Fünf Vorschläge für einen besseren Schweizer «Tatort»

Schauplatz, möglicher Fall, Besetzung: So sähe unser Schweizer Krimi aus. SRF, übernehmen Sie!

Mögliches Basler Ermittler-Duo: Sarah Sophia Meyer und Bruno Ganz. Bildmontagen: Andrea Fessler

Mögliches Basler Ermittler-Duo: Sarah Sophia Meyer und Bruno Ganz. Bildmontagen: Andrea Fessler

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Seit seinem Start vor sechs Jahren gibt der Schweizer «Tatort» immer wieder zu reden. TV-Kritiker zerreissen ihn mit schöner Regelmässigkeit. «Beim Bullshit-Bingo der ‹Tatort›-Klischees sind die Fälle aus der Schweiz traditionell immer weit vorne mit dabei», schrieb etwa die «Süddeutsche Zeitung» zur jüngsten Ausgabe. Auch was die Zuschauerquoten angeht, liegt unser Kommissarduo in Deutschland auf dem letzten Platz aller «Tatort»-Teams. Hierzulande ist die Quote besser, aber darf man sich damit zufriedengeben?

Wir finden: nein. Es sollten «Tatorte» produziert werden, die nicht nur ein einheimisches Publikum finden – ansonsten darf man sich nicht wundern, wenn die ARD den Schweizer «Tatort» irgendwann aus dem Programm kippt. Ausserdem verdienen Schweizer Schauspieler, Autoren und Regisseure ein «Tatort»-Konzept, mit dem sie sich und ihre Fähigkeiten in Deutschland empfehlen können.

Netflix setzt die Latte hoch

Klar, die Synchronisation von der Mundart ins Hochdeutsche ist ein Startnachteil des Schweizer «Tatorts». Aber auch die Figurenzeichnung wird immer wieder kritisiert. Was genau ist das Profil von Flückiger/Ritschard? In Zeiten, wo viele TV-Helden gespaltene Figuren sind, nehmen sich die beiden Schweizer Kommissare ziemlich farblos aus. Flückiger ist ein bisschen melancholisch, Ritschard ein bisschen bisexuell.

Nun muss man nicht auf Teufel komm raus Kommissare mit bipolaren Störungen ins Rennen schicken. Andererseits kämpfen immer mehr «Tatort»-Städte um die Aufmerksamkeit der TV-Zuschauer, was zu einer Eventisierung des Sonntagskrimis geführt hat. Das kann man beklagen, aber Tatsache ist nun mal, dass man es mit einem unauffälligen Ermittlerduo schwer hat, gerade im Netflix-Zeitalter, wo die Messlatte für spannende Serien sehr hoch ist. Kommissare kommen immer dann am besten an, wenn sie in irgendeiner Form Regelbrecher sind. Auch weil die «Tatort»-Filme nicht immer auf ein fulminantes Drehbuch zählen können, ist es wichtig, dass die Figuren und Hintergründe zu den Kommissaren attraktiv entworfen sind.

Hier liegt das Problem des Schweizer «Tatorts». Flückiger (Stefan Gubser) wurde von den Bodensee-«Tatorten» importiert, an seiner Seite ermittelte zuerst eine völlig unpassende Amerikanerin, die rasch verschwand und durch Liz Ritschard (Delia Mayer) ersetzt wurde. Das Ganze wirkte ziemlich unüberlegt – genauso wie der Schauplatz Luzern. Was, ausser einer Postkartenidylle, hat die Stadt genau zu bieten? Steht sie für mehr als gutschweizerischen Durchschnitt?

Doch wir wollen nicht in alten Wunden bohren und blindwütig auf den Schweizer «Tatort» eindreschen, sondern mithelfen, das populäre Gefäss endlich konkurrenzfähig zu machen. Hier sind fünf Vorschläge dazu.


Zürich
Mit Carla Juri und Marie Leuenberger

Konzept: Zürich und Umgebung bietet viel schweizerische Schönheit: Seen, Flüsse, Parks und alte Häuser. Zürich ist aber auch eine Stadt der Hochfinanz und des Geldwaschens, der Galerien und Expats, ein Unort der Globalisierung und ein Ort mit verschiedenen schillernden Parallelgesellschaften. Es ist eine oftmals abgeschottete Welt, die man weder in der Schweiz noch in Deutschland kennt – der «Tatort» ermöglicht hier den Blick durchs Schlüsselloch. Als Kommissarinnen bieten sich zwei Frauen an, was in der «Tatort»-Geschichte ebenfalls eine absolute Rarität ist. Die eine eine forensische Psychiaterin – schliesslich ist Zürich auch eine Stadt der Psychiatrie –, die andere eine junge Undercoverermittlerin, die sich als vermeintliche Jetsetterin in die erlauchte Gesellschaft einschleust und mitfeiert, wobei die Grenze zwischen ihrem richtigen und ihrem falschen Leben zunehmend verschwimmt – zur Beunruhigung der Psychiaterin, die der Kollegin therapeutisch zur Seite steht, allerdings selber Therapie benötigt und die Kollegin insgeheim um ihr ausschweifendes Leben beneidet.

Möglicher Fall: Wieso sich nicht an der Aktualität orientieren? Als ein Galeristenfilius mit einem Kerzenständer im Rachen tot aufgefunden wird, stellt sich die Frage nach dem Täter. Einbrecher? Kollegen? Am Ende kommt heraus, dass der wohlstandsverwahrloste Sohn im Ketaminrausch Suizid beging. Zu düster? Der Züri-«Tatort» hat dank der Psychiaterin auch immer wieder kuriose Fälle zu lösen, welche die Ermittler in eine Welt von Spleens und Neurosen führen. Philippe Zweifel


Basel
Mit Sarah Sophia Meyer und Bruno Ganz

Konzept: Basel hat alles, was kriminelle Verwicklungen begünstigt: Pharma- und Chemieindustrie, die Lage am Dreiländereck mit allen möglichen legalen und illegalen grenzüberschreitenden Aktivitäten, eine international ausstrahlende Kulturszene und viele reiche Mäzene. Mit Basel als Standort verliert der Schweizer «Tatort» den Ruch des Provinziellen und das Image des Lächerlichen.

Das Team bildet ein alter Hase, der schon alles gesehen hat und nur seiner Intuition vertraut. Am liebsten arbeitet er allein. Nun wird ihm, im Zuge eines Frauenförderplans, eine junge Ermittlerin zugeteilt, die sich als Knaller entpuppt, weil sie mit allen Wassern neuer technischer und digitaler Methoden gewaschen ist. Allmählich gelingt es ihr auch, die Vorbehalte des Veteranen zu entkräften.

Möglicher Fall: Der Maler Yves Gross, Alt-Avantgardist und ziemlich dement, wird in seiner Villa tot aufgefunden – einen Tag nach der Eröffnung einer grossen Ausstellung seiner monochromen Bilder aus den 50er-Jahren in der Fondation Beyeler. Mehrere legitime und illegitime Nachkommen machen sich Hoffnungen auf das beträchtliche Erbe und damit auch verdächtig. Das Testament lässt Fragen offen: Wie klar im Kopf war Gross noch?

Zugleich stellt sich heraus, dass der Farbton der Grün-Bilder in der Ausstellung synthetisch hergestellt ist und in der Zeit, aus der die Gemälde stammen, noch gar nicht existierte. Ein Farbchemiespezialist wird herangezogen, ein zweiter gibt ein Gegengutachten ab. Aber wer Farbtöne analysieren kann, kann sie auch herstellen . . . Martin Ebel


Grindelwald
Mit Bettina Stucky und Roland Bonjour

Konzept: Wieso immer nur Städte? Die Schweiz sollte sich, gerade dem deutschen Publikum, mit dem Besten verkaufen: Bergen, Gletschern. Idealer Ort ist Grindelwald, natürlich mit der Eigernordwand, aber nicht nur – vom Wetterhorn bis zu den schattigen Höfen im Lütschinental bieten sich zahlreiche Schauplätze an. Und Abstecher zu James Bond aufs Schilthorn oder zur Hoch­finanz ins Interlakner Hotel Victoria Jungfrau sind jederzeit möglich. Die Kommissarin ist eine Einheimische, die alle im Dorf bestens kennt. Das erleichtert ihre Ermittlungen, aber bringt sie oft auch in die Bredouille, weil sie mit dem einen potenziellen Täter in der Schule war und mit dem andern das Fiescherhorn bestiegen hat. Auch haben ihr die Dorfbewohner nie verziehen, dass sie zwanzig Jahre ihres Berufslebens in – tz, tz – Zürich verbracht hat. Ihr zur Seite steht ein junger Mann, für den die Bergstation nur Sprungbrett ist. Er ist technologisch beschlagen, ehrgeizig und spricht konsequent Hochdeutsch («bin ein Berliner»). Aber die Kommissarin findet schon in der ersten Folge heraus: Eigentlich ist er ein Bärner Giel aus dem Seeland.

Möglicher Fall: Am Fuss der Eigernordwand liegt eine Leiche. Es handelt sich um den bekannten Extremkletterer Toni Boss. Was ist geschehen? Ist die Substanz, die in seinem Körper gefunden wird, nur Doping, oder handelt es sich um einen Giftanschlag? Wieso trägt er nur einen Handschuh? Und was soll der Zettel mit fremden Schriftzeichen im Hosensack? Die Antwort liegt dort, wo bisher noch kein «Tatort»-Kommissar ermittelt hat: in den Ausstiegsrissen gleich oberhalb der Weissen Spinne. Matthias Lerf


Neuenburg
Mit Ella Rumpf und Kacey Mottet Klein

Konzept: In Neuenburg, dem Luzern der Westschweiz, wo der Geist Dürrenmatts drüber wacht, dass es noch grotesk genug zugeht, läuft ein Pilotprojekt der Kriminalpolizei. Von der Schule hat man zwei analytisch hochbegabte Nonbinäre rekrutiert, also zwei, die sich weder als Mann noch als Frau wahrnehmen. Gesprochen wird Französisch, fürs deutschsprachige Publikum nachsynchronisiert als Hochdeutsch fédéral, wo das Duo dann «Mir si vo der Kripo Nösch» sagt. Von Neuenburg aus ermitteln die Kommissare nach Genf und ins Waadtland; da gibts alles von dreckigen Deals zwischen Flüchtlingsorganisationen und Scheichs bis zum Neonazi-Kult im subventionierten Laufstall.

Möglicher Fall: Ein Stand-up-Paddler putscht in eine im Schilf verhedderte Wasserleiche. Auf ihrem Hals ist #festi’neuch tätowiert, der Name des örtlichen Open Airs. Auf Instagram stossen die Ermittler auf Fotos, auf denen sich eine vermummte Gruppe am Festival makabre Spässe mit dem noch lebenden Opfer erlaubt. Als darauf auf der 3-Seen-Fahrt eine Passagierin, die ebenfalls auf den Fotos auftaucht, im Maschinenraum des Dampfschiffs zermalmt wird, gerät das Duo unter Druck. In der Stadt beginnt eine Kampagne gegen die «zwei Schwuchteln», die keine Resultate liefern. Dank einer Analyse der Foto-Metadaten entziffern die Neulinge dann aber die GPS-Kennung des Hofs eines libertär-anarchistischen Weinbauern; diesen finden sie aufgeschlitzt in einem Fass. Und die namenlose Terrorgruppe erwartet das Team schon im Weinkeller. Es hat zwei Türen angeschrieben: «Mann» und «Frau». Einer der Ermittler muss sich jetzt entscheiden. Pascal Blum


Ganze Schweiz
Mit Stefan Kurt und Lisa Catena

Konzept: Dass die Schweiz aus vielen Schweizen besteht, hat sich herumgesprochen. Warum also erfindet man nicht, wenn man sich nur ein einziges «Tatort»-Team leisten kann oder will, eines, das im ganzen Land unterwegs ist? Und das zudem auch über die Grenzen hinausschaut?

Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) gibt es erst seit 2000. Die Berner Behörde beschäftigt sich mit grenzüberschreitender organisierter Kriminalität, Geldwäscherei, Korruption, Wirtschaftskriminalität sowie Menschenhandel und Cybercrime. Zudem unterstützt das Fedpol die Kantonspolizeien. Auch für die Kooperation mit ausländischer Polizei ist das Amt zuständig: ein Riesenpotenzial an Schauplätzen, Themen und Reibungsflächen! Schicken wir doch im Namen des Fedpol zwei (tatsächlich) gebürtige Berner Ermittler auf die Piste, die sich anfangs nicht ausstehen können: Da ist der harte Hund, Büezerkind, der im Ausland Privatdetektiv war, bevor er beim Bund anheuerte. Man wirft ihn mit einer übermotivierten höheren Tochter zusammen, die gegen ihre Eltern rebellierte und zur Polizei ging. Sie glänzt mit technischen wie sozialen Kompetenzen; ab und zu auch mit musikalischen.

Möglicher Fall: Im schweizerisch-deutschen Bus 908 wird, in Münsterlingen, eine erstochene junge Frau entdeckt. Vielleicht fuhr sie als Leiche übern Zoll; da ist nach vielen Seiten Diplomatie gefragt. Und was haben die Geldnoten, die im schicken Konstanzer Insel-Hotel bei einem Essen von Wirtschaftsbossen die Klos verstopfen, mit der Sache zu tun? Wusste die tote Erbin in spe zu viel? Oder zu wenig? Alexandra Kedves

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2017, 06:46 Uhr

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