Wider die Kultur des politisch Korrekten

Die offene Gesellschaft lebt davon, dass man sagen darf, was man sagen will. Sie ist das Gegenteil von all dem, was das linksliberale Milieu sich unter ihr vorstellt. Ein Kommentar von Jörg Baberowski.

Zum Schreien: Die einzige Möglichkeit, Nein zu sagen, besteht heute darin, jemanden zu wählen, der für unwählbar gehalten wird.

Zum Schreien: Die einzige Möglichkeit, Nein zu sagen, besteht heute darin, jemanden zu wählen, der für unwählbar gehalten wird. Bild: Keystone

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Als am Morgen des 9. November offenkundig geworden war, dass Donald Trump der künftige Präsident der USA sein werde, geriet das linksliberale Milieu auch im ­Westen Europas in helle Aufregung. Monatelang hatten Politiker und Journalisten erklärt, Trump dürfe und könne nicht gewinnen, und am Ende haben sie wohl selbst geglaubt, was sie sich einredeten.

In Deutschland setzte sich der Wahlkampf noch fort, als das Ergebnis bereits ­feststand. Journalisten erklärten ihren Zuschauern, dass amerikanische Wähler dumm und ­unbelehrbar seien. Es schien, als hätten die ­Wähler sich für die Einrichtung einer Diktatur ­entschieden. Wir sollen uns die eigentliche Demokratie offenbar als ein Verfahren vorstellen, das den Bürger dazu erzieht, stets zu wählen, was die Obrigkeit von ihm verlangt. Anders konnte man die Botschaft nicht verstehen.

Erziehungsjournalismus

Aber wer hat in den Tagen nach der Wahl eigentlich bemerkt, dass der Erziehungsjournalismus und seine Politiker nur bestätigten, was die Wähler Trumps ihnen unterstellten? Zwar kann jeder wählen, was er will. Aber kann man auch sagen und schreiben, was man will? Die Antwortet lautet: Man kann es, aber man muss mit den Folgen leben können. Kein Mensch kann es ­ertragen, ausgeschlossen und diskriminiert zu werden. Deshalb verhält man sich konform. Konformität aber heisst, sich in Übereinstimmung mit jenen Überzeugungen zu wissen, die von den meisten Menschen in einer Gesellschaft geteilt werden.

Was aber geschieht, wenn eine solche Übereinstimmung nur noch behauptet, aber gar nicht mehr erfahren wird? Seit Jahren haben sich die linksliberalen Eliten in den USA und in Westeuropa in einer Kultur des politisch Korrekten eingerichtet, die sie nur noch sehen lassen, was sie einander als Wirklichkeit bestätigen. Sie erklären die Welt zu einem schönen Ort, aber sie haben vergessen, dass die meisten Menschen an diesem Ort überhaupt nicht leben und nicht sehen, was ihnen als Wirklichkeit präsentiert wird.

Manipulation der Öffentlichkeit

Das alles wäre nicht von Belang, wenn die Eliten ihr Informationsmonopol nicht bedenkenlos zur Manipulation der Öffentlichkeit einsetzten. Wer die Welt nicht so sehen mag, wie sie ausgestellt wird, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Mensch von vorgestern zu sein. Wer möchte seine Existenz schon aufs Spiel setzen, nur um sagen zu können, was man sagen will? Für die Herrschaft des politisch Korrekten aber bezahlen die Eliten einen hohen Preis. Erst macht man die Erfahrung, dass einem niemand widerspricht, und dann glaubt man, dass Schweigen als ­Zustimmung zu den eigenen Überzeugungen verstanden werden müsse. Man erfährt nichts mehr über die Wirklichkeit. So war es bislang. Damit ist es nun vorbei. Denn die Bürger mögen sich dem Diktat nicht mehr unterwerfen. Sie machen sich bemerkbar, und sie wählen, wer nicht zu jenen gehört, die den Bürger erziehen wollen.

Wählen, wer als unwählbar gilt

Es ist paradox: Aber die einzige Möglichkeit, Nein zu sagen, besteht darin, jemanden zu wählen, der für unwählbar gehalten wird. Nur wenige teilten die Überzeugungen Trumps, aber viele wählten ihn: weil er das Establishment herausforderte und weil er all das aussprach, was nicht ausgesprochen werden durfte. Die offene Gesellschaft lebt davon, dass man sagen darf, was man sagen will. Sie ist das Gegenteil von all dem, was das linksliberale Milieu sich unter ihr vorstellt. Ich wollte, dass meine Stimme zählt, so begründete ein amerikanischer Bürger seine Entscheidung, Trump zu wählen. Wollen wir das nicht alle? Dann gestehen wir es auch allen zu.

Der deutsche Historiker Jörg Baberowski ist regelmässiger Kolumnist der Basler Zeitung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.11.2016, 10:21 Uhr

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