Das wohltemperierte Mutterschafts-Drama

Pedro Almodóvar zeigt am Filmfestival in Cannes seinen neuen Film «Julieta». Dieser kommt für einmal ohne Hysterie aus. Jedenfalls fast.

Auf dem roten Teppich darf es grell sein: Pedro Almodóvar zwischen Adriana Ugarte (l.) und Emma Suárez. Foto: Tristan Fewings (Getty)

Auf dem roten Teppich darf es grell sein: Pedro Almodóvar zwischen Adriana Ugarte (l.) und Emma Suárez. Foto: Tristan Fewings (Getty)

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Erst ist der Mensch fröhlich und hüpft, zum Ende hin wird aus ihm ein Brocken Schutt, abgelagert in einem finsteren Saal, wo er das weisse Licht erblickt. War es das, naht das Ende? Nein, er wird schon wieder rausgeschoben aus dem Kino, umgeben von Untoten mit zerfressenen Hirnen, die ihrem eigenen kleinen Licht in der Handfläche folgen, wie Tiefseefische mit winzigen Glühbirnen vor dem Kopf.

Das Festival in Cannes ist dieses Jahr eine Art Nahtoderlebnis, ein Experiment am offenen Auge: Mal schauen, was so ein Bewusstsein aushält, bevor es rot blinkt und crasht. Man sieht jetzt, nach einer Woche Gehetz von einem grossen Namen zum anderen, nur noch Schemen – oder gleich Schimären. Den Powerriegel für den Zuckerpegel fischt einem die Security aus dem Sack, und in den Schlangen vor den Kinos stellt sich die Frage, ob der Mensch allenfalls doch zu den Säugetieren gehört, die im Stehen schlafen können.

Kristen Stewart und der 500-Dollar-Gürtel

Wenn die Körper rundherum zum Menschenozean verschwimmen, ist man im Wettbewerbsprogramm froh um jede Grossaufnahme: Dann sieht man wieder überscharf, wie die Schauspielerin Ruth Negga leicht den Mund spitzt, wenn sie von der Hoffnung einer Liebe spricht (in Jeff Nichols’ «Loving», einem Biopic von intensiver Sparsamkeit, das von einer gemischtrassigen Ehe im Südstaatenamerika der 50er-Jahre handelt).

Wie Kristen Stewart mit ihrer unnachahmlichen Twentysomething-Selbstsicherheitsfassade einen 500-Euro-Gürtel zusammendrückt, um das Material zu testen (in Olivier Assayas’ «Personal Shopper», einer sympathisch unfertigen Geistergeschichte um die Einkaufsassistentin einer Celebrity in Paris). Wie Adam Driver dem Lenkrad grossen Schwung gibt als Busfahrer durch die Gegend von New Jersey (in «Paterson», der Charakterstudie von Jim Jarmusch, die ihre Eintönigkeit vermutlich für Lakonie hält).

Unschriller Gefühlsharlekin

Vieles war da zurückgenommen inszeniert, wurde kaum laut oder bunt. Wir setzten also alle Hoffnung auf Pedro Almodóvar, den spanischen Gefühlsharlekin. Und wurden insofern enttäuscht, als auch sein neues Drama «Julieta» sehr unschrill daherkam. Aber wieso sollte es anders sein: Almodóvar dreht seine Filme heute ja auch in einer Zeit, in der die meisten gelernt haben, dass Hysterie bei Frauen wenig anderes ist als der pathologisierende Diskurseffekt einer phallozentrischen Gesellschaft (wenn man die Slogans der Genderstudies noch einigermassen richtig in Erinnerung hat). Womöglich sieht ein Almodóvar in einem temperierten Mutterschaftsdrama sogar einen Ausweg aus den unzeitgemässen weiblichen Nervositäten.

Vielleicht aber findet er einfach, wie bereits seine schöne Gespensterstory «Volver» (2006) nahelegte, dass die Frauen nicht mehr am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen, sondern im Zentrum des Interesses, und die Hochfrequenzgefühle höchstens am Rand aufblinken.

Der offizielle Trailer zu «Julieta». Video: Youtube

So wars jedenfalls in «Julieta», und wie in «Volver» wirkte darin die gespenstische Anziehungskraft der Vergangenheit. Almodóvar hat drei Kurzgeschichten aus dem Band «Runaway» der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro adaptiert und vom kalten Norden nach Spanien importiert: Julieta, gespielt von Adriana Ugarte und Emma Suárez als junge respektive ältere Version, lernt im Intercity einen Fischer kennen; sie ziehen ans Meer, bald darauf wird eine Tochter geboren. Doch die Tochter, wie sie zum Teenager heranwächst und etwas Schreckliches geschieht, verschwindet in den Pyrenäen und bleibt für die Mutter unauffindbar.

Julieta gerät in Verzweiflung. Aber nicht auf exzentrische Art. Mehr auf herbe, ausgeweinte Weise. Und Almodóvar erzählt in Rückblenden ein Drama um Schuld und Trauer und konzentriert sich darin ganz auf das intime Porträt einer Frau, die ihre Kraft verliert. Der Soundtrack klingt nach Hitchcock, Alice Munros genau gesetzte Psychologie bekommt bei Almodóvar eher schroffere Züge. Aber er setzt noch im Gedämpften Farbtupfer, meistens rote und blaue. Und er hat auch hier eine Sensibilität für das qualvolle Loch im Leben einer Frauenfigur. Einen verstörenden Vorfall mit Menstruationsblut in der Zugtoilette aus den Munro-Storys spart er sogar aus. Vielleicht wars ihm zu grell?

Die Grenzen zwischen Körper und Wahn lösten sich weiter auf in Cannes.

Bei uns flimmerte dafür alles, man sah am Horizont ferne Trugbilder, wie den Schauspieler Ryan Gosling, den man gern zu «Drive» und Film noir befragt hätte. Er war aber schon abgereist, und dieses Loch im eigenen Leben musste man aushalten, als man fast so traurig wie Julieta aufs glitzernde Meer blickte. Wieder andere materialisierten aus der Luft, wie die zwei Schauspieler aus dem französischen Drama, die man unvorbereiteterweise mit irrsinnig blöden Fragen quälte. Daneben stand die PR-Frau, den Blackberry am mobilen Ladegerät in der Hosentasche. Derart verkabelt mit der Kraftquelle ists nicht mehr weit bis zu Darth Vader, junge Frau! Und die Grenzen zwischen Körper und Wahn lösten sich weiter auf in Cannes.

So weit sogar, dass man es gar nicht mehr glaubte. Der Franzose Bruno Dumont hatte sich bereits zu Beginn des Festivals an einer Hybridisierung versucht: Für seine Kriminalfarce «Ma Loute» suchte er einmal mehr seine typisch krummen Laiengesichter aus der Region Nord-Pas-de-Calais zusammen – verschaltete sie aber mit der französischen Schauspielaristokratie, etwa einer grotesk schmierenden Juliette Binoche. Man hielt es fast für einen Verrat an Dumonts Kino, das sonst aus der gewöhnlichen Exzentrik die Magie holt, nicht aus der importierten.

Der beigemischte Superstar

Bei der Britin Andrea Arnold war dann alles verloren: Sie besetzte «American Honey», ihren ersten Spielfilm in den USA, mit unverbraucht pickligen Gesichtern, die junge Hauptdarstellerin fand sie während des Springbreak am Strand. Hineingemischt wurde dann aber doch «Transformers»-Superstar Shia LaBeouf, und zusammengenommen war das eine aufgedrehte Crew, die in einem Van durchs Hinterland fährt, um den Leuten gegen etwas Geld Zeitschriftenabonnemente aufzuschwatzen. Die Kamera sass dazu hautnah mit im Bus, es dröhnten ­Rihanna und viel Rap, und wahrscheinlich ging es diesem Hybrid aus Fiktion und Dokument um die porentiefe Textur eines Daseins im Schlagschatten des amerikanischen Traums. Man fiel aber nicht so schnell auf diese Schimäre herein, in der angeblich Fantasie und Realität mühelos ineinanderflossen. Sie hatte vielmehr den klaren Umriss eines selbstverliebten Fakes. Und man war froh, dass man noch auf etwas zeigen konnte und sagen: Ich sehe dich, du bist nicht echt.

«Julieta» ab heute in Zürich in den Kinos Riffraff, Arthouse Le Paris und Arena. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2016, 20:34 Uhr

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