«Es war ein Streit zwischen zwei Seiten der politischen Rechten»

Ken Loach, Regisseur von engagierten Sozialdramen, gilt in Grossbritannien als wichtige Stimme der Linken. Der Brexit habe gezeigt, wie die politische Rechte Ängste schüre.

Regisseur Ken Loach in Soho, London. Foto: David Levene («The Guardian»)

Regisseur Ken Loach in Soho, London. Foto: David Levene («The Guardian»)

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Was war Ihre Reaktion auf den Brexit?
Ich war ziemlich schockiert. Die Diskussion vor der Abstimmung war kompliziert und dominiert von den Rechtsparteien, die ihren öffentlichen Auftritt in der Presse und bei der BBC hatten. Die Argumente der Linken fanden kein Gehör; das war so frustrierend für uns.

Für den Brexit waren Ukip und grosse Teile der Tory-Partei. Was für ein Argument haben sie benutzt?
Ein falsches. Es ging um nationale Identität, um Immigration und darum, die Kontrolle zurückzugewinnen. Das waren alles fabrizierte Argumente. Man sieht das nur schon daran, dass Grossbritannien in der Beziehung zu den USA einen riesigen Teil seiner Kontrolle abgetreten hat. Letztlich war es ein Streit zwischen zwei Seiten der politischen Rechten: die Seite von David Cameron, die davon ausging, dass es mehr Geld rauszuholen gebe und mehr billige Arbeiter aus Europa kommen, wenn das Land in der EU bleibe. Und die Seite der nationalistischen Rechten wie Ukip, die davon ausging, dass man die britischen Arbeitskräfte auch ohne die Fesseln der EU genauso effizient ausbeuten kann.

Sie haben aus «taktischen» Gründen für den Verbleib in der EU gestimmt. Was war da die Taktik?
Es gab zwei Gründe. Bleibt Grossbritannien in der EU, ist es erstens möglich, Allianzen mit anderen linken Gruppierungen auf dem Kontinent zu schmieden: mit Podemos in Spanien oder dem, was von Syriza in Griechenland übrig bleibt. Man hätte versuchen können, eine europäische Linke mit einer anderen Vision aufzubauen. Zweites laufen wir mit dem EU-Austritt Gefahr, in einen Wettlauf nach unten einzutreten: Um ohne die EU Investitionen anzulocken, wird die konservative Regierung dazu verleitet, die Unternehmenssteuern zu senken. Das heisst, dass der Staat weniger Geld hat und bei den Sozialleistungen zu kürzen beginnt. Da zöge die Arbeiterklasse abermals den Kürzeren, und die Reichen profitierten.

Trailer zum Film «I, Daniel Blake.» Quelle: Youtube

Allerdings ist auch die britische Linke sehr EU-skeptisch. Verspüren Sie nach der Abstimmung ein wenig mehr Wärme gegenüber der EU?
Irgendwie schon, aber meine Wärme gilt den Menschen Europas. Und nicht der Struktur. Für mich ist die EU eine neo­liberale Organisation, die öffentliche Dienste privatisieren will und Griechenland mit einem Kredit gedemütigt hat, den es nie zurückzahlen kann. Die Linke hat ein anderes Europa gefordert – eines, das auf Gemeinschaftsbesitz, demokratischer Kontrolle, geplanter Wirtschaft und der Angleichung der Ökonomien im Westen und im Osten beruht, damit die Leute gar nicht erst ihre Heimat verlassen müssen. Dieses Europa wurde in der ganzen Debatte aber nie präsentiert.

Wenn man es beim Brexit mit einer Revolte von Frustrierten zu tun hat: Welche Rolle spielte der Rassismus?
Es gibt in Europa grosse Gebiete, in denen die Leute sich von der Politik entfremdet haben. Sie denken, niemand spreche für sie. Und dann kommt jemand und sagt: «Der Grund, warum ihr keinen Job habt, ist euer ausländischer Nachbar; der Grund, weshalb eure Kinder keine Wohnung finden, ist der, dass die Einwanderer schon darin leben.» Es ist nicht so, dass der Rassismus in der Arbeiterklasse weit verbreitet wäre. Es geht um die Verwendung von rassistischen Ideen durch die politische Rechte. Die Propaganda in der Presse wurde mit Feindseligkeit gegenüber Einwanderern geschürt, und nach dem Votum fühlten sich einige gar dazu befugt, ausfällig zu werden gegenüber Ausländern. Es ist ­widerlich. Aber völlig voraussehbar.

Ist die britische Jugend zu genügsam, um abstimmen zu gehen?
Überhaupt nicht. Es ist das Resultat davon, dass man von den Älteren zu hören kriegt: «Politik ist das, was wir tun – wenn ihr wollt, könnt ihr zuschauen.» Politik wird präsentiert als etwas, das sich in Parlamenten abspielt, und selten als etwas, an dem die Leute teilhaben. Als Publikumssport, einfach langweiliger als Fussball. Viele junge Leute engagieren sich in den sozialen Medien, im Netz. Sie schreiben keine Leserbriefe, rufen nicht die BBC an. Sie werden auch nicht interviewt von der BBC.

«Die Politik der Labour-Partei? Die Bosse müssen zuerst Profite machen, bevor es für die anderen etwas zu holen gibt.»

Wo steht die britische Linke nach dem Brexit?
Die Einsätze sind gewaltig. Dringend ist derzeit, dass wir den Labour-Chef Jeremy Corbyn gegen die Attacken der Rechten schützen. Er geniesst eine starke Unterstützung der Basis, aber die Konservativen werden alles tun, um ihn rauszuschmeissen. Denn: Würde er an der Macht bleiben und sich wirksam organisieren, dann hätte man eine Labour-Partei, die tatsächlich die Interessen der Arbeiterschaft vertritt. Das war sie noch nie. Die grundlegende Philosophie dieser sozialdemokratischen Partei war immer: Die Bosse müssen zuerst Profite machen, bevor es für die anderen etwas zu holen gibt.

Grossbritannien hat mit Theresa May wieder eine konservative Premierministerin. Weckt das bei Ihnen ungute Erinnerungen?
Das Geschlecht spielt keine Rolle. May wird im Dienst des Kapitals handeln, so wie Margaret Thatcher das getan hat. Und so wie Tony Blair es getan hat, als die herrschende Klasse einen Politiker brauchte, der sich fürs Kapital einsetzt.

Sie drehen seit vielen Jahren engagierte Filme über die britische Unterschicht. Kommt Ihnen der Sozialrealismus des guten Herzens manchmal vor wie eine Fantasie?
Nein, der Sozialrealismus kann per Definition keine Fantasie sein. Weil er die Beobachtung dessen ist, wie die Dinge sind. Falls es wirkt wie eine Fantasie, beobachtet man nicht richtig. Beobachtung soll erreichen, dass die Wahrheit für sich selbst sprechen kann.

Ich musste nur an Ihren neuen Film «I, Daniel Blake» und seinen Helden denken, einen arbeitslosen Zimmermann, der eine Freundschaft pflegt mit seinem jungen schwarzen Nachbarn. Es wirkt nun fast wie ein Traum.
So etwas sieht man in Grossbritannien jeden Tag. Gehen Sie einmal an die Labour-Treffen, die Gewerkschaftstreffen, die Gemeindeversammlungen. Dort sieht man, wie sich die Leute vermischen. Das ist eine Realität des Alltags, insgesamt leben die Menschen ja sehr zufrieden zusammen. Eine Fantasie ist das nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 17:41 Uhr

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Ken Loach
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Im Juni wurde er 80, und noch immer mischt sich der britische Regisseur von «Kes», «Riff-Raff» oder «Looking for Eric» mit klaren Worten ein. «I, Daniel Blake» wurde jüngst in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt. Das Drama um einen Arbeitslosen stellt er am 11. August am Filmfestival Locarno auf der Piazza Grande vor. Kinostart ist im Oktober.

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