Ein verhängnisvolles Jahr

Ungewöhnliche Kälte trieb Europa und die Schweiz 1916 in eine Hungerkrise. Dies habe dem Ersten Weltkrieg eine neue Wendung gegeben, sagen Klimahistoriker.

Kartoffeln waren eines der günstigsten Lebensmittel gegen den Hunger: Ernte in Bühl ZH. Foto: Philipp Beckel (Schweizerisches Nationalmuseum)

Kartoffeln waren eines der günstigsten Lebensmittel gegen den Hunger: Ernte in Bühl ZH. Foto: Philipp Beckel (Schweizerisches Nationalmuseum)

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Wer denkt schon ans Wetter, wenn er in den Krieg zieht. Auch Historiker werfen in ihren politischen Nachbetrachtungen selten einen Blick in die Klima­geschichte. Das überrascht den Berner Umwelthistoriker Christian Pfister: «Die Versorgung der Menschen wird oft unterschätzt.» Der emeritierte Professor und Kollegen der Universität Bern haben nun nachgeholt, was vergessen ging. In einem eben erschienenen Buch erzählen sie akribisch, wie Kälte und Nässe dem Verlauf des Ersten Weltkrieges eine neue Wendung gaben.

Zwei Jahre nach Ausbruch des Krieges kühlte es im Juni und Juli 1916 ungewöhnlich ab, und es regnete extrem häufig. Seit Beginn der Temperaturmessungen in der Schweiz 1864 war es nur einmal in Zürich kälter. Im Sommer wurden 56 Regentage gezählt, und Anfang Juni sank die Schneefallgrenze in der Schweiz bis auf 500 Meter über Meer.

Klimastörung mit Folgen

März und April 1917 waren die kältesten Monate seit 1764. «Es war eine Klimastörung mit globalem Ausmass», sagt Christian Pfister. Auch in Nordamerika wurde es kälter, in Argentinien hingegen sank nach einer Dürre der Ernteertrag stark.

Grafik: Teuerung der Lebensmittel während des 1. Weltkrieges Zum Vergrössern klicken

Solche Klimaschwankungen gab es während der «kleinen Eiszeit» zwischen 1550 und 1850 viele. 1816 führte ein Kältesturz zu einer grossen Hungersnot in Europa. Der indonesische Vulkan Tambora hatte gewaltige Mengen Asche­partikel in grosse Höhen geschleudert, was das globale Klima für zwei Jahre veränderte. «1916 gab es jedoch keinen Vulkanausbruch», sagt der Berner Klimahistoriker. Die Kälte kam in einer milden Phase. Die Wissenschaft kennt die Ursachen des Kälteeinbruchs bis heute noch nicht genau. Für Europa hatte das kalt-nasse Wetter auf jeden Fall verheerende Folgen. «Es ist die schlimmste Paarung, die es gibt: ein furchtbarer Krieg und ein ungünstiges Klima», sagt Pfister.

Die Lage falsch eingeschätzt

Die politische Entwicklung war laut den Autoren bereits vor dem Krieg falsch eingeschätzt worden. Die Staaten in Europa gingen grundsätzlich von einem kurzen Konflikt aus. Doch es kam ganz anders. Das weltweite Handelsgeflecht für Lebensmittel, das im 19. Jahrhundert immer grösser wurde, war nicht nur vorteilhaft. Nun zeigte sich, wie anfällig die damalige Globalisierung war.

Deutschland zum Beispiel erfuhr das bereits bei Kriegsbeginn, weil unter anderem der wichtige Getreideexporteur Russland zum Feind geworden war. Frankreich und Grossbritannien, ebenfalls Gegner des Deutschen Reiches, konnten erst noch auf die USA, Kanada und Argentinien zählen. Doch ab 1916 brachte die Kälte auch dort Ernteausfälle.

Die Konsequenz: In Europa litten Millionen Menschen an Hunger und Entbehrungen, und entsprechend wuchsen die Spannungen in der Bevölkerung. Die USA verkündeten 1917, der Krieg trete in eine neue Phase: Die Nahrungsmittelversorgung dominiere nun Kriegs- und Staatsführung. Und das gelte auch für neutrale Staaten.

Horrende Lebensmittelpreise

Auch hierzulande litt man unter den nach 1916 rasch sinkenden Nahrungs- und Futtermittelimporten. «Die Schweiz betrieb eine freihändlerische Landwirtschaft, sie führte Käse, Fleisch und Kondensmilch aus, dafür wurde Getreide importiert», sagt Christian Pfister. An dieser wirtschaftlichen Tradition habe der Bundesrat sehr lange festgehalten.

So hatten die tiefen Preise des Importgetreides unter anderem dazu geführt, dass die Bauern im Mittelland anstelle des Ackerbaus verstärkt auf Milchwirtschaft setzten. Der Bestand an Milchkühen stieg von 300'000 Tieren 1850 auf 800'000 im Jahr 1914. Dafür wurde der Ackerfutterbau zwar ausgebaut. Doch ein Grossteil des Kraftfutters, aber auch des Futter- und Brot­getreides importierte die Schweiz. Mit Beginn des Krieges wurde die Einfuhr aus Frankreich, Deutschland und Russland jedoch immer schwieriger.

Ein Ei kostete sieben Franken

Und dann kam die klimatische Veränderung in den Jahren 1916 und 1917. Die Heuernte war während der nassen Sommerwitterung miserabel. Es fehlte an Futtermitteln. Die Bauern verkauften viel Vieh ins Ausland, wo die Nachfrage gross war. Zudem verhängte der Bundesrat ein Verfütterungsverbot von Getreide, damit mehr Brot produziert werden konnte. Die tägliche Milchleistung in der Schweiz sank um zwei Drittel. Die Missernten und die Importbeschränkungen brachten der Schweiz von 1916 bis 1918 mehrere Versorgungskrisen. Kartoffeln, Milch und Getreide wurden knapp. Die Preise für Lebensmittel stiegen ins Unermessliche: Fleisch und Eier waren nun für die arme und mittelständische städtische Bevölkerung ein Luxus.

«Es ist die schlimmste Paarung, die es gibt:ein furchtbarer Krieg und ein ungünstiges Klima.»Christian Pfister, Klimaforscher

Die Menschen füllten ihre Mägen mit Kartoffeln und Milch. Das war der billigste Weg gegen den Hunger. Ein Kilogramm Schweinefleisch kostete auf heutige Verhältnisse umgerechnet 154 Franken, ein Ei 7 Franken. Ein Kilogramm Kartoffeln hingegen boten die Händler für 5.20 Franken feil, einen Liter Milch für 6.30 Franken. Der Bundesrat reagierte erst unter Druck mit Lebensmittelrationierungen. Um Unruhen zu verhindern, verbilligte er die Grundnahrungsmittel für die ärmere Bevölkerung mit öffentlichen Geldern. «Der Bund warf dafür auf heutige Verhältnisse umgerechnet 7 Milliarden auf», heisst es im Buch.

Folgen von Klimaschwankungen vernachlässigt

«Die Bedeutung von Klimaschwan­kungen für Lebensmittelteuerungen ist in den drei letzten Jahrzehnten in der Geschichtsschreibung vernachlässigt worden», sagt Pfister. Es gab nur ein paar wenige Historiker in der Nachkriegszeit, welche die Nahrungsmittelversorgung im Ersten Weltkrieg in diesem Licht sahen.

Pfister selbst kam unabhängig davon bereits vor 30 Jahren zum gleichen Schluss. Er verglich in einem Modell die Entwicklung von monatlichen Temperatur- und Niederschlagsdaten von 1550 bis 1980 mit der Entwicklung von Getreidepreisen. Sein Fazit: «Hohe Preise stehen häufig mit anhaltenden Regenperioden im Hochsommer und extremen Kälteperioden im folgenden Jahr in Beziehung», sagt Pfister. Dieses Muster zeigt sich denn auch deutlich während des Ersten Weltkrieges.

Verlorenes Wissen

Hinzu kommt, dass die Behörden vergessen hatten, auf solche Entwicklungen richtig zu reagieren. «Man hatte sich in der Schweiz daran gewöhnt, dass man einfach importieren konnte, wenn es im Inland bei der Versorgung schlecht ging», sagt der Umwelthistoriker. Man lerne aus der Geschichte nur, wenn ein aktives Wissen der letzten zwei Generationen noch da sei. Während des Zweiten Weltkrieges seien viele Bundesstellen mit den gleichen Leuten besetzt gewesen wie im Ersten Weltkrieg. «Das war ein Vorteil. Die Rationierungspolitik wurde früher in Betracht gezogen.» Allerdings spielte diesmal das Wetter mit.

«Die lange Zeit geltende Ansicht, wonach klimatische Faktoren nur kleinräumig wirken, ist heute überholt», schreiben die Autoren. Der Berner Historiker Daniel Segesser weist nach, dass der im Frühjahr 1917 von den Deutschen entfachte «uneingeschränkte U-Boot-Krieg» unter anderem aufgrund der Missernten im Jahr 1916 vom Zaun gebrochen wurde. Grossbritannien, so der Plan, sollte von den Zufuhren aus Übersee abgeschnitten werden.

Der Erste Weltkrieg endete am 11. November 1918 mit der Kapitulation des Deutschen Reiches. Neun Millionen Menschen verloren ihr Leben direkt im Krieg. Ungezählte starben unterernährt an Epidemien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2016, 20:24 Uhr

Daniel Krämer, Christian Pfister, Daniel Segesser (Herausgeber): «Woche für Woche neue Preisaufschläge», Schwabe-Verlag, 2016, 88 Franken.

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