Die Vespa

Eine Liebe, die rostet

Unser Autor bringt es nicht übers Herz, seine alte Vespa wegzugeben – auch wenn sie seit Jahren stillsteht.

Foto: Sabina Bobst

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Meine Vespa ist 30 Jahre alt, weinrot und steht vor der Haustür. Seit Jahren bewegt sie sich nicht mehr, eines Tages habe ich sie einfach stehen gelassen. Um sie wieder fahrbar zu machen, müsste ich viel Geld investieren. Das tue ich nicht, aber ich liebe sie heiss. Schliesslich haben wir viel zusammen erlebt. Einmal, in Frankreich, habe ich sie aus den Händen von Dieben befreit, die sie vom Parkplatz vor dem Hotel forttragen wollten. Zu dritt waren sie, ich sah es beim Schlafengehen zufälligerweise durchs Fenster. Mit Gebrüll rannte ich ihnen nach, in einen dunklen Park, bis sie den Töff fallen liessen. Danach kam ich mir wie ein Held vor und bekam erst zitternde Knie, als ich überlegte, dass die ja eigentlich viel stärker gewesen wären als ich, und vielleicht auch noch eine Waffe ... item, so eine Erfahrung bindet.

Jedes Jahr einmal fragt mich die Nachbarin vom oberen Stock, ob ich die Vespa nicht weggeben könne, sie beanspruche zu viel Platz im Veloständer. Sie hat recht, aber es ist schwierig. Ich will einen guten Platz für sie (ja, ja, wie bei Hundewelpen). Klingelt es also, wie auch schon geschehen, an der Haustür, und jemand sagt, er sei Sammler und könne die Vespa gleich mitnehmen, um Ersatzteile daraus zu verwenden, wimmle ich ihn ab. Ersatzteile, pfff.

Da steht sie also. Und hat nur noch einen einzigen Freund neben mir. Das ist die Katze von nebenan, die gerne auf dem Sattel liegt. Dazu bewegt sie wohlig die Krallen, das Kunstleder ist schon ganz zerkratzt und müsste auch ersetzt werden.

Vor ein paar Monaten zeigte ein Verwandter bei einem Familienfest wirkliches Interesse. Er werde die Vespa abholen, flicken und selber damit fahren. Das wäre ideal für mich, dachte ich, wenn ich wollte, könnte ich ihn besuchen und ab und zu wieder eine Runde drehen. Etwas später kam er sogar bei uns vorbei, um sie anzuschauen, und zeigte sich begeistert. Aber seltsam, seither habe ich nichts mehr von ihm gehört.

Mir soll es recht sein. Ich frage nicht nach, sondern bin froh, dass die Vespa noch dasteht. Und ich ihr mit Liebe beim Rosten zusehen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2016, 08:15 Uhr

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