«Die Anweisung lautete: ‹Seid kreativ›»

Der Amerikaner Eric Fair hat in Abu Ghraib irakische Gefangene gefoltert. Später fühlte er sich so schuldig, dass er sich umbringen wollte. Jetzt hat er ein Buch darüber veröffentlicht.

Durch Fotos, die den Medien zugespielt wurden, erfuhr die Welt, was hinter den Mauern des Abu-Ghraib-Gefängnisses bei Bagdad vor sich ging. Foto: Andrea Bruce (Redux, Laif)

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Der künftige US-Präsident Donald Trump hält Folter für ein probates Mittel, um aus Terroristen Informationen zu pressen. Was halten Sie davon?
Es ist erschreckend, dass unser nächster Präsident Folter als Verhörmethode überhaupt in Betracht zieht. Es ist die abscheulichste Form, jemanden gegen seinen Willen zum Reden zu bringen, und verstösst gegen elementare Menschenrechte.

Einer aktuellen Studie des Roten Kreuzes zufolge befürwortet fast die Hälfte aller befragten Amerikaner Folter als Mittel gegen feindliche Kämpfer. Haben die Kriege im Irak und in Afghanistan Ihre Landsleute verrohen lassen?
Die Amerikaner sind der Aussenpolitik gegenüber gleichgültiger geworden, gerade was die Kriege im Irak und in Afghanistan betrifft. Es kümmert sie nicht, wie mit den Menschen dort umgegangen wird. Für ein Land, das der Welt ein Vorbild sein will, ist das ein Armutszeugnis.

Sie haben im Auftrag der US-Regierung im irakischen Militärgefängnis Abu Ghraib monatelang Gefangene mit stark umstrittenen Methoden verhört. Hat das dem Krieg genützt?
Der Erkenntnisgewinn war gleich null. Nur ein einziges Mal erzählte mir ein Iraker detailliert, wo Waffen versteckt sind, welcher Mechaniker Autobomben baut und wer US-Helikopter vom Himmel schiesst. Aber diese Informationen bekam ich nicht durch Folter. Sondern weil ich dem Mann Kuchen und Cola anbot.

Trotzdem haben Sie mit Verhörtechniken gearbeitet, die man als Folter bezeichnen muss.
Das ist richtig. Während meiner Militärausbildung hatte man uns beigebracht, dass diese Vernehmungspraxis über kurz oder lang erfolgreich ist. Eine Anleitung, wie wir Gefangene zu befragen hatten, gab es im Irak aber gar nicht. Jeder musste seinen eigenen Weg finden.

Wie lief ein Verhör in der Regel ab?
In Abu Ghraib sass der Gefangene in Handschellen in einer fensterlosen Sperrholzkabine auf einem Plastikstuhl. Wenn er nicht still sass, fixierten wir seine Fussgelenke mit Kabelbindern an den hinteren Stuhlbeinen. Ich fragte auf Arabisch nach dem militärischen Rang, Familienangehörigen, wo er Spreng­fallen bunkert, ob er gegen Amerikaner gekämpft hatte.

Was taten Sie, wenn Gefangene nicht redeten?
Die Anweisung meiner Vorgesetzten ­lautete: «Seid kreativ, kocht sie weich.»

Wie haben Sie denn Gefangene weichgekocht?
Ich zwang sie zum Beispiel, mit zur Seite ausgereckten Armen schwere Bücher zu halten. Ich liess sie Liegestütze machen, bis ihre Muskeln versagten. Ich kettete sie mit einem Sack über dem Kopf stundenlang an einem Stahlhaken im Boden an. Ich schubste sie gegen Wände, warf Plastikstühle durch den Raum, brüllte, versuchte, sie einzuschüchtern.

Wie reagierten die Gefangenen?
Viele begannen zu weinen. Sie bettelten, nach Hause gehen zu dürfen. Manchmal sahen sie keinen besseren Ausweg, als zu lügen.

Die Fotos aus Abu Ghraib, die um die Welt gingen, zeigen nackte, gefesselte Männer, die von Hunden bedroht oder zum Schein hingerichtet werden. Gehörte das auch zu Ihren Verhörmethoden?
Nein. So etwas haben sie nur in der ­sogenannten Hard Site von Abu Ghraib ­gemacht, einem zweistöckigen Gefäng­nistrakt, in dem Gefangene inhaftiert waren, die aufgrund ihres Wissens als «besonders wertvoll» galten. Die In­sassen dort wurden nicht über ein paar Stunden, sondern über Wochen verhört und immer wieder mit dröhnender ­Musik beschallt.

Aber gingen Sie denn, wenn man das überhaupt sagen kann, humaner mit den Menschen um?
Nichts von alledem war human. Kollegen im US-Camp in Falluja schnallten Iraker mit verbundenen Augen auf einen kleinen Holzhocker. Der Gefangene kauerte darauf wie beim Gebet. Der Oberkörper nach vorn gebeugt, das gesamte Gewicht auf den Oberschenkeln und ­Waden verteilt, die Hände an den Fussgelenken gefesselt. Man bekommt kaum Luft, schwitzt, stöhnt, nässt ein.

Haben Sie selbst auch Iraker auf diesen Holzhocker geschnallt?
Nein. Aber ich habe mich einmal selbst daraufgesetzt. Die Beine brannten nach einer Minute höllisch. Ein unerträglicher Schmerz.

Trotzdem haben Sie Gefangene weiterhin malträtiert.
Ja, aber es gab keinen Tag, an dem mich mein Gewissen nicht quälte. Ich war ja Täter in doppelter Hinsicht. Ich misshandelte selbst und sah Kollegen dabei zu, ohne einzuschreiten.

Lässt es sich leichter foltern, wenn es die Kollegen auch tun?
Sicher. Du sagst dir: Jeder macht es. Kann nicht so verkehrt sein. Und schon hast du diese Abscheulichkeiten vor dir gerechtfertigt. Es war erschreckend, wie schnell ich in diese Spirale geraten bin.

Nach vier Monaten haben Sie gekündigt. Warum sind Sie ausgestiegen?
Ich hatte Nachtschicht im Camp in ­Falluja und sollte einen Gefangenen jede Stunde wecken und ihm die Decke wegziehen. Also ging ich in seine fensterlose Zelle, knipste das grelle Licht an und nahm ihm seinen einzigen Schutz gegen die Frühlingskälte. Als ich diesen nackten, zitternden Mann sah, wusste ich: Das machst du kein zweites Mal. Das ist Folter.

Sie wuchsen in der Kleinstadt Bethlehem im US-Bundesstaat Pennsylvania auf, Ihre Eltern erzogen Sie nach christlichen Werten, Sie wollten Pfarrer werden. Warum gingen Sie zum Militär?
Als Kind und Student gab mir die Kirchengemeinschaft Halt im Leben. Diese Kameradschaft suchte ich später auch im Job. Ich fand sie bei der Army. Dort lernte ich, Verantwortung für mein Land zu übernehmen. Nach 9/11 war es für mich selbstverständlich, dieses Land zu verteidigen.

Weshalb wollten Sie Verhörspezialist werden?
Das wollte ich nicht, das ergab sich so. Das US-Militär hatte Mitte der Neunzigerjahre kaum jemanden, der Arabisch sprach. Ein Ausbilder sagte mir: Mach das! Es öffnet dir später vielleicht die ­Türen zum Geheimdienst. So wurde ich Arabisch-Linguist . . .

. . . und darauf NSA-Mitarbeiter.
Ja, im Jahr 2003, aber nur für ein paar Monate. Die Arbeit bei der NSA war stinklangweilig. Im Irak tobte schon der Krieg, und ich lernte in Seminaren, wie viele Abteilungen die Behörde hat. Ich hatte Angst, den Krieg zu verpassen. Als ich erfuhr, dass Leute mit Arabischkenntnissen gesucht werden, habe ich mich bei einer privaten Militärfirma als Verhörspezialist beworben. Ein ­grosser Fehler.

Wussten Sie, wie man Leute verhört?
Nein, niemand von uns. Spielte auch keine Rolle. Sie hatten kaum Personal für diesen Job. Die brauchten jeden Mann.

Im Krieg begannen Sie zu trinken.
Ja, ich träumte nachts von nackten, verängstigten Menschen und einer Blut­lache, die an meinen Beinen hochkriecht. Der Alkohol linderte die Albträume. Vertreiben konnte er sie nicht.

Dennoch gingen Sie nach Ihrer Kündigung 2004 ein Jahr später ein zweites Mal in den Irak. Diesmal nach Bagdad, im Auftrag der NSA, für die Sie wieder arbeiteten. Warum?
Ich machte Büroarbeit und glaubte, so die quälenden Bilder in meinem Kopf durch versöhnlichere ersetzen zu können. Ich wollte dem Scheusal ent­kommen, zu dem ich mutiert war. Hat nicht geklappt.

Jetzt haben Sie das Buch «Consequence» geschrieben. Als Rechtfertigung?
Nein. Ich kann und will nicht rechtfertigen, was ich getan habe. Das Buch entstand, weil die Welt erfahren muss, welche Verbrechen wir als Nation begangen haben. Bis zum offiziellen CIA-Folter­bericht 2014 hatte die US-Regierung diese kriminellen Verhörmethoden nie offiziell zugegeben. Kaum ein Amerikaner weiss, welche Dimensionen das angenommen hat.

Die NSA hatte mit der Botschaft Ihres Buches offenbar ein Problem. Einige Seiten sind vollständig geschwärzt.
Als Ex-Mitarbeiter musste ich das Skript vor der Veröffentlichung der NSA schicken. So hatte ich es in einer lebenslang gültigen Vereinbarung unterschrieben. Sie haben extrem viel zensiert. Sei es drum. Interessant war, welche Sätze die Behörde stehen liess. Auf einer geschwärzten Seite stand als einziger Satz: «Es wird für mich keine Erlösung im Irak geben.» Das war Absicht, das weiss ich, ein vergifteter Gruss.

Ein paar Jahre nach Ihrer Rückkehr in die USA wollten Sie sich umbringen.
Ich fühlte mich so schuldig und schämte mich so, dass ich eines Tages mit meiner Pistole an den Fluss in Bethlehem gefahren und mit der Waffe ins kalte Wasser gelaufen bin. Was dann passierte, weiss ich nicht mehr.

Haben Sie sich inzwischen vergeben?
Nein. Ich muss mit meiner Schuld leben.

Glauben Sie, dass es unter Trump schlimmer kommen könnte als unter Bush?
Wenn ich Trump prahlen höre, dass er noch viel schrecklichere Dinge als ­Waterboarding billigen werde, muss ich davon ausgehen, dass er das ernst meint und auch durchsetzen wird. Allein bei dem Gedanken läuft es mir kalt den ­Rücken herunter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2017, 19:51 Uhr

Eric Fair war 2004 für eine private Militärfirma im Irak und sorgte mit dem Buch «Consequence» in seiner Heimat für eine Debatte zu Sinn und Unsinn des Folterns.

Consequence. A Memoir. Henry Holt & Company, New York 2016. 256 S., ca. 33 Fr. Nur auf Englisch erhältlich.

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