Der Server und ich

Seit wir Filme, TV-Serien und Millionen von Songs streamen können, treiben wir im Überfluss des Kulturangebots. Doch wir lernen dabei auch, anders hinzusehen und genauer hinzuhören.

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Nun ist der Augenblick gekommen für die «Complete Atlantic Recordings» des Modern Jazz Quartet. Wobei, das sind fünf Stunden Musik, wer hat so viel Zeit? Moment, der Vibrafonist Milt Jackson hat auch auf «Bags & Trane» mit John Coltrane gespielt. Das wäre deutlich kürzer, nur bliebe dann weiterhin die Frage offen, welches das beste Album von Joni Mitchell ist. «Mingus», klar. Allerdings, das wusste man ja bereits. Wie ist eigentlich die neue Staffel von «House of Cards»? Aber wenn man damit anfinge, hinge man wieder bei Netflix fest, und bei Mubi gibts nur noch zwei Tage lang Agnès Vardas Kurzfilm «Du côté de la côte» zu sehen. Prioritäten setzen! Dann schauen wir weiter. Und wenn wir schon weiterschauen, vielleicht doch bei Netflix, könnte man im Hintergrund trotzdem die «Complete Atlantic Recordings» laufen lassen. Oder ist das keine gute Idee?

Verwirrt? Keine Sorge, die Verwirrung ist der Normalzustand in der neuen Welt des Streaming. Es ist eine Dauererfahrung von Überfluss und Überforderung, man treibt dahin im Reich der Zugänglichkeit und allen möglichen Verzweigungen, hält sich fest an den Kaisern in den Favorites-Listen und gedenkt der Abertausenden von traurig Vergessenen im Bodensatz des Datenflusses. Der Modus des Streamingopfers ist die Sprunghaftigkeit, die Nervosität des Was-wartet-dort?, die laute Ahnung, dass Entdeckung und Enttäuschung nahe beieinanderliegen. Aber das Streamingopfer hat auch die Begeisterung auf Stand-by. Dann hört es plötzlich diesen einen Song oder sieht diesen Film und denkt: Wie kann man nicht gewusst haben, wie grossartig das ist? Streaming, du Königreich! Und was steht da unten? Kunden, die diesen Film gesehen haben, sahen auch diese 15 anderen Filme. Streaming, du mein Untergang.

Gut sieht man dabei nicht aus

Spätestens seit so ziemlich jeder auf seinem iPhone einen Gratismonat Apple Music ausprobieren kann, ist Streaming auch in der Schweiz angekommen. Für unsere Zwecke bezeichnen wir als Streaming alles, was man legal gegen eine Abogebühr übers Netz wiedergeben kann, ohne es auf dem Computer oder auf dem Smartphone speichern zu müssen. Also Musikdienste wie Spotify, Tidal, Apple Music; Film- und Serienportale wie Netflix, Mubi, Artfilm oder Teleclub Play. Meist löst man eine Flatrate und bekommt einen Passepartout für ein mehr oder weniger riesiges Archiv von Songs und Filmen.

Nicht von ungefähr heisst ein Musikdienst Pandora – ist die Büchse erst geöffnet, entströmen alle Übel aus der Geschichte der Kulturprodukte. Aber auch ihre Düfte: In der Schweiz werden Filme und Serien immer mehr auf digitalem Weg genutzt, schätzungsweise 12 Prozent haben hierzulande ein Abo für Filmstreams aus dem Netz, genaue Angaben gibt es nicht. Europaweit zahlen 11 Prozent für Internetvideotheken. Generell verlagert sich das Unterhaltungsgeschäft in den Digitalbereich: Im letzten Jahr ist das Musikstreaming in der Schweiz um 30 Prozent gewachsen. Der Anteil am Gesamtmarkt beträgt aktuell ein Fünftel, in Zukunft wird Streaming das Geschäft mit CDs und Downloads wohl überholen.

Man darf von der nächsten technologischen Phase des Film- und Musikkonsums reden. Und man kann sich fragen, was es mit uns anstellt, wenn wir jederzeit die Streamingkiste anstellen können. Schwimmen alle synchron im Ozean der neuen Konsumkultur? Oder zieht jeder verloren seine eigenen Bahnen? Und wie sieht man dabei überhaupt aus? Leider so autistisch wie die Typen aus der Werbung, zurückgelehnt auf dem Retrosofa, in der Hand das iPad, mit dessen Apps man Stereoanlage oder HD-Fernseher ansteuert. Im Zugabteil krumm gebeugt über dem Display, verspannt klopfend auf Neuheiten, vollständig eingekapselt in der privaten Vergnügungsblase. Ein Volk von Trotteln; alles geshared, nichts geteilt.

Kein hübscher Anblick. Streaming, das ist die Wahllosigkeit des Wie-wäre-es-damit?, der Bewusstlosigkeitsstrom einer digitalisierten Contentkultur, in der sich das einzelne Werk seiner Bedeutung entledigt hat – ausser jener, wie gut oder schlecht es irgendein Fremder gefunden hat. Streaming, das ist aber auch die Sprengung von Geschmacksgrenzen, das Eintauchen in verzauberte Daten, aus denen man seine eigenen Bedeutungsnetze knüpft. Denn hat man nicht von genau so einem Strom aus Ton und Bild geträumt, als man gegen die Eltern zu kämpfen begann, die auf dem Ohrensessel ihre blöden Beethoven-CDs hörten und dazu interessiert das Booklet durchblätterten?

Diesen Strom haben wir nun, und die Schönheit des Streaming besteht gerade im Verlust der Einordnung: Wo die Konturen des einzelnen Films, des einzelnen Albums in der Springflut aus Ähnlichem und Empfohlenem verschwimmen, verliert man die Übersicht, befreit sich aber von den Dressuren der Sozialisation. Und hört und schaut plötzlich, was man vorher schlimm fand, also Country oder französische Komödien.

1979 schrieb der Soziologie Pierre Bourdieu in seiner epochalen Studie «La distinction», wie Geschmack durch Herkunft und soziale Schicht eingeübt wird: «Man hat, was man mag, weil man mag, was man hat.» In der Streamingwelt mag man, dass man so viel hat, und hat dafür keine rechte Ahnung mehr, was man eigentlich mag. Hedonismus im Beliebigkeitsstrudel!, ruft da der Kenner, der gerade in aller Ruhe sein Jazzalbum­cover studiert. Entledigung von den ­angefressenen Kriterien der eigenen ­Bequemlichkeitszone!, antwortet der Streamingfan.

In seinem Buch «Every Song Ever» schreibt der US-Musikkritiker Ben Ratliff, dass uns die Überfülle der Verfügbarkeit die Möglichkeit gibt, neue Linien zu ziehen, andere Filter einzusetzen. Etwa Musik nach eigenen Klassifikationen zu hören: Langsamkeit, Virtuosität, Dichte. Analog kann man eigene Verbindungspunkte in der Filmgeschichte setzen, nur schon, indem man Filme im Zufallsmodus schaut oder sich durch die Empfehlungslinks hangelt. Wie war das beim Schriftsteller Jorge Luis Borges und seiner absurden zoologischen Enzyklopädie von den Tieren, die dem Kaiser gehören, und jenen, die von weitem wie Fliegen aussehen? Streaming kann im besten Fall sein wie ein leeres Buch, in das man sein eigenes Lexikon schreibt. Mit Zaubertinte.

Das heisst aber auch, dass die Trennlinien verfliessen. In der Entgrenzung wird die Abgrenzung schwierig: In dem Masse, wie Millionen von Werken digital erhältlich werden, verlieren Musik und Kino ihre lebensentscheidende Funktion. Die Jugend war in der popkulturellen Erfahrung immer die Zeit der verschwörerischen Absetzung vom Musikmüll, von dem sich die anderen berieseln liessen. Die Streamingteenager von heute verschalten sich unbefangener, indem sie einander kurzzeitig im Tram den Earplug einstöpseln. Ein zeitgemässes Bild einer instabilen Identitätskopplung, die so unscharf bleibt wie die Cloud, aus der all die Songs zu uns heruntergeweht kommen.

Die Frage der Distinktion, also des identitätsstiftenden Unterschieds, verschiebt sich derweil auf die Streamingdienste selbst: Spotify oder Qobuz? Mubi oder Teleclub Play? Da leben Reste des alten Streits zwischen Mainstream und Alternative fort – auch wenn sich die Angebote kaum gross unterscheiden und allerorts die finsteren Algorithmen greifen, die angeblich wissen, was man mag, bevor man es selbst weiss. Nur: Computer haben keine Ahnung, womit man aufgewachsen ist, was man in der Schule abgewehrt hat, was man insgeheim schon immer entdecken wollte.

Unser Zickzackkurs durch die Streamingarchive mag bisweilen an die Grenzen der eigenen Datenprofile stossen. Aber man wird dabei nicht zum Knecht der Maschine – genauso wenig, wie man sich zum Herrscher über ein Reich aufschwingen kann, in dem alles vorhanden ist. Im digitalen Mehrstromland hat man eher die Rolle eines Senators, der Könige wählt, Untertanen verschmäht und über ein paar Narren lacht.

Kurz: Wenn Musik und Filme unser Leben weniger deutlich definieren, können wir stärker definieren, was sie für uns bedeuten. Wo uns der Konsum einst zu dem machte, was wir schon waren, steht es im ewigen Datenfluss in unserer Macht, auch mal etwas anderes zu sein. Weil wir einen Film nicht mehr sofort von uns wegstossen, basierend auf äusserlichen Kriterien. Weil wir offen zugehen auf ein Album, das wir als Signal vor einem permanenten Hintergrundrauschen umso plastischer erleben können. Weil wir einen Song neu ausmessen und bewusster hören können im persönlichen Kontext dessen, wie wir darauf gestossen sind und womit wir ihn verbinden. Man muss nicht schon wissen, um etwas geniessen zu dürfen. Man kann stückweise lernen, auf eigenen Wegen.

Und nun geht man diese Wege durch das Paradies, in dem Musik und Kino fliessen, und bemerkt: Es ist recht einsam. Man verbrüdert sich kaum mehr, um sich zu unterscheiden: Aus dem «Wir gegen die anderen» aus der Zeit der Jugend wurde ein «Ich und der Server». Aber ist das so verwunderlich? Die Konstruktion des Eigenen durch Feindbilder haben heute die Rechtspopulisten übernommen – und der Radikalismus hat einen miserablen Ruf. Uns bleibt der Trost in der zukunftslosen Gegenwart, die sich wellenförmig in alle Richtungen ausdehnt und immer mehr Vergnügungsgüter mitführt. Stream on.

Verloren im Lademodus

Wir sind da unzählige Eingestöpselte, auf der Suche nach etwas, das uns mit mehr als einer Datenbank verbindet. Und was, wenn sogar diese Verbindung abrupt gekappt wird? Wenn wir unterwegs ein paar Songs oder eine neue Folge einer TV-Serie streamen und in ein Funkloch geraten? Dann staut sich der Strom, und die Covertapete des Konsumkapitalismus kriegt einen Riss. Ein stockendes System im Lademodus, für den Moment eines «drop out» wird man auf sich selbst zurückgeworfen. Je öfter man eingeklinkt ist in den Datenfluss, desto bodenloser wird diese Verlorenheit während des Aussetzers. Es ist wie eine gespenstisch knackende Erinnerung daran, dass wir die Idee einer politischen Alternative weggewischt haben: Wenn bei jedem Einzelnen ständig etwas läuft, muss bei allen zusammen nichts mehr gehen.

Streaming kann eine Standleitung zum Kulturglück sein: Wer gerade jetzt dieses eine Lied hören muss, kann das tun, ohne dass er dabei zum Sklaven einer totalitären Bewusstseinsindustrie werden muss. Es ist überhaupt möglich geworden, auf Wunsch von Kopf und Herz schauen zu gehen, was es sonst noch geben könnte. Das war einmal ein utopischer Satz, jetzt ist er eingebaut in die Geräte. Sie aktivieren die alte Idee, dass es alles für alle geben soll. Nur hat es nun jeder für sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2016, 22:35 Uhr

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