Die Kämpferin gegen das eingezäunte Leben

Mit dem Film «Jeanne Dielman» wurde die belgische Regisseurin Chantal Akerman zu einer Vorreiterin des feministischen Kinos. Mit 65 Jahren hat sie sich in Paris das Leben genommen.

Chantal Akerman (1950–2015).

Chantal Akerman (1950–2015). Bild: Claudio Onorati/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gerade noch war sie so präsent, am Filmfestival in Locarno, wo sie «No Home Movie» vorstellte, den Film über den Tod ihrer Mutter. «Es war hart», sagte Chantal Akerman danach im Gespräch, sie wirkte müde, aber redete mit Witz. «Ich habe fast geweint, als ich auf die Bühne gegangen bin. Aber ich habe es trotzdem getan, weil ich eine gute Soldatin bin.» Der herbe, aus scheinbar wahllosen Perspektiven aufgenommene Videoessay zeigt die Mutter in ihrer Brüsseler Wohnung, wie sie mit der Tochter plaudert, apathisch wird, wegdämmert, am Schluss sieht man das leere Appartement. Seit der Film fertiggestellt sei, stehe sie unter «Schock», sagte Akerman. Die Mutter war der Glutkern ihres Kinos, als Bild von Liebe und Herrschaft, als Figur des Häuslichen, als Bezugspunkt zu den jüdischen Wurzeln und der europäischen Katastrophe.

Studie der weiblichen Psyche

Chantal Akerman wurde 1950 in Brüssel als Tochter polnischer Juden geboren, ihre Grossmutter starb im Lager, ihre Mutter überlebte Auschwitz, weil sie während eines Todesmarsches fliehen konnte. «Meine Mutter ist die Verbindung zur Geschichte, weil die Lager so eine grosse Rolle spielen in der abendländischen Welt. Aber sie hat immer gesagt: ‹Wenn ich beginne, darüber zu sprechen, werde ich verrückt.› Ich sagte: ‹Du bist ja schon verrückt.›» Akermans Filme sollten oft vom Eingesperrtsein handeln, von Politik, die sich im Verhalten zeigt. In Brüssel schrieb sie sich an der Filmschule ein, 1972 drehte sie ihr Debüt «Hôtel Monterey», 1975 folgte der Film mit dem langen Titel und den langen Einstellungen: «Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles».

Er handelte dreieinhalb Stunden lang von der repetitiven Hausarbeit einer Frau in Brüssel, dem Bügeln und Kochen. Aber da waren noch die Freier, die sie am späten Nachmittag empfing, es gab kleine Verschiebungen und Wahrnehmungsbeben in ihren Alltagsritualen und am Schluss einen brutalen Mord. Die strenge Kadrierung, die die bürgerliche Hausfrau wie in einem Gitter zeigte, liess «Jeanne Dielman» zu einem ikonischen Werk des feministischen ­Kinos werden, das die Banalitäten in Spannung setzte und die erstickte weibliche Psyche in den Blick nahm.

In den 70er-Jahren erlebte Akerman den kulturellen Aufbruch in New York, wo sie zwei, drei Jahre lebte, von der amerikanischen Avantgarde beeinflusst wurde und einen ihrer schönsten Filme drehte: «News from Home» (1976), einen Essay über die Strassen New Yorks, aus dem Off las sie Briefe ihrer Mutter vor. «Ich bin ein Baby der Siebziger», erzählte Akerman, «ich trage die Zeit noch immer mit mir herum, als ­alles so offen wurde, viel offener als heute.»

Auch die Kategorien, in die man ihre Werke steckte, waren wie Zäune für einen unabhängigen Geist: «In den USA gibt es Hollywood, daneben den Rest. Aber dieser Rest ist offener, in Europa nennt man es sogleich ‹film d’auteur›, es ist stärker definiert, und mein Kino nennen sie ‹artist film›, vielleicht bin ich in dieser Kategorie.» Das Unbehagen in Räumen, von dem ihr experimentelles Kino erzählte, erlebte auch die Regisseurin von über 40 Filmen, die man zwischen Kunst, Kino und dokumentarischem Essay einzuhegen versuchte.

«Du nimmst den Film, gut»

An der Biennale in Venedig zeigte sie zuletzt die Installation «Now» auf mehreren Leinwänden. In der Kunst fand Akerman ein «freieres Medium», die Verräumlichung der Bilder erlaubt es dem Zuschauer, eine eigene Position zu finden – etwas, das sie vom Kino ebenfalls forderte: «Wenn ich einen Film zeige, gehört er mir nicht mehr, er gehört denen, die ihn erfahren. Ich gebe ihn dir, du nimmst ihn, gut. Dann kannst du daraus machen, was du willst, mit deinem Körper, deinen fünf Sinnen. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.» Angenommen wurde ihr Werk nicht immer, ihre Versuche im Komödienfach und ihre Spielfilme wie die Conrad-Adaption «La folie Almayer» (2011) wirkten eher artifiziell. «Ein Film ist ein Film, die Wahrheit liegt woanders. Aber es sollte einen Ort dazwischen geben, den man suchen muss, auch wenn man ihn nicht erreicht.»

Gemäss «Le Monde» hat sich Chantal Akerman am Montagabend in Paris umgebracht. Sie war 65, «No Home Movie» bleibt ihr letzter Film. Hatte sich mit dem Tod ihrer Mutter ein Kreis geschlossen? «Wahrscheinlich», sagte Akerman in Locarno. «Fragen Sie mich das nicht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2015, 09:51 Uhr

Artikel zum Thema

Filmregisseurin Chantal Akerman ist gestorben

Die belgische Filmregisseurin und Tochter von Holocaust-Überlebenden ist am Montag mit 65 Jahren in Paris gestorben. Mehr...

Die vielen kleinen Katastrophen

Am Filmfestival in Locarno ragt Chantal Akermans Porträt «No Home Movie» heraus. Und «Heimatland» erzählte finstere Geschichten aus dem Krisenherd Schweiz. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home So geht Eleganz

Michèle & Wäis Sex oder gar nichts

Die Welt in Bildern

Wagemutig: Der 95-jährige Kriegsveteran Thomas Norwood landet nach einem Tandemsprung in Suffolk, Virginia, USA (15. Oktober 2017).
(Bild: Vicki Cronis-Nohe) Mehr...