Hai statt Shark

Filme in der Originalfassung geraten auch in der Kinostadt Zürich unter Druck. Junge Leute freuts.

Disney Schweiz zeigte den Thriller «The Shallows» mit Blake Lively ausschliesslich in der synchronisierten Fassung. Foto: Sony Pictures

Disney Schweiz zeigte den Thriller «The Shallows» mit Blake Lively ausschliesslich in der synchronisierten Fassung. Foto: Sony Pictures

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«Ein ganzes halbes Jahr», was das wohl für ein Film ist? Die zwei eleganten Damen stehen an einem Werktag vor dem Arena-Multiplex in Sihlcity, trotz Hitze füllt sich das Foyer hinter ihnen rasch. Das Plakat verspricht irgendeine Romanze, erst später findet man heraus, dass es sich dabei um die Schnulze «Me Before You» handeln muss. Im Corso läuft sie auf Englisch, im Abaton und im Arena auf Deutsch. Derselbe Film, zwei Titel, zwei Welten. Die Damen bevorzugen die synchronisierte Fassung, man verstehe alles besser und müsse nicht «mühsam Untertitel lesen».

Sie sind nicht allein: Die Statistik des Branchenverbands Procinema verzeichnet beim Marktanteil der Synchron­fassungen zwischen 2003 und 2015 einen Anstieg um rund 11 auf 56 Prozent. Allerdings wird dabei auch ein deutschsprachiger Film wie «Honig im Kopf» als Originalversion (OV) gezählt. Zieht man solche Filme ab, die naturgemäss keine Untertitel brauchen, kommt man laut der Fachzeitschrift «Cinebulletin» zwischen 2003 und 2014 in der Deutschschweiz auf einen Rückgang bei den Besuchern von Originalversionen von fast einem Viertel.

Kinobesucher-Umfrage in Zürich. Video: Pascal Blum und Lea Blum

Der Trend hält an, die Stichprobe vor dem Arena-Kino belegt die Zahlen: Vier Befragte haben lieber Deutsch, drei Original, einer schwankt. Während Liebhaber die Nase über lausige Übersetzungen und schiefe Sätze rümpfen, ganz zu schweigen von der Unart, den Schauspielern die Stimmen wegzunehmen, steigt die Nachfrage nach Synchron­kopien. Oder liegt es am Angebot?

Beim Besuch in Sihlcity laufen von 25 Filmen nur 3 in OV: «Suicide Squad», «Jason Bourne» und «The Secret Life of Pets». Kinobetreiber und Filmverleiher schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu: «Grundsätzlich bestimmt der Verleiher, ob wir die originale Kopie, die synchronisierte oder beide zeigen können», sagt Philippe Täschler, CEO der ­Kinokette Kitag. «Welche Version gezeigt wird, entscheidet das Kino», sagt Patrick Becker vom Verleiher Warner Bros. «Die Kinos signalisieren uns, welche Fassung sie letztlich spielen wollen», so Universal-Geschäftsführer Emin Soysaler.

Keine Quote für Originale

Tatsache ist: Seit Filme auf Festplatte an Kinos geliefert werden, finden die synchronisierte und die originale Version meist auf demselben Speichermedium Platz. Zudem muss man nur ein Masterfile untertiteln und nicht mehr jede Filmkopie. Trotzdem ist parallel mit der Digitalisierung des Kinos auch die Anzahl der Synchronkopien gestiegen, in Zürich gab es diese bis in die 90er-Jahre selbst bei Blockbustern praktisch nicht. In der Regel entscheiden heute die Kinobetreiber, welche Fassung sie spielen; in der Innenstadt ist es eher OV, in Multiplexkinos eher Deutsch. Wobei auch Soysaler von Universal bestätigt: «Wir haben im Laufe der vergangenen Jahre festgestellt, dass die Synchronfassungen bessere Umsätze erzielen als die Originalversionen mit Untertiteln.»

Wie lange ein Film in Originalfassung läuft, darüber entscheiden die Besucherzahlen und der wöchentliche Verdrängungskampf der Neustarts, so Täschler. Es gebe aber keine Quote, die ein OV-Film erreichen müsse, damit er nicht aus dem Programm fliege. Kommt hinzu, dass Disney Schweiz jüngst den Thriller «The Shallows» ausschliesslich synchronisiert herausgebracht hat. «Da sind uns die Hände gebunden», sagt Täschler. «Lanciert man einen Film nur Deutsch, heisst das: Man glaubt nicht an die Zielgruppe über 25.» Disney sieht das wahrscheinlich auch so, aber der Verleiher sagt nichts zu seiner Geschäftspolitik.

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«Original ist echter»

Die These, dass nur Teenager Filme auf Deutsch sehen wollen, ist vor dem Arena-Kino nach zehn Minuten widerlegt: Auch ältere Zuschauer schätzen es, im Kino nicht Untertitel lesen zu müssen, und Jugendliche kommen extra wegen der Originalsprache. «Ich hasse es, wenn es übersetzt ist», sagt die 16-jährige Harini. Läuft ein Film nur Deutsch, würde sie ihn sich aber trotzdem ansehen, «weil ich Filme liebe». «Original ist echter, sonst merkt man, dass es gespielt ist», sagt Nithurja (20).

«Suicide Squad» hat sie sich nur deshalb synchronisiert angesehen, weil ihr Freund «nicht so recht» Englisch verstehe. So auch die 20-jährige Vivian: «Deutsch ist einfacher, weil man etwas mitbekommt und sich nicht auf die Untertitel, sondern aufs Bild konzentrieren kann. Ich lese auch praktisch keine Bücher.» Der 13-jährige Leandro («Teenage Mutant Ninja Turtles 2») schaut sich Englischsprachiges höchstens mal auf Youtube an. «Im Kino ist Deutsch besser, weil es sonst zu lange dauert, bis man realisiert, worum es geht.» Das «Risiko», einen untertitelten Film zu schauen, würde er aber trotzdem einmal eingehen.

Kinokultur üben

Was eine gute Nachricht wäre für Beat Käslin, Geschäftsführer der Arthouse­-Kinos. In seinen Sälen hat er kurze Werbespots des Studiofilmverbands geschaltet, die das Kolorit von englischen oder finnischen Originalstimmen preisen. Seine Sorge: Wächst eine Generation mit synchronisierten Filmen auf, verlernt sie das Untertitellesen. «Später verändert sich vielleicht auch der Geschmack, aber dieses Publikum wird dann keine Originalversionen sehen wollen.» Diese Art von «Kinokultur» habe es gar nie eingeübt. «Es gibt so etwas wie einen Kulturanspruch, man will einen Film im Kino nicht verstümmelt sehen.»

Auch wenn die digitalisierte Welt viele Optionen bietet, wachsen Jugendliche heute in einer synchronisierten Zeit auf: Die «Jason Bourne»-Reihe hätten sie vielleicht im Fernsehen oder auf DVD gesehen, in beiden Fällen aber auf Deutsch, so Täschler. Diese Erfahrung verlängere sich ins Kino: Wenn ein neuer Teil der Action-Serie anlaufe, würden die Jungen die deutsche Kopie sehen wollen, während die Älteren die Originalversion bevorzugten. «Würde man ‹Star Wars› nicht synchronisiert zeigen, würde man heute einen grossen Teil des Publikums schlichtweg ausgrenzen.»

Umgekehrt vergrault die Zunahme von Synchronkopien die Anhänger eines intelligenten Mainstreams, die einen Science-­Fiction-Film wie «Interstellar» auf Englisch schauen wollen, sich aber sputen müssen, um die OV nicht zu verpassen – es ist jener nicht unwichtige Teil des Publikums, der zwischen Blockbuster und Studiofilm pendelt und auch im Kommerziellen nach Visionen sucht.

Sprache lernen

Die Treiber der Entwicklung aber, so hört man aus der Branche, seien die Multiplex-Teenies, die «mit dem Lesen Mühe» hätten, wobei auch der «Migrationshintergrund» hinzukomme. Auf gut Deutsch heisst das: Dieselben Kinos und Verleiher, die mit Synchronkopien immer mehr Umsatz machen, heucheln ein Engagement fürs Original und treten bei ihrem eigenen Publikum nach unten durch. Die Kulturtechnik des Untertitellesens nämlich wird längst durch eine andere Kulturleistung kompensiert: Deutsch zu lernen. Gerade für die, die nicht in einem Bücherhaushalt aufgewachsen sind oder sich Deutsch überhaupt erst aneignen mussten, ist es selbstverständlich geworden, Filme in der Sprache zu schauen, die sie mit der Teilhabe an der Gesellschaft verbinden.

«Deutsch ist meine Sprache», sagt die 17-jährige Céline vor dem Arena. Neben ihr gehen viele Jugendliche ins synchronisierte Kino an diesem Abend. Über die Sprache sind sie angekommen in einer Gemeinschaft und einer Filmkultur, die nicht immer offen war für alle. Denn das ist keine Geschichte von zwei Welten. Es ist die einer gemeinsamen Welt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2016, 08:28 Uhr

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