Geht die Globalisierung mit Donald Trump zu Ende?

Amerikas neuer Präsident wird den freien globalen Handel der grossen US-Konzerne so wenig zerstören, wie er militärisch abrüsten wird.

Rätsel Trump: Wir haben nicht verstanden, was in den USA wirklich los ist.

Rätsel Trump: Wir haben nicht verstanden, was in den USA wirklich los ist. Bild: Keystone

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Journalisten, Politikprofessoren, Intellektuelle und engagierte Frauen sind seit Tagen damit beschäftigt, ihren Schmerz zu verarbeiten, dass die in grossem Umfang manipulierbare ­Hillary Clinton nicht neue Präsidentin der USA wurde. Allmählich wird der Grund klar, weshalb die sich liberal nennenden Auguren derart massiv danebenlagen: Zum einen war es ­Manipulation, wie der Verleger der New York Times, Sulzberger, zugegeben und sich entschuldigt hat. Zum anderen war es ein Unverständnis algorithmischer Rechen­weisen, die unter anderem von Meinungs­forschern eingesetzt werden. Dort ­werden Ergebnisse aus der ­Vergangenheit relativ einfach in die Zukunft ­projiziert. Donald Trump war aber «The Great Disruptor». Derlei wollten viele nicht denken, obgleich die Theorie vom «Schwarzen Schwan» uns schon seit bald 20 Jahren beschäftigt.

«Ganze Mannschaft kehrt»

Jetzt gehen viele nationalkonser­vative Politiker davon aus, dass mit Donald Trump auch die Globalisierung ihr Ende erreicht hat. «Ganze Mannschaft kehrt, zurück zum National- und Sozialstaat», heisst die Parole, um die eigene politische Haut oder die bevorstehende politische Karriere zu retten.

Welcher Irrtum!

Donald Trump wird den freien globalen Handel der grossen US-Konzerne so wenig zerstören, wie er militärisch abrüsten wird. Ganz im Gegenteil: Er rüstet militärisch auf, damit die Märkte für die amerikanischen Weltfirmen gesichert bleiben. In den USA, auch im kleinen Silicon Valley, gibt es jene Billig­handwerker nicht mehr, die ein komplexes IT-Gerät montieren können. Also werden die Chinesen, die Süd­koreaner, die Mexikaner und viele andere weiterhin als «Subcontractors» den Reichtum der US-Wissensgesellschaft fördern.

40 Prozent aller Gewinne machen die grossen US-Konzerne im Ausland. In einem ersten Schritt wird Trump jene 2,5 Billionen Dollar (2500 Milliarden Dollar) repatriieren, die derzeit zwischen Genf, Dublin und den ­Bahamas in Steuerschlupflöchern ­parkiert sind. Gestritten wird nur darum, ob sie dafür anstelle 37 Prozent an Steuern nur 15 Prozent ­(Version Trump) oder zehn Prozent (Firmenversion) entrichten sollen. Im ungünstigsten Fall bedeutet dies bis zu 250 Milliarden Dollar an neuen Staatseinnahmen für die USA. Die Globalisierung ist das grösste Geschäft, das die US-Regierungen seit gut sechzig Jahren in Gang gesetzt haben. Was Globalisierung genannt wird, ist nichts anderes als freier Welthandel zum Vorteil der grossen Unternehmen der Welt, seien es Amerikaner, Holländer, Inder oder Schweizer. Tata, Novartis, ABB und Google haben nur ein Interesse: keine Einfuhrschranken, niedrige Steuern. Weil dies in hohem Masse gelungen ist und im Rahmen der Schweiz mit der Unternehmenssteuerreform III fortgesetzt werden soll, gibt es keinen Grund zur Annahme, die ­Globalisierung sei an ihrem Ende ­angelangt.

Die Erde ist zu einem Weltdorf geworden, worin die internationale Arbeitsteilung spielt. Damit werden gewaltige stille Reserven in Form tief bezahlter und beruflich erfolgreicher Menschen aktiviert. Wie China dies während über 30 Jahren im eigenen Land getan hat, kann dies die globale Welt noch lange tun. Welche Wohlstandsgewinne, manchmal nur für wenige, daraus entstehen, haben wir im Ansatz in den letzten 20 Jahren erfahren. Die grossen Datenströme verlangen grosse Märkte. Ob nun das amerikanische Weltreich auf Dauer die Nase vorn haben wird oder die Chinesen es schaffen, trotz Verschuldung und Überalterung den «Zweiten gros­sen Sprung nach vorn» nach Mao Zedong zu schaffen, wird sich zeigen. Die Inder behaupten jedenfalls, sie seien es, die letztlich die Sieger sein werden.

Nicht verstanden, was los ist

Was bedeutet dies für die Schweiz? Solange wir es schaffen, unseren Markt diesen globalen Wirtschafts-Sauriern offenzuhalten, werden wir Co-Verdiener bleiben. Tun wir dies nicht, wie dies soeben auf dem Finanzplatz Schweiz geschieht, zieht die Wirtschaftskarawane weiter, sei es nach Frankfurt oder Dublin.

Und werden wir dies verstehen? Am Beispiel von Donald Trump dürfen Zweifel angemeldet werden. Wir haben nicht verstanden, was in den USA wirklich los ist. Unsere sündhaft teuren SRG-Korrespondenten haben versagt wie die Auslandskorrespondenten von NZZ und Tages-Anzeiger auch. Die voreingenommene Berichterstattung der Ringier-Medien war eine Katastrophe. Einer, der von seinen Kollegen wenig geliebte, aber vom Zürcher Volk glanzvoll in den Nationalrat gewählte Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor der Weltwoche, wusste es anders: Er setzte auf Donald Trump als Sieger.

Der gefeierte Autor

Es steht zu befürchten, dass sich derlei in Zukunft noch häufiger abspielen wird. Bei Tamedia gibt es eine bewunderte 12-App, entwickelt vom Data Scientist Marcel Blattner, die mit Algorithmen ausrechnet, welche Artikel beim Leser erfolgreich sein werden und welche nicht. Konsequent angewendet: Wer die richtigen Buzzwords in seinem Artikel verwendet, kann zum gefeierten Autor werden. Damit werden die Vorurteile der Vergangenheit zu Wahrheiten der Gegenwart und Zukunft stilisiert. Vielerorts zeigt sich, dass derlei nur die halbe Wahrheit ist.

Entscheidend bleibt, wie in den USA und bei uns ersichtlich, ob kluge Köpfe über Scheinwahrheiten hinausdenken können. Gerade die unabhängige und liberale Schweiz ist ein ideales Biotop für solche Menschen, die der Digitalisierung des Wissens überlegen sind. Das immer weniger gebildete Volk wird den Scheinwelten und Scheinwahrheiten der Medienindustrie zum Opfer fallen – bis zu jener Stunde, wie wir sie soeben in den USA erlebten, wenn ein «Great Disruptor» die Welt wieder vom Kopf auf die Füsse stellt. Damit sage ich nicht, President-­elect Donald Trump werde die USA und die 320 Millionen Amerikaner vor den Risiken der Zukunft retten. Andere, grössere «Disruptors» wachsen gerade heran und warten auf ihre Chance.

Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon (ZH). (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.11.2016, 11:29 Uhr

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