Auf der Costa Cannes

Auch inmitten von Hunderten Polizisten ist man am Filmfestival wie immer mit Feierlaune unterwegs. Und mit der A-Liga aus Hollywood.

Auch in Cannes für alles gewappnet: Sicherheitspersonal beim Filmfestival. Foto: Anadolu Agency (Getty Images)

Auch in Cannes für alles gewappnet: Sicherheitspersonal beim Filmfestival. Foto: Anadolu Agency (Getty Images)

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Für die Stars sind die roten «marches», die in Cannes zum Festivalpalais hinaufführen, der Moment der tausend Blitze und Klicks. Für Filmkritiker sind es einfach Treppen, über die man hinaufmuss, und auch wenn alle über dieselben gehen, sieht man selber vergleichsweise verzottelt aus dabei. Es hat auch mit den Windböen zu tun, die allen hier die Haare zerzausen. Denn so demokratisch ist dieses Festival eben schon, trotz Geschrei und Glamour: Geht eine Berühmtheit vorbei, gibts daneben sicher einen Raucherbalkon, und so kann man hinabschauen auf George Clooney, wo man doch sonst zu ihm aufschaut.

Man muss in Cannes aber nicht in jede verlassene Tasche hineinschauen, denn gemäss den Behörden scannt eine Bombensuchtruppe täglich das Palais ab. Nach den Terrorattacken in Paris und Brüssel ist man gewappnet: Für eine Einsatzübung auf dem ­Festivalgelände im April wurde ein Terrorangriff simuliert, bei dem Polizisten und 200 Bewohner mitgemacht haben. 30 imaginäre Tote seien zu beklagen gewesen, heisst es, man zog daraus den Schluss, dass man sich künftig besser untereinander abstimmen muss. Nur in Cannes hat eine inszenierte Terrorattacke noch einen erfundenen Bodycount. Wahrscheinlich hat sich einer dieser die Riviera entlangbulldozernden Jungproduzenten bereits die Rechte an einem Metathriller über das Simulacrum der Attacke gesichert.

Showeinlagen und Klamauk

Wobei dieser ja schon ausser Konkurrenz am Festival lief: «Money Monster» , der neue Film von Jodie Foster, der Regisseurin. Man erinnert sich so neblig wie ungern an ihren Versuch «The Beaver», worin Mel Gibson nur noch per Handpuppe kommunizierte. Diesmal hat sie George Clooney und Julia Roberts bekommen, die allerdings nur in zwei Szenen zusammen zu sehen sind und ansonsten separat gedreht haben: Roberts ist die Fernsehproduzentin mit Headset im Kontrollraum, Clooney das Moderatorengesicht einer bizarren Börsensendung nach dem Vorbild der US-Show «Mad Money». Dieser Lee Gates scheut weder riskante ­Aktientipps noch getanzte Showeinlagen, und Clooney wirkt, als koste er den Klamauk gern aus. Im Studio schaut ihm derweil die Produzentin zu und schüttelt den Kopf – vermutlich hätte Roberts diesen Part auch via Facetime von daheim aus spielen können. Der Arbeitstag beim Fernsehen wird dann um einiges stressiger, als ein geprellter Anleger die Studiobühne kapert und Gates während der Livesendung als Geisel nimmt – dieser soll ihn mit einem seiner Börsentipps ruiniert haben.

Wie da die Kamera anfangs durch Serverfarmen fliegt, erwartet man eine zeitgemässe Reflexion über die Komplexitäten der Finanzindustrie. «Money Monster» aber bleibt auf dem Boden einer sehr gut verständlichen Mediensatire, in der sich Gefahr in Unterhaltung verwandelt, die Wallstreet-Zocker das kollektive Feindbild abgeben und ein ­Investor den Bösewicht macht. Es passt also auch das Geheimnisvolle einer mathematisierten Finanzwirtschaft. Der «flash crash», die mikrosekundenschnellen Zuckungen des Hochfrequenzhandels, die automatisch tickenden Algorithmen, all das passt ins flache Schema eines Gut-Böse-Geiselkrimis. Aber so wenig Spass, wie man dabei hat, so sehr ahnt man: Richtig bedrohlich wäre ein Thriller darüber, dass manche noch wissen, was das Geld tut, aber keiner mehr eine Ahnung hat, wer es regiert.

Aber eben, die Bedrohung. So nonchalant tastet hier die Security vor jedem Einlass die Handtaschen ab, dass man sich in Sicherheit wiegt und den Rest mit Hoffnung auffüllt. Bereits rechtfertigen Gäste ihre sehr rasch aufstartende Feierlaune und die Einladungen zu den Ententerrinenbuffets als hedonistischen Widerstand gegen das Phantom des Terrors. Man vermutet hinter solchen Gesten wenn nicht Heuchelei, dann wenigstens die Koketterie mit dem dunklen Wunsch, auch einmal von einem Weltereignis getroffen zu werden.

Sympathie für die Outlaws

Doch auch im terrorversehrten Frankreich, inmitten von Hunderten Polizisten lebt man wie auf einem mächtigen Dampfer: Die Costa Cannes tuckert wie jedes Jahr, nicht zufällig heisst eine Rubrik im «Hollywood Reporter» «Meanwhile, in the real world». Es ist die Parallelmontage des eingekapselten Festivalgängers: hier unsere Welt, da draussen die echte, die Welt von Blut und Terror.

Und in unserer Welt sieht man so beglückend merkwürdige Filme wie «Rester vertical» des Franzosen Alain Guiraudie oder «Sieranevada» von Cristi Puiu aus Rumänien. Guiraudie verband in seinem queeren Pastoral über einen ziellosen Drehbuchautor und eine Schäferin, die er schwängert, die Mythologie der Natur mit den Trugbildern der Liebe. Immer wieder war das sehr komisch in der Sympathie für die Outlaws – und wurde oft explizit im Verständnis von frei flottierender Sexualität, die dort geschieht, wo man sie brauchen kann, egal, zwischen wem. Puiu versammelte für sein Drama fast alle rumänischen Stars: Ein religiöses Gedenkritual für einen toten Patriarchen bringt Grossmutter, Tanten, Onkel und Cousins an einen Tisch, man diskutiert über Verschwörungstheorien und die falsche Milch, das Kind, das schläft, soll man schlafen lassen, die Türklingel lärmt mitten im Gebet.

Knapp drei Stunden dauert das hyperrealistische Familienporträt in Quasi-Echtzeit, gefilmt mit hin- und her­schwenkender, ja selbstbewusster Kamera: Kino aus Bewegung, Dialog und Handgriffen. Und Kino als präzise Zeichnung von menschlichen Regungen, durch das Blitze von absurdem Humor zucken. Es wirkte, als gebe es im postsozialistischen Rumänien noch drei Glaubenssysteme: Familie, Religion, Paranoia. Wer an keins davon glaubt, glaubt halt noch an die Geschichten, die er sich selbst erzählt. Ob Jurypräsident und «Mad Max»-Schöpfer George Miller viel mit dieser Detailarbeit anfangen konnte?

Man wirds am Schluss erfahren, vorerst geht man treppauf und steht Schlange vor dem riesig ausgeplotteten Festivalplakat, das ein Still aus Jean-Luc Godards «Le mépris» zeigt: Ein Mann ­erklimmt eine Treppe vor Küstenpanorama. Ausgerechnet dieser Film von Godard, in dem er anhand des Körpers von Brigitte Bardot den Starkult und die Inszenierungsmaschine des Kinos zerlegte! Aber in Cannes passen auch noch solche reflexiven Volten auf ein flaches Plakat. Es zeigt nun einfach eine Treppe, und allen ist klar: Wir müssen da hinauf.

«Money Monster» startet in der Schweiz am 26. Mai.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2016, 18:39 Uhr

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