann ein Teil der Gesellschaft unsichtbar gemacht werden. Mindestens das Gesicht muss erkennbar sein.

Die Muslime können sich auf die Religionsfreiheit berufen – wie das auch die Christen tun.
Man muss in jeder Diskussion die verschiedenen Rechte gegeneinander abwägen, beim Burkaverbot das Recht auf Wahrung der Persönlichkeit und auf Religionsfreiheit gegen das Recht der Öffentlichkeit auf die Erkennbarkeit der Identität.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Wir müssen uns endlich zu einem interreligiösen Dialog zusammenfinden, bei dem heikle Fragen nicht ausgeklammert werden. Die Kantone, die für religiöse Belange zuständig sind, sollen Fachleute zur Verfügung stellen, die sich mit diesen Fragen befassen. Aber auch der Bund darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen, indem er sagt, die Kantone seien zuständig. Er soll eine handlungsfähige Koordinationsstelle ins Leben rufen, die eine Stossrichtung vorgeben kann.

Wie lange dauert es bis zu einer Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften?
Die Minarettinitiative hat uns klar gezeigt, dass es viel Zeit braucht – es muss sich etwas in den Köpfen ändern. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2017, 20:25 Uhr

Erwin Tanner

Erwin Tanner ist seit sechs Jahren Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), der gegenwärtig sechs Diözesanbischöfe, drei Weihbischöfe sowie zwei Äbte angehören. (Bild: bereitgestellt von Erwin Tanner)

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