Eine rollende Übertreibung

Der M760Li xDrive ist nicht bloss das neue Topmodell der BMW-7er-Reihe – die Vorzeigelimousine hängt ihre Konkurrenz bezüglich Leistung, Tempo und Komfort ab.

Alles auf einmal: Der M760Li vereint den Komfort einer Luxuslimousine mit den Fahrleistungen eines Supersportwagens. Fotos: PD

Alles auf einmal: Der M760Li vereint den Komfort einer Luxuslimousine mit den Fahrleistungen eines Supersportwagens. Fotos: PD

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Keine Ahnung, was sie sich bei BMW dabei dachten. Vermutlich nicht das, wonach es aussieht. Aber ihr neues Spitzenmodell ausgerechnet jetzt in den Vereinigten Staaten zu präsentieren, mutet ein wenig nach Trotz an. Unlängst warf Donald Trump dem deutschen Hersteller vor, der amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Obwohl der in Spartanburg im Bundesstaat South Carolina sein konzerngrösstes Werk unterhält, insgesamt fast 70'000 US-Mitarbeiter beschäftigt und mehr Fahrzeuge ins Ausland exportiert als jeder heimische Hersteller. Anders als die meisten SUVs der Marke läuft das Flaggschiff 7er, das seit 40 Jahren gebaut wird, allerdings nicht in South Carolina, sondern in Niederbayern vom Band. Mit seinen vergrösserten Lufteinlässen und einer galvanisierten Frontschürzenspange schaut der M760Li xDrive auch definitiv fremdländisch aus.

Das Cockpit bietet Gestiksteuerung und volle Konnektivität.

Ob aus Trotz oder nicht: Da steht er nun, der matt lackierte Vorzeige-BMW. Inmitten der Wüste, sinnbildlich für den Mangel an direkter Konkurrenz, und wirkt genau so, wie das Land laut dem Präsidenten wieder werden soll: «great». Der Radstand: «Extra long!» (3,21 Meter). Der Motor: ganz nach dem «Bigger is better»-Prinzip mit 12 Zylindern und 6,6 Liter Hubraum. Die Leistung: «More than enough!» (610 PS). Mit dem optionalen M Driver’s Package beträgt die Höchstgeschwindigkeit 305 statt 250 km/h, und was den Sprint auf 100 km/h angeht: «It’s ridiculous!» (3,7 Sekunden – kein anderer Serien-BMW einschliesslich des radikalen M4 GTS ist schneller). Der Hang zur Übertreibung? Nicht bloss eine amerikanische Tugend, so bollert es beim Druck auf den Startknopf aus der Sportabgasanlage. Selbst als es auf die Rennstrecke geht, wo eine Luxuslimousine eigentlich nichts zu suchen hat, scheint das Auto zu jubeln: «Yes, I can.»

Er wirkt leichter, als er ist

Die Beschleunigung fühlt sich zunächst weniger «wow» an als vermutet. Was aber beeindruckt, und dies mit mindestens fünf Ausrufezeichen, ist die Mühelosigkeit, mit der sich der 5,24 Meter lange 2,2-Tönner im Sportmodus über die kurvenreiche Strecke dirigieren lässt. Spätestens jetzt wird klar, dass es sich, wenn schon nicht um einen kompromisslosen M7, dann zumindest um ein sogenanntes M-Performance-Modell handelt. Die blitzschnell agierende 8-Gang-Automatik, die hecklastige Auslegung des Allradantriebs, die sanft mitlenkenden Hinterräder sowie die Wankstabilisierung zur Minimierung der Karosseriebewegungen lassen das Auto kleiner und leichter wirken, als es ist.

Die Rücksitze sind mehrfach verstellbar und bieten viel Beinfreiheit im Fond.

Der bevorzugte Platz ist natürlich hinter dem exklusiven Lederlenkrad und dem bis 330 km/h reichenden Tacho. Aber später, auf dem Highway, liesse man sich auch gern chauffieren – die Füsse auf den weichen Hochflormatten, die Aufmerksamkeit auf den Fake-News im Fond-Entertainment-System. Eben noch ­knackig und direkt, sorgt das Executive Drive Pro genannte Fahrwerk­system für die klassenübliche Entrücktheit von der Welt, während der ­Motor nicht mehr schreit, sondern flüstert. Das über alle vier Räder übertragene Maximaldrehmoment von 800 Newtonmetern wird nur nötig, um gelegentlich einen Truck zu überholen. Oder gern auch die Mercedes-S-Klasse, die – mag sie als ­Inbegriff der Luxuslimousine bei den Verkäufen noch so die Nase vorn haben – in Sachen Fahrleistungen und der Kombination von 12 Zylindern mit Allradantrieb nicht mithalten kann. Zu sagen, dass sich der neu konstruierte V12-Twinturbo an die 12,8 Liter Normverbrauch halte, liefe indes unter dem Stichwort «alternative Fakten». Wer sich aber zumindest optisch zurückhalten möchte, kann den M760Li xDrive ohne Aufpreis auch im eleganten «V12 Excellence»-Look ohne aggressives Aerodynamik­paket ordern.

Statt der aggressiven Lufteinlässe lässt sich auch die normale 7er-Front ordern.

«America first.» Was Trump bei seiner Antrittsrede sagte, gilt auch für den M760Li xDrive. Wie bei allen Modellen mit M-wie-Motorsport-Emblem erwartet BMW in den USA den grössten Absatz. Doch wie heisst es in den Satirevideos so schön, die derzeit in Europa kursieren? «Can we be second?» Ein gewisser Hang zur Übertreibung ist schliesslich auch auf Schweizer Strassen zu beobachten. Und keine Ahnung, was sich ein Käufer dieses mindestens 214'900 Franken teuren Fahrzeugs dabei denkt: Es gibt derzeit kaum eindrücklichere Beweise dafür, dass man zurück zu alten Werten kann, ohne den Fortschritt zu behindern. Zumal neben all der Fahrdynamik-Hightech auch sonst alles erhältlich ist, was die ­Optionenliste der sechsten Generation des 7ers hergibt. Laserfernlicht und ­Gestiksteuerung zählen beim M760Li xDrive gar zur Serienausstattung.

Nina Vetterli fuhr den neuen BMW M760Li xDrive vom 30. Januar bis 1. Februar auf Einladung von BMW Schweiz AG in den USA. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2017, 17:16 Uhr

BMW M760Li xDrive

In 3,7 Sekunden von 0 auf 100

Modell: 4-türige Limousine mit 5 Plätzen.
Masse: Länge 5238 mm, Breite 1902 mm,
Höhe 1497 mm, Radstand 3210 mm.
Kofferraum: 515 Liter.
Motor: 6,6-Liter-V12-Twinturbo-Benziner mit 610 PS (448 kW).
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 3,7 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 250/305 km/h.
Verbrauch: 12,8 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe).
CO2-Ausstoss: 294 Gramm pro Kilometer.
Markteinführung: ab sofort.
Preis: ab 214 900 Franken.
Infos: www.bmw.ch

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