Die Trollwut

Im «Ghostbusters»-Remake werden die Geisterjäger von Frauen gespielt – die Komödie ist auch ein Angriff auf die männliche Nerdkultur. Die Angesprochenen verstehen jedoch keinen Spass.

Volles Rohr gegen alte Rollenklischees: Melissa McCarthy, Kate McKinnon, Kristen Wiig und Leslie Jones als Ghostbusters, Ausgabe 2016. Foto: PD

Volles Rohr gegen alte Rollenklischees: Melissa McCarthy, Kate McKinnon, Kristen Wiig und Leslie Jones als Ghostbusters, Ausgabe 2016. Foto: PD

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Löse folgende Knobelei: Ein Ehepaar streitet darüber, ob es sich den neuen «Ghostbusters»-Film anschauen soll. Die Frau will, der Mann nicht. Aus Frust steigt er ins Auto, betrinkt sich unterwegs und fährt vier Passanten an. Frage: Wer trägt Schuld am Unfall? (Mehrere Antworten sind richtig.)
a) der Mann
b) die Frau
c) «Ghostbusters»

Wer im Fach «Angry White Men» aufgepasst hat, weiss natürlich: Korrekt sind b) und c). Wieso? Hollywood hat ein «Ghostbusters»-Remake gedreht, in dem Frauen anstatt Männer die Geister jagen, weshalb der Mann den Film nicht sehen will. Und wer könnte ihm seinen Ärger verdenken? Hätte er bekommen, was ein Fan will, also dasselbe, was er schon kennt, wäre das Paar ins Kino gegangen – und keiner wäre verletzt worden.

Klingt wahnwitzig? Es ist die Logik jenes Wutkommentators, der das Gedankenspiel im Web gepostet hat. Er gehört zu einer lauten Truppe von Trollen, die den «Ghostbusters»-Trailer bei Youtube mit Dislikes und Kommentaren wie «feminist shitshow» zuspammen, bei der Internet Movie Database in konzertierter Aktion die Sternchenwertung in die Tiefe ziehen, die schwarze «Ghostbusters»-Darstellerin Leslie Jones mit rassistischen Tweets bombardieren und mit der Feststelltaste im Anschlag herumbrüllen, dass alle positiven Filmkritiken vom Studio gekauft seien. Es sind wohl vor allem weisse Männer, die das unliebsame Remake aus dem Netz und damit aus ihrer Welt vertreiben wollen.

Ghostbusters 2: Der Trailer zum Remake. Quelle: Sony Pictures/Youtube

Man findet da die reaktionäre Denkweise innerhalb einer Generation von Nerds, die in den 80er-Jahren mit Pop-Phänomenen wie «Ghostbusters» oder «Back to the Future» aufgewachsen sind. Heute haben sie die kulturelle Herrschaft erreicht: Ständig werden die Marvel-Comics verfilmt, die sie im Kinderzimmer verschlungen haben, ihr Wissen über Abseitiges zählt etwas in der modernen Nischenkultur, Hollywood sieht in ihnen eine Hauptzielgruppe, und einige der damaligen Geeks haben sich gar zu CEOs von Weltkonzernen hochprogrammiert.

Das nicht sehr lustige Original

Wären da nur nicht die politische Korrektheit, die «Feminazis», die Patrouillen der Diversity-Polizei, die angeblich aus jedem Spass eine Agenda machen und überhaupt die Deutungsmacht der Nerd-Generation zerstören wollen. Gegen dieses politische Gespenst setzen sich die Trolle zur Wehr: Ihre Wut ist das Gekreisch von Privilegierten, maskiert als Angstschrei von Opfern. Und von «Ghostbusters»-Hasspostings in der Qualität von «I hate those weird les­bians?» ist es kein grosser Schritt zu den Trump-Anhängern und ihrem Eifer, das zu rufen, was man wohl noch rufen dürfe – etwa ihren gegen Hillary Clinton gerichteten Slogan «Lock her up». Donald Trump hat auch schon gefragt: «And now they’re making ‹Ghostbusters› with only women. What’s going on?»

Was ist los? Das Objekt der nostalgischen Liebe, «Ghostbusters» von Ivan Reitman aus dem Jahr 1984, ist eine nicht sehr lustige Science-Fiction-Komödie: Vier als Schwindler verrufene Parapsychologen gründen in New York ein Büro zum Studium des Übersinnlichen und versuchen mit auf dem Rücken geschnürten Protonengewehren einer apokalyptischen Geisterplage Herr zu werden. Die New-Age-Spezialeffekte wirken heute prähistorisch, und zwischen schaurig liebenswürdigen Männerwitzchen und Do-it-yourself-Bubenspass schüttelt nur Bill Murray eine eigenwillige Lockerheit aus seiner Geisterjägerrolle. Der Rest ist Verklärung und Erinnerung an die Kindheit, als man mit selbst gebastelten Kanonen Jagd machte auf imaginäre Gespenster: Michel Gondry hat dieser Bricolage in Suburbia mit der Komödie «Be Kind Rewind» ein Denkmal gesetzt.

Für viele Fans war «Ghostbusters» der Moment, als sie sich die Popkultur zu eigen machten, weshalb sie als Erwachsene noch davon zehren. In «Ghostbusters» findet sich aber auch das Identitätsmuster all jener, die heute die Digitalkultur bestimmen: Der Film zeigt die Forscher der Paraphänomene als verkannte Eigenbrötler, als Spinner jenseits alles Sinnvollen – so wie sich damals viele Aussenseiter an den Highschools vorkamen, als sie «Dungeons & Dragons» spielten, dubioses Fantasy-Wissen anhäuften oder an Schalttafeln herumlöteten im Technik-Freifach. Und in dem Masse, wie im Film die Geisterjäger ihr Start-up gründen und nach gewonnener Schlacht zu Stars aufsteigen, so werden Mathematiker und Coder nun überall gebraucht als Programmierer der Zukunft.

Ausgerechnet Paul Feig, der mit seiner TV-Serie «Freaks & Geeks» eine liebevolle Huldigung an genau diese verschupften Highschool-Typen geschaffen hat und die Serie in den Jahren spielen liess, als «Ghostbusters» ins Kino kam – ausgerechnet er sieht sich als Regisseur des Remakes nun dem Trollzorn ausgesetzt. Dabei hat er schon in den Komödien «Brides­maids» und «The Heat» gezeigt, dass er Schauspielerinnen wie Kristen Wiig und Melissa McCarthy eine Bühne für spleenige Komikexzesse geben kann. Die beiden spielen auch in der Neuverfilmung mit; Wiig als verkrampfte Forscherin, McCarthy als Leaderin von alberner Toughness, zusammen ergibts eine Art No-Nonsense-Nonsense. An ihrer Seite sind Kate McKinnon und Leslie Jones, Chris Hemsworth spielt den strohdummen, aber hübschen Réceptionisten.

Hommage und Attacke

Speziell in der 3-D-Version – der Geisterschleim zischt über den Bildrahmen hin­aus – wirkt das wie ein heillos überproduziertes Monster-Movie. Dafür sind die vier Darstellerinnen alles andere als ein visuelles Gimmick: Sie haben alle genug Manövrierraum für ihren eigenen Witzmodus, und die Solidarität einer begeisterungsfähigen Clique lebt von Quasi-Improvisation und einer Expressivität, wie man sie aus der Sketchshow «Saturday Night Live» kennt. Diese Forscherinnen sind ganz einfach engagierte Frauen, die ihren Job gut machen, und wenn sie vom Bürgermeister als Hochstaplerinnen denunziert werden, wirkt das viel schärfer als im Original, weil das Misstrauen und der Sexismus mitklingen, dem Frauen im Berufsleben noch immer begegnen.

Oder im Netz, denn das Remake ist Hommage und Attacke. Die einzige nennenswerte weibliche Figur im Original, gespielt von Sigourney Weaver, wird von Bill Murrays Forscher umgarnt, bevor ein Geist von ihr Besitz ergreift und sie sexuell fordernd wird. Der Mann kriegt es dann mit der Angst zu tun, denn solch dominante Frauen mag er nicht. Und erst recht nicht mag sie der Troll und überhaupt jeder, der über die Deutungen herrscht: Er ist selbst schon wie besessen, weshalb niemand anders Besitz ergreifen soll von den Dingen. Versucht es doch jemand, versteht er die Welt nicht mehr. Und beginnt ein Gespenst zu bekämpfen, das aus seiner Angst geboren ist. Denn was ihm so lieb ist, das ist einzig und allein seine Macht.

Ab Donnerstag im Kino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2016, 16:23 Uhr

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