Empörung spucken

Shumona Sinha, eine aus Indien stammende Französin, ist die neue «Writer-in-Residence» in Zürich. Sie ist froh, dem von Terrorangst und wachsendem Rassismus gebeutelten Paris eine Weile fern zu sein.

Shumona Sinha sagt, der ideologische Backlash in der französischen Gesellschaft sei zum Verzweifeln. Foto: Tom Kawara

Shumona Sinha sagt, der ideologische Backlash in der französischen Gesellschaft sei zum Verzweifeln. Foto: Tom Kawara

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Shumona Sinha ist begeistert und total entspannt. Begeistert von Zürich, so friedlich und schön und naturnah, und vom Appartement, das ihr im Rahmen des «Writer-in-Residence»-Programms des Literaturhauses für fünf Monate zur Verfügung gestellt wird. Entspannt: weil sie gerade an diesem Morgen das Manuskript ihres vierten Romans an den Verlag geschickt hat. Nun wartet sie in Ruhe auf die Reaktion und die Anmerkungen ihrer Lektorin.

Entspannt ist die neue Gastautorin aber auch, weil sie dem Moloch Paris für eine Weile entronnen ist. Dort lebt die 43-Jährige seit 15 Jahren und findet es nicht mehr sehr angenehm. Von «post Charlie», der veränderten Atmosphäre nach den jüngsten Attentaten, handelt auch ihr fertiger Roman, und davon erzählt sie im kühlen Innenraum eines Cafés am Sechseläutenplatz. Es herrsche ein genereller Alarmzustand, sagt sie. Das Misstrauen hat sich in die Menschen hineingefressen; sie fürchten den Nächsten, besonders, wenn er fremd aussieht. Und Shumona Sinha ist als Fremde erkennbar, auch wenn sie mit knallengem, knallrotem Rock, knappem Jeansjäckchen, High Heels und schicker Sonnenbrille westlich gekleidet ist und besser französisch spricht als viele gebürtige weisse Franzosen, auch wenn sie mittlerweile eine anerkannte, eine preisgekrönte französische Autorin ist.

Der Kampf beginnt von vorn

Aber ihre «lehmfarbene Haut» – wie es über ihre Icherzählerin im Roman «Assommons les pauvres!» («Erschlagt die Armen!») heisst – weist sie auf immer aus als «nicht von hier». Sie reduziert sie, wie sie es formuliert, auf ihre Ethnizität: «Ich trage nun mal kein T-Shirt mit dem Spruch ‹Ich bin eine französische Schriftstellerin›.» Teil des literarischen Milieus und zugleich «markierte» Fremde: Das führt zu ständigem Blickwechsel und tiefen Einblicken in den alltäglichen Rassismus. Der ist komplex: Es gibt den groben Rassismus der «Weissen», die sich etwas darauf einbilden, weiss zu sein. Es gibt aber auch den subtilen Rassismus derer, die aus den ehemaligen Kolonien kommen, aus dem Maghreb oder Afrika, mit Französisch als Muttersprache und der Überzeugung, die «besseren Immi­granten» zu sein.

Es sei zum Verzweifeln, meint Shumona Sinha, es gebe einen ideologischen Backlash in der französischen Gesellschaft. Kämpfe, die längst ausgestanden zu sein schienen, müssten von vorn angefangen werden. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien keine Selbstverständlichkeiten mehr. Auch nicht die Gleichberechtigung der Frau. Bestimmte Stadtviertel könne man «sexy ange­zogen» nicht mehr betreten.

Die zunehmende Aggressivität im Alltag, offene Fremdenfeindlichkeit registriert sie nicht erst «post Charlie». Der «Sündenfall» liegt ein paar Jahre früher. Der damalige Präsident Nicolas Sarkozy habe mit seinen Sprüchen, die Stadt von der «racaille», vom Gesindel, zu säubern, einen Ton angeschlagen, der jetzt ein schlimmes Echo findet. «Ein Präsident macht sich selbst zum Gesindel, wenn er so verantwortungslos redet», sagt sie. Seither glaube jeder, sich alles erlauben zu können. Sie selbst ist dreimal in der Metro angegriffen worden.

Sinhas Honeymoon mit Paris ist also vorbei. Es war ihre Traumstadt, als sie 2001 hierherkam, «rekrutiert» vom französischen Staat als Englischlehrerin. In Kalkutta, ihrer Geburtsstadt, war die kulturelle Prägung englisch; französisch das «Andere», das sie anzog. Erst mit 22 hat sie die Sprache zu lernen begonnen, die sie inzwischen fast perfekt beherrscht. So dominant sei das Französische heute, sagt sie, dass sie am Telefon mit ihrer Mutter nicht mehr auf Bengali streiten könne. Die Pariser Literatenszene hat sie «generös» aufgenommen. Klar, sie war exotisch und interessant, hatte mit «Assommons les pauvres!» einen Überraschungserfolg, die Medien liebten sie, und dass sie acht Jahre mit dem Lyriker Lionel Ray verheiratet war, hat sicher auch geholfen.

Dolmetscherin für Asylsuchende

Dieser Roman ist die Frucht einer zweieinhalbjährigen Tätigkeit als Dolmetscherin für Asylbewerber in einem Pariser Vorort. Sie sass dort zwischen den Stühlen: Hier die Antragsteller, die ihre persönliche Geschichte so zu drehen versuchten, dass sie ins Asylrechtsanforderungsprofil passte, dort die «Entscheider», die durch geschickte Fragetechnik die Ungereimtheiten, Widersprüche und Lügen aufspüren wollten. «Abend für Abend musste ich einfach aufschreiben, was ich gehört hatte; musste meine Empörung regelrecht ausspucken.» Die Empörung ist auch jetzt wieder da: dass es «edlere» Fluchtgründe geben müsse als den verständlichen Wunsch, dem Elend zu entkommen. Dass die Genfer Flüchtlingskonvention ökologische und ökonomische Fluchtursachen nicht anerkennt. Das müsse sich ändern, es müsse eine Debatte darüber geben.

Ihr Roman ist ein Beitrag dazu: Er rechnet mit einem System ab, das Lügen geradezu produziert. Die französische Asylprüfungsbehörde war nicht begeistert und kündigte ihr postwendend. «Assommons les pauvres!» ist zwar von Wut gespeist, aber kein Pamphlet, sondern ein literarisches Meisterstück, geschrieben in einem emphatischen, bilder­reichen Französisch. Auch die deutsche Ausgabe ist ausgezeichnet worden.

Wie wird es in Frankreich weiter­gehen im Zeichen des Terrors? Shumona Sinha hält sich mit Prognosen zurück. Für den Einzelnen, auch für sie selbst, gelte schlicht, «mit der Bedrohung zu ­leben, ohne in Panik zu verfallen». Gewalt­ausbrüche sind ihr nicht unbekannt; schliesslich ist sie in Indien aufgewachsen. Gerade eben, erzählt sie, ist es in Westbengalen, wozu Kalkutta gehört, wieder zu pogromartigen Kommunistenverfolgungen gekommen: Die Provinz ist vierzig Jahre lang von der kommunistischen Partei regiert worden, immer wieder in Wahlen bestätigt – ein einmaliger Fall in der Welt.

Sinha glaubt nicht an den unaufhaltsamen zivilisatorischen Fortschritt, ihr Geschichtsbild ist zyklisch, ihr Menschenbild pessimistisch. «Die Geschichte des Menschen ist eine Geschichte des Blutvergiessens», meint sie. Auf die Rolle der Religion in den aktuellen Konflikten angesprochen, sagt die atheistisch Aufgewachsene: «Religion ist die Geissel der Menschheit.»

Die Ruhe von Zürich

Dann schweift der Blick über die entspannten Flaneure auf dem Sechse­läuten­platz, und Hass und Gewalt sind weit weg. Shumona Sinha freut sich auf ihre Zürcher Monate. Sie will es sogar mit der schwierigen deutschen Sprache aufnehmen. Die ersten Begrüssungs­formeln hat sie schon drauf. Und freut sich sehr, als ich ihr versichere, dass auch in der Deutschschweiz «merci» und «exgüsi» verstanden werden.

Lesungen: 29. 10. bei «Zürich liest», 13. 11. an der Buch Basel.

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen! Aus dem Französischen von Lena Müller. Edition Nautilus, 128 S., ca. 25 Fr.; ihr dritter Roman «Kalkutta» folgt am 31. 8. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2016, 17:39 Uhr

Artikel zum Thema

Terror schreckt Touristen ab – Paris streicht Sommeraktivitäten

Die Angst vor Attentaten hält Touristen von Reisen nach Frankreich ab, besonders an die Côte d'Azur. Aber auch in Paris reagiert man nach dem Anschlag in Nizza. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...