Eine eigene Gewalt

Der Zürcher Joel Basman spielt in «Wir sind jung. Wir sind stark» einen von Hunderten Jugendlichen, die 1992 in Rostock ein Asylbewerberheim angezündet haben. Eine Begegnung mit einem Darsteller der Unruhe.

«Bei mir ist das auch nicht allzu lange her. Dieses Gefühl, dass einem die Welt gehört», sagt Joel Basman. Foto: Sabina Bobst

«Bei mir ist das auch nicht allzu lange her. Dieses Gefühl, dass einem die Welt gehört», sagt Joel Basman. Foto: Sabina Bobst

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Was ist denn das für eine Fasnacht? Vor dem Grill sitzt der Bürger mit seinem Bier, ein paar Schritte weiter halten die Linken das Schild «Wir sind alle ein Volk» hoch, daneben stehen die Nazis und machen den Hitlergruss, und dahinter auf einem Häuschendach warten die TV-Moderatoren auf den grossen Knall. Ein Karneval der Gewalt ist das also: Vor dem Asylbewerberheim Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen formiert sich der Mob.

Und in der Szene aus «Wir sind jung. Wir sind stark» gehen wir durch ein eigentliches Diorama der Ideologien: Das Drama führt zurück in die Brandnacht im Nachwendejahr 1992, als ein Asylbewerberhaus in Flammen aufging. Die Parallelen zu heute muss man nicht lange suchen. Der Film zeigt eine abgehängte Ostjugend, die ein Ziel sucht für ihre Wut: drauflosgehen, wo sonst nichts geht.

Trailer zu «Wir sind jung. Wir sind stark». Video: Zorro Film

Es war ein Ausbruch massiver rassistischer Gewalt. Tausende Zaungäste jubelten Hunderten von Jugendlichen zu, die das Heim in Brand steckten. Einer von ­ihnen könnte Robbie gewesen sein, die zappelige Nervensäge, die die Polizistenkette entlangtänzelt und vor den Kameras die Rampensau rauslässt. Ein Faxen- und Krawallmacher unter Überdruck – also ein Job für Joel Basman.

Der 26-jährige Zürcher Schauspieler bekam für die Nebenrolle 2015 den deutschen Filmpreis. Es ist heute nur leicht übertrieben, ihn als Star zu bezeichnen. Die Interviewanfrage geht über die deutsche Agentur, aber dann sitzt er bei Kaffee und Zigarette vor dem Kleideratelier seiner Eltern im Kreis 4. So weit war das ja gar nicht. Nun holt er schon wieder eine neue Tasse, rutscht herum und sagt, er sei «schwer enttäuscht», dass «Wir sind jung. Wir sind stark» nicht in den Schweizer Kinos angelaufen sei (immerhin läuft der Film jetzt im Fernsehen). Die Verleiher dachten wohl, Rostock sei zu weit weg. Aber Rostock ist überall.

Die Neonazis als Clowns

Man kann im Drama des afghanischstämmigen Deutschen Burhan Qurbani zusehen, wie aus gelangweilten Jugendlichen und ungebrauchten Erwachsenen eine Zellkultur der Aggression entsteht. Wie sich der Übermut zum Übergriff entwickelt und das Anfeuern zum echten Feuer. Nach der Wende lag die ehemalige DDR-Stadt Rostock wirtschaftlich am Boden: Die Freiheit im wiedervereinigten Deutschland wich der Ernüchterung, dass die alten Ideale nichts mehr gelten und man für die neuen nicht benötigt wird. Die Wut richtete sich auf ein Aufnahmehaus für Asylbewerber und ein Wohnheim mit Vietnamesen.

«In Rostock sahen die Menschen im Fernsehen, wie nach der Wende Familien zueinanderfanden», sagt Basman. «Und sie sassen oben im Norden und merkten: All das kommt bei uns nicht an. Und jetzt sollen wir auch noch auf Ausländer aufpassen!»

Er will die Explosion, nicht den Bauplan der Bombe.

Basmans Robbie schlängelt sich zwischen den Gruppen hindurch, nervt die Nazis wie auch den Politikervater seines Kollegen aus der Clique. «Robbie findet das Ganze aufregend, er braucht ein Ziel für seine Aggressionen, irgendwas.» Eine Figur der ungerichteten Wut, die sich in alle möglichen Richtungen polen lässt. Also das Gefährlichste überhaupt: ein junger Mann. «Ich kenne die Energie, die Jungs haben. Bei mir ist das auch nicht allzu lange her. Dieses Gefühl, dass einem die Welt gehört.»

Für die Szene, in der Robbie mit seiner Clique das Heim stürmt, wurden Tausende Statisten angestellt, die Cops waren Polizisten in Ausbildung. Und wenn man dann auf dem Balkon steht, während unten die Leute schreien, «da kriegst du Gänsehaut, du kannst machen, was du willst». Danach seien die Schauspieler im Hotel gesessen und hätten eine Weile lang nichts gesagt.

Weitere Impressionen. Video: Arte Journal

Als Robbie, dieser freie Agent des Zorns, macht Basman hastige Gesten, verspannt das Gesicht in ständiger Erwartung eines Ausbruchs, läuft aus dem Bild, hüpft zurück. Er sei «von morgens bis abends auf einem so hohen Nervositätslevel» gewesen, dass es für die anderen nicht mehr einfach gewesen sei.

Er hat diese Hibbeligkeit auch im Gespräch, schon kürzlich strahlte er sie aus in «Als wir träumten» nach dem Roman von Clemens Meyer. Auch das war ein Filmdrama über eine kaputte Wendejugend in den Trümmern der DDR und das Porträt eines erstarkenden Rechtsradikalismus. Mittlerweile beherrsche er die DDR-Hymne, sagt Basman, die Schweizer könne er nicht. Für «Wir sind jung. Wir sind stark» hat er sich TV-Aufnahmen von Rostock angesehen, da «spürt man die Stimmung».

Sein Spiel hat nun eine eigene Gewalt, sein Robbie ist selbst für die Ideologien des Hasses zu unruhig: Er will die Explosion, nicht den Bauplan der Bombe. Für Robbie seien die Neonazis auch nur «Clowns». Und wenn er den Satz «Arbeit macht frei» auspacke, meine er damit: Menschen müssen arbeiten, um sich nützlich zu fühlen. «Er begreift nicht, dass dieser Satz über dem Tor von Auschwitz stand. Wenn jemand so redet, zieht es mir alles zusammen, bei mir sowieso mit meinen jüdischen Vorfahren.»

Die Zeit der Monster

Wie kommt eigentlich Joel Basman, bekannt geworden etwa mit «Lüthi & Blanc», zu diesen harten Rollen? Regisseur Qurbani habe ihm einen Brief geschrieben, nachdem er ihn im Film «Picco» über Folter im Jugendgefängnis gesehen habe. «Ich habe sein Drehbuch verschlungen und ihm gesagt: ‹Alter, ich habe bisher Opfer oder Behinderte gespielt. Aber noch nie so einen aggressiven Typen.›» Als Robbie ist Basman eine vom Moment gelenkte Kraft, der blubbernde Unterleib des Wutbürgers: «Der Demonstrant in Rostock war der Deutsche von nebenan.» Heute sähen die Rechten sowieso aus wie du und ich, ­«fucking creepy» sei das. Die AfD sei ja voller normaler Menschen. «Wobei, normal? Leute in meinem Alter erzählen da Zeug, dazu fände man Originalmaterial aus den 40ern – einfach ohne ‹Judensau›.»

Das Bedrohliche an «Wir sind jung. Wir sind stark» ist diese neue Normalität des Ressentiments. Es ist das Bild eines Kontinuums der Parolen, in dem der Ausruf «Keine Gewalt, wir sind das Volk!» umgekehrt wird zu «Ausländer raus, wir sind das Volk!». Das politische Spektrum kippt in die Senkrechte, es zeigt nicht mehr die Richtung, sondern nur noch den steigenden Druck an. Man braucht für diese neue Zeit, in der die Ideen den Stimmungen weichen und die Systeme nur noch ein paar Slogans hinterlassen haben, einen Darsteller der Unberechenbarkeit. Jemand, der das spielen kann, diesen inneren Kochpunkt als Zeichen für einen kollektiven Erhitzungszustand.

Wenn alles zusammenfalle, breche die Zeit der Monster an, habe der Regisseur dem Team gesagt, erzählt Joel Basman. Nur dass diese Monster nun aus­sehen wie wir alle. Fucking creepy.

Freitag, 20.15 Uhr auf Arte. DVD bei Goodmovies, ca. 25 Fr. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2016, 18:47 Uhr

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