«Das kann nur Hollywood»

Regisseur Steven Spielberg möchte, dass sein Publikum die Welt vergisst. Beim Dreh seines neuen Films ­ «The BFG» sei ihm das selbst passiert.

«Ich bin ein kleiner Junge, der Türen öffnet»:  Filmemacher Steven Spielberg. Foto: Steve Sands (GC Images)

«Ich bin ein kleiner Junge, der Türen öffnet»: Filmemacher Steven Spielberg. Foto: Steve Sands (GC Images)

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Das Kino bietet heute viel mehr technische Möglichkeiten als früher. Geniessen Sie das, oder fürchten Sie sich vor dieser Entwicklung?
Fürchten? Niemals. Technologie begeistert mich immer. Sie darf einfach nicht der Grund sein, ­weshalb man eine Geschichte erzählen will. Wer Technologie verkaufen will, soll einen Laden mit Laptops oder Mobiltelefonen eröffnen. Die neuen technischen Möglichkeiten sind für mich ein Werkzeug, um eine Geschichte besser zu machen.

Was war diesbezüglich die grösste Herausforderung bei «The BFG», Ihrer Verfilmung des Kinderbuchs von Roald Dahl?
Eben gerade vergessen zu machen, dass irgendwelche Spezialeffekte verwendet wurden. Ich will, dass das Publikum von der Beziehung zwischen dem Riesen und dem kleinen Mädchen so fasziniert ist, dass es nichts mehr anderes sieht. Diese Rede habe ich übrigens jedem Mitarbeiter auf dem Set gehalten.

Soll man im Kino wirklich alles vergessen?
Eine kurze Zeit abtauchen, in eine andere Welt, ist doch nichts Schlechtes. Es braucht nicht immer Kino zu sein. Ich geniesse auch 45 ruhige Minuten für einen Mittagsschlaf.

«The BFG» ist auch ein Film über Träume.
Träume und Albträume! Sie speisen unsere Vorstellungskraft. Dank ihr entstehen grossartige Filme. Aber auch Dinge, die unser Leben beeinflussen, wie die Firma Apple oder Social Media. Ich würde so weit gehen und sagen: Vorstellungskraft ist das Gegengift zu allem Horror und aller Gewalt auf der Welt. Natürlich, wir haben uns jetzt wieder mehr vor Terrorismus zu fürchten. Aber die Zivilisation war niemals eine geradlinige Reise. Ich glaube, auch davon erzählt «The BFG».

Es ist die Geschichte eines kleinen Waisenmädchens, das von einem freundlichen Riesen in sein Land mitgenommen wird.
Durch seine Augen sehen wir alles, ja. Das Mädchen staunt über diesen komischen Riesen. Es fürchtet sich, wenn es sein muss, es ist mutig, wenn es sein muss. Und das Wichtigste: Es wird aus seiner Einsamkeit gerissen.

Der Film spielt in den 1980er-Jahren.
Genau, die englische Königin telefoniert einmal mit Nancy Reagan.

Hätte sie nicht mit Michelle Obama telefonieren können?
Nein, ich wollte keine Modernisierung. Der Autor Roald Dahl hat die Geschichte seinen Kindern erzählt. Die haben ihn überredet, ein Buch daraus zu machen, das 1982 erschienen ist. Ich sehe mich natürlich auch irgendwo selbst in dieser Geschichte, da passt das letzte Jahrhundert doch besser, nicht wahr?

Sie waren auch ein einsames Kind?
Ja, aber nicht, weil meine Eltern mich nicht liebten. Ich war einfach sozial völlig isoliert, wurde zum Beispiel in der Schule nie einbezogen. Die Kindheit war keine gute Zeit für mich. Ich weiss, was dieses Gefühl bedeutet.

Machen Sie deshalb gern Filme für Kinder und ­Jugendliche?
Das kann schon sein. Mein Hauptdarsteller Mark Rylance war übrigens auch einsam in seiner Jugend. Er war sehr schüchtern, konnte lange gar nicht sprechen. Wir waren beide unsichtbar als Kinder. Dass wir am Filmset nun beide im Zentrum stehen, lässt sich vielleicht erklären, aber ich bin kein Psychologe. Allerdings gibt es Tage, an denen ich mich am liebsten verkriechen würde. Zum Beispiel, wenn alles schiefläuft.

Das passiert Ihnen noch, mit so viel Routine?
Natürlich. Bei jedem Film gibt es Momente schierer Verzweiflung. Gut, so schlimm wie 1974, als ich «Jaws» drehte und es mit dem Hai nichts klappen wollte, ist es nie mehr geworden. Wobei solche ­Momente der Verzweiflung immer auch etwas ­Gutes haben können.

Warum?
Man ist gezwungen, kreativ zu sein. Als Harrison Ford sich bei den Dreharbeiten zu «Raiders of the Lost Ark» verletzte, sagte er mir: «Ich habe schreckliche Rückenschmerzen, ich kann nur eine einzige Stunde drehen, dann gehe ich zurück ins Hotel.» Auf dem Drehplan stand aber dieser grosse Schwertkampf auf dem Marktplatz von Kairo, mit drei Drehtagen und bis ins letzte Detail choreografierten Kampfszenen. Ich sagte scherzend: «Wenn wir nur eine Stunde Zeit haben, musst du den Kerl einfach erschiessen.» Harrison antwortete: «Genau das werde ich tun.» Es war ein reiner Akt der Verzweiflung – und wurde die berühmteste Szene des Films.

Schauen Sie sich Ihre eigenen Filme wieder an?
Nein. Ausser manchmal mit den Kindern. Als die Kleinen «E.T.» schauen wollten, erklärte ich ihnen: «Passt auf, es sieht so aus, als ob der Ausserirdische sterben würde, aber habt keine Angst, er wird wieder aufstehen.» Ich begleitete sie da durch.

Sie haben über Momente der Verzweiflung gesprochen. Gab es auch Momente der schieren Freude?
Ja, bei den Dreharbeiten schaue ich meistens auf den Monitor. Da kann es vorkommen, dass ich vergesse, meinen Job zu machen und «Cut» zu rufen. Ich finde es faszinierend, wie die Schauspieler spielen. Dann sprechen sie plötzlich nicht mehr. «Wieso geht der Film nicht weiter?», frage ich mich. Bis mir in den Sinn kommt, dass ich ja der Regisseur bin.

Das passierte auch bei «The BFG»?
Es war noch erstaunlicher, denn wir drehten in einem weissen Raum, Mark ­Rylance hatte diesen seltsamen Anzug an, mit den Punkten im Gesicht und einem Helm auf dem Kopf. Daraus wurde später digital der Riese fabriziert. Aber einmal sitzt er auf einem Hügel und erzählt von einem Traum. Bei dieser Aufnahme verlor ich mich völlig. Ich dachte: So etwas kann nur Hollywood.

Allerdings kritisierten Sie kürzlich die Filme, die aus Hollywood kommen. Sie haben vor einer drohenden Implosion gewarnt.
Damit wollte ich auf einen bestimmten Punkt ­hinweisen: Wir können nicht alle unsere Eier in den gleichen Korb legen. Das heisst, wir Filmemacher können uns nicht alle auf ein einziges Genre ab­stützen.

Sprich Super­heldenfilme?
Natürlich. Grosse Filme, noch grössere Budgets. Ich mag ja diese Filme, aber ich stelle nüchtern fest: Superhelden werden niemals so lange leben wie einst die Westernhelden. Das Publikum wird sich etwas anderem zuwenden wollen, und dies eher früher als später. Wenn nur noch Batman und Spiderman die Leinwand bevölkern, wird es ganz schnell Lücken geben.

Kann das Fernsehen diese Lücken auf der Leinwand schliessen?
Gegenwärtig werden die besten Drehbücher tatsächlich für den kleinen Bildschirm geschrieben. Ich produziere selber eine Serie, «The Americans». Ich denke, da wird wirklich neues Gelände erforscht. Die Autoren sind oft Leute, die zuvor Bühnenstücke geschrieben haben, und jetzt schreiben sie zehnstündige Miniserien. Es ist wieder eine goldene TV-Zeit, auch in England. Haben Sie «The Night Manager» nach John le Carré gesehen? Meine Frau wollte mich gar nicht mehr weggehen lassen. Wir haben uns die ganzen zehn Stunden an einem einzigen Tag angesehen.

Woher nehmen Sie sich die Zeit für so etwas?
Wenn etwas gut ist, bleibe ich sitzen. Sam und Christie, meine Assistenten, rufen mich dann an und sagen, ich müsse dringend ins Büro. Aber ich antworte: «Für eine gute Geschichte opfere ich ­alles.»

Sie haben so viele Filme gedreht, gibt es eine Szene, die Ihr ganzes Werk definiert?
Ich denke, die gibt es tatsächlich. Sie bedeutet mir aber zwanzig Jahre später viel mehr als damals beim Dreh. Es ist diejenige mit dem kleinen Jungen in «Close Encounters of the Third Kind». Wenn er diese Tür öffnet und ihn all diese Lichter und Farben umspielen. Erst Jahre später habe ich gemerkt, dass es ein Sinnbild für das ist, was ich mache. Ich bin ein kleiner Junge, der Türen öffnet. Und dann . . .

Kommt Licht.
Magie. Unbekanntes. Ich öffne die Tür. Und hoffe, dass alle mit mir eintreten.


«The BFG» von Steven Spielberg
Die Wunderwelt der Kotzgurken

Video: Youtube

Von der Beschäftigung mit der Kindheit hat den US-Regisseur Steven Spielberg noch nie jemand abhalten können. Dass er dieses Jahr 70 wird, ändert daran wenig. Auch schon ein Alter für ein grosses Kind, aber Spielberg hat die Lust an fantastischen Welten behalten – wohl auch, um selbst das Staunen nicht zu verlernen. «The BFG» («Big Friendly Giant») ist die Adaption des Kinderbuchs des britischen Schriftstellers Roald Dahl (Deutsch: «Sophiechen und der Riese»). Sophie wird zur Geisterstunde von einer gewaltigen Hand aus ihrem Waisenhaus gepflückt. Die Hand gehört einem Riesen, der Sophie in sein Hügelland mitnimmt, wo die «Kotzgurken» so gross sind wie Litfasssäulen.

Der nette Riese nämlich ist Vegetarier, weshalb er gehänselt wird von den menschenfressenden ­Giganten auf dem örtlichen Pausenhof. Und weswegen er seine kleine Freundin beschützen muss, sobald er mit dem Schmetterlingsfänger aufbricht, um herumschwirrende Glühdinger zu erhaschen, in denen die Träume wohnen. Der Riese ist also Bullying-Opfer und Vertreter der Kreativwirtschaft. Die Träume bläst er mit einer langen Trompete in die Kinderzimmer der Stadt, und wahrscheinlich hätte Steven Spielberg auch gern so eine.

Untypisch undynamisch

«The BFG», zum Drehbuch umgeschrieben von «E.T.»-Autorin Melissa Mathison, ist klar erkennbar ein Spielberg: Die Filmtechnik erzeugt die Fantastik, die hinter dem Vorhang beginnt, der Riese kann auch vom Kind etwas lernen, und noch in Zeiten von Gefahr und Tumult bleibt das ein gleich­förmig freundlicher und hochanständiger Kinderfilm. Eher untypisch für Spielberg ist, dass es ihm an erzählerischer Dynamik fehlt, da helfen auch die neoklassische Ausleuchtung und die Anspielungen auf die Wundermaschine Kino wenig.

Auch von der jungen Darstellerin Ruby Barnhill, die Sophie verkörpert, wird deutlich zu viel verlangt. Aber dafür kann man sich kaum sattsehen am Riesen, gespielt von Mark Rylance, dessen ­Mimik die Vorlage war für die digitalen Rechnereien. Dieses Jahr wurde Rylances Darstellung des sowjetischen Spions in Spielbergs «Bridge of Spies» mit dem Oscar prämiert, und in «The BFG» spielt er abermals einen eigentlich Unsichtbaren, der aus der Einsamkeit ins Licht tritt – und die Herzen erweicht mit seiner eigensinnigen Menschenfreundlichkeit. Seine Sätze haben einen feinen musikalischen Flow, und wie im Buch verdreht der Riese auch im Film lustig die Wörter und redet die Königin Englands mit «Eure Mayonnaise» an. Und das ist nun gerade dieser Tage wirklich sehr witzig. Pascal Blum (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2016, 19:20 Uhr

Steven Spielberg

Herr der Leinwand

Er ist einer der kommerziell erfolgreichsten Filmemacher Hollywoods. Zu Steven Spielbergs Werken zählen «Jaws» (1975), «E.T.» (1982), «Schindler’s List» (1993) und die Indiana-Jones-Reihe. Spielberg kam 1946 in Cincinnati, USA, zur Welt. Sein erster Film war «Duel» (1971). (TA)

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