«Trump ist im persönlichen Umgang kumpelhaft»

Thomas Borer hält den neuen US-Präsidenten für weit intelligenter, als er in den Medien dargestellt wird.

Kennt einige von Trumps Beratern: «Diese verstehen ihr Handwerk», sagt Amerika-Kenner und Ex-Botschafter Thomas Borer.

Kennt einige von Trumps Beratern: «Diese verstehen ihr Handwerk», sagt Amerika-Kenner und Ex-Botschafter Thomas Borer. Bild: Kostas Maros

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Herr Borer, ist Donald Trump so ein Monster, wie in den Medien dargestellt?
Thomas Borer: Ich kenne Hillary Clinton weit besser, Trump nur sehr oberflächlich. Sicherlich ist Trump nicht das Monster, als das er von vielen präsentiert wird. Er ist ein gewiefter Aussenseiter, der die grosse Enttäuschung vieler Amerikaner mit den gegenwärtigen Zuständen gespürt und opportunistisch ausgenützt hat. Grob gesagt, geht es den USA wirtschaftlich nur an der Ost- und Westküste und Teilen des Südens gut, zum Beispiel in Texas. Viele Bundesstaaten, die Trump gewonnen hat, haben stark unter der Globalisierung verloren. Ganze Landstriche verarmen und sind deindustrialisiert – und das hat Trump ausgenutzt.

Welche seiner Ankündigungen wird er nun umsetzen?
Ich erwarte, dass Trump sicherlich im wirtschaftlichen und sozialen Bereich Versprechen umsetzen muss, zum Beispiel Obamacare abschaffen, Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, mit Strafsteuern belegen und gegen die illegale Immigration hart vorgehen. Er hat die Möglichkeit, einiges zu bewirken, da der Kongress republikanisch ist und viele Abgeordnete dank Trump gewählt wurden und nun zur Loyalität verurteilt sind. Aber auch Trump wird von der Realpolitik eingeholt werden. Er kann nicht allein regieren, muss Kompromisse eingehen und wird an unrealis­tischen ­Wahlkampfankündigungen, wie zum Beispiel der Neuverhandlung der US-Schulden, Abstriche machen ­müssen.

Auf welches Umfeld wird Trump setzen?
Der neue US-Präsident hat das Recht, in der Verwaltung 3000 bis 4000 Stellen neu zu besetzen. Dabei wird Trump auf viele bewährte republikanische Kräfte aus Politik und Wirtschaft setzen müssen. Zudem gilt der Grundsatz der Gewaltenteilung. Er braucht in vielen Fragen die Zustimmung des Kongresses. Trump wird nicht allein regieren. Ich kenne einige der bisherigen Berater von ihm. Diese verstehen ihr Handwerk und haben mir erzählt, er höre gerade etwa in aussenpolitischen Bereichen stark auf ihre Ratschläge. Ich bin diesbezüglich einiges zuversichtlicher als die veröffentlichte Meinung in Europa. Allerdings muss sich jede neue US-Administration zuerst während Monaten einspielen. Daher muss man sich Anfang 2017 auf viele Unsicherheiten und Fehler gefasst machen – umso mehr, als Trump keine Regierungserfahrung hat.

Nur alte, frustrierte, weisse Männer wählten Trump, hiess es bis zuletzt ...
... wäre dem so, wäre Trump nicht gewählt worden. Auch Frauen, Latinos und andere Minderheiten haben ihn gewählt. Unter den Latinos hatte er sogar mehr Stimmen als Mitt Romney, der letzte republikanische Kandidat.

Wie konnte dieser Eindruck über Trumps primitive Anhänger bei uns überwiegen?
Trump widerspiegelt ein Phänomen, das wir in Europa in vielen Ländern feststellen. Auch der Brexit ist Ausdruck davon. Ein Teil der Bevölkerung hat in den letzten Jahrzehnten vom wirtschaftlichen Fortschritt nicht profitiert und leidet unter dem starken Konkurrenzkampf der Globalisierung und unter der Wirtschaftskrise seit 2008. Diese Menschen fühlen sich von Regierung und Parlament im Stich gelassen; sie haben wegen dem Fehlen der direkten Demokratie keine Einflussmöglichkeit. Die Elite in den Hauptstädten und in Brüssel hat diese Bewegung lange unterschätzt und als dumm und primitiv abgetan. Zur Elite zählen auch viele Medien.

Weshalb täuschten sich fast alle Journalisten und Experten in ihren Prognosen?
Ich wundere mich, wer sich in den europäischen und Schweizer Medien alles als US-Experte ausgibt. Professoren, Politiker, Diplomaten, die höchstens kurz in den USA gelebt haben und dann meist in Zentren, welche die USA nicht wirklich widerspiegeln. Ich habe insgesamt sechs Jahre meines beruf­lichen Lebens und zusammengezählt Jahre meiner Freizeit in den USA verbracht, beschäftige mich intensiv seit 30 Jahren mit diesem Land – und ich verstehe es immer noch nicht. Ich habe zu Beginn der Vorwahlen Trump keine Chance gegeben. Danach habe ich aber immer gesagt, unterschätzt ihn nicht, er kann gewählt werden. Mein Sohn hat wegen mir in der Schule auf Trump gewettet und viel Geld verdient.

Geht jetzt die Demokratie in der west­lichen Welt unter?
Sicherlich nicht. Obama hat staatsmännisch das Richtige gesagt: Das Volk hat Trump gewählt. Jetzt zeigen wir der Welt, wie eine demokratische Machtübergabe vorbildlich gelingt. In Europa sollten die Eliten endlich die richtigen Schlüsse aus der Wahl in den USA und dem Brexit ziehen. Zu diesen Lehren gehört auch, mehr direkte Demokratie einzuführen.

Warum hat Hillary Clinton verloren?
Es gibt mehrere Gründe: Frau Clinton steht für «weiter so», wie in den letzten acht Jahren unter Obama. Viele Amerikaner wollen aber eine Veränderung. Für sie – und für mich – waren die Obama-Jahre eine grosse Enttäuschung. Obama hat brillante Reden gehalten – aber wenig umgesetzt. Seine Aussenpolitik, die von Hillary Clinton mitzuverantworten ist, hat zu grossen Krisen und schrecklichen Auswirkungen für Millionen von Menschen geführt, denken Sie an Syrien und Irak. Zudem gehört Hillary seit 1992, als ihr Mann ins Weisse Haus einzog, zum Establishment. Und es gibt viele Gründe, weshalb die Amerikaner ihr nicht trauen.

Man hatte das Gefühl, Clinton gewinne, weil Trump derart schlecht sei. Weshalb war es dann genau umgekehrt?
Frau Clinton wird in den Medien fair beschrieben. Ich habe sie zum ersten Mal 1993 getroffen. Sie hat als erste First Lady ihre Rolle politisch gesehen und sich zur Chefin der US-Gesundheitsreform machen lassen. Diese ist dann gescheitert. Danach hatte ich vor allem in den Jahren 1996–1999 als Chef Taskforce Schweiz Zweiter Weltkrieg mit ihr zu kämpfen. Sie hat die Anliegen von Bronfman und dem World Jewish Congress sehr stark unterstützt und in der US-Administration dafür geworben. Es ist natürlich reiner Zufall, dass Bronfman damals der grösste Geldgeber für den Wahlkampf von Clinton war… Als Aussenministerin war sie ein Falke und mitverantwortlich für die sehr aggressive – und gescheiterte – Politik der USA in Syrien und gegenüber Russland.

Welche persönliche Erfahrung machten Sie mit Trump?
Nur eine oberflächliche. Ich habe ihn in seinem Hotelkomplex in Florida kurz kennengelernt. Er ist im persönlichen Umgang sehr sympathisch und kumpelhaft. Ich halte ihn für weit intelligenter, als er in den Medien dargestellt wird. Er hat nicht nur den Zeitgeist verstanden. Er weiss auch die modernen Medien geschickt auszunutzen. Er hat es geschafft, eine fast permanente Berichterstattung über sich und seine – oft zweifelhaften – Aussagen hinzukriegen. Er hat es dank der Instrumentalisierung der ihm kritisch gegenüberstehenden Medien geschafft, seine republikanischen Gegenkandidaten und auch Hillary Clinton fast permanent vor sich herzutreiben. In den USA wurde permanent über ihn berichtet, zwar oft kritisch oder negativ, aber er war in den Schlagzeilen. Daher brauchte er auch nur die Hälfte des Geldes, das Clinton für den Wahlkampf ausgegeben hat. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.11.2016, 09:54 Uhr

Thomas Borer

Thomas Borer kennt die USA wie kaum ein Zweiter:

1990: längerer Aufenthalt in New York (Tätigkeit an der Schweizer Mission bei den Vereinigten Nationen)

1993–1995 (Erste Clinton-Administration): Erster Botschaftssekretär an der Schweizer Botschaft in Washington, zuständig für politische, wirtschaftliche und Rechtsfragen

1996–1999 (Zweite Clinton-Adminis­tration): Chef der Task-Force Schweiz Zweiter Weltkrieg, sechs Teilnahmen an Hearings des US-Kongresses über die Schweiz, unzählige Auftritte in den US-Medien

Seit 2003: regelmässige längere Aufenthalte in den USA (Washington, Texas, Kalifornien, New York, New Mexico, Nevada, North Carolina) für Vorträge und berufliche Tätigkeit. Borer Vertritt in Zusammenarbeit mit demokratischen und republikanischen ­Beratern Schweizer und europäische Wirtschaftsinteressen gegenüber der US-Administration. (bg)

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