Fischer fordern mehr Abwasser in den Seen

Die Berufsfischer fangen immer weniger Fische. Am Bodensee hoffen sie nun, dass die Umweltbehörden mehr Phosphat aus den Kläranlagen einleiten.

Der Bodensee hat wieder den naturnahen Zustand erreicht – die Fischer sehen das als Nachteil. Foto: Anzenberger Agency

Der Bodensee hat wieder den naturnahen Zustand erreicht – die Fischer sehen das als Nachteil. Foto: Anzenberger Agency

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Diesen Sommer hat Reto Leuch so viele gut genährte Felchen aus dem Bodensee gezogen wie schon lange nicht mehr. Dies ist ein Lichtblick für den Berufs­fischer aus dem thurgauischen Landschlacht, der in der dritten Generation seiner Familie auf den See fährt und in den letzten zehn Jahren einen massiven Rückgang der Erträge erlebt hat. Leuch, Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbandes (SBFV), bringt die reiche Ausbeute mit dem diesjährigen Hochwasser in Verbindung, mit dem mehr Nährstoffe in den Bodensee gelangt seien.

Seit Jahren beklagen die Fischer den geringen Nährstoffgehalt der Schweizer Seen und die rückläufigen Fänge der beliebten Speisefische Egli und Felchen. Längst kann die Nachfrage nicht mehr mit einheimischen Fischen gedeckt werden. Als Hauptursache machen die Fischer den aus ihrer Sicht zu tiefen Phosphorgehalt in den Seen aus, der für das Algenwachstum entscheidend ist. Die Trendwende brachten das Phosphatverbot in den Waschmitteln von 1986 und die Steigerung der Reinigungsleistung der Kläranlagen, die heute bis zu 95 Prozent des Phosphors aus dem Abwasser herausholen. Eindrücklich zeigt sich dies am Bodensee, wo die Phosphor­konzentration Ende der 70er-Jahre fast 90 Mikrogramm pro Liter betrug. Mittlerweile liegt sie bei 6 bis 7 Mikrogramm, womit der Bodensee ähnlich nährstoffarm ist wie die Alpenrandseen.

Grafik: Weniger Phosphor und rückläufige Fischfänge im BodenseeZum Vergrössern klicken.

Der Bodensee hat damit wieder den naturnahen Zustand erreicht, den er bis Anfang der 50er-Jahre hatte. Aus Sicht der Umweltbehörden ist das ein grosser Erfolg. Die Berufsfischer sehen das etwas anders. Auf dem Höhepunkt des Phosphorberges Anfang der 80er-Jahre zogen sie pro Jahr bis zu 1800 Tonnen Fisch aus dem Bodensee, letztes Jahr waren es noch 260 Tonnen. In anderen Seen war die Entwicklung ähnlich. Die Fischer wollen nun die Umweltbehörden dazu bringen, die Reinigungsleistung der Kläranlagen zu drosseln. Für den Berufsfischerverband ist in den Seen die Untergrenze bei 10 Mikrogramm Phosphor erreicht. «Darunter bricht der Fischereiertrag zusammen», sagt Leuch. Am Bodensee starteten die Fischer eine Kampagne: «Rettet den Bodensee – ein Juwel hungert».

«Die Natur macht es uns vor»

Die kantonalen Gewässerschutzfachstellen sowie das Bundesamt für Umwelt (Bafu) lehnen jedoch ein Herumschrauben an den Abwasserwerten ab. 2012 scheiterte im Parlament ein Vorstoss des Berner BDP-Ständerats Werner Luginbühl, der im Brienzersee einen Versuch mit erhöhten Phosphoreinträgen starten wollte. Der Brienzersee hat einen der tiefsten Phosphorwerte der Schweiz erreicht. Fische finden kaum mehr Nahrung, Berufsfischerei ist nicht mehr möglich. Der Verband hofft, dass beim Bafu aufgrund der schwierigen Lage der Zunft nun doch ein Umdenken stattfindet. Anlass zur Hoffnung gibt ein Bericht, den das Bafu im Auftrag des Nationalrats zurzeit erstellt. Im Bericht soll neben der Gewässerqualität auch die Situation der Fischer beleuchtet werden.

Die Berufsfischer fordern wissenschaftlich begleitete Pilotversuche für den Boden-, den Vierwaldstätter- und den Brienzersee. Die Phosphorelimination in den Kläranlagen soll wieder aufs gesetzliche Minimum von 80 Prozent heruntergefahren werden. Leuch hält solche Versuche für unbedenklich und verweist auf die nährstoffreichen Wasserzuflüsse dieses Frühsommers. «Die Natur zeigt uns vor, dass dabei nichts kaputtgehen kann.» Am liebsten hätten es die Fischer, wenn für die Seen ein unterer Phosphorgrenzwert festgelegt würde. Die Fischer wollten nicht mehr zu einem Wert wie vor 30 Jahren zurück, sagt Leuch. «Wir wären schon mit etwa 12 bis 15 Mikrogramm Phosphor zufrieden.»

Für das Bafu kommt die Abkehr vom Ziel möglichst sauberer Gewässer nicht infrage, um die Fischerträge zu steigern. Denn Seen seien keine Landwirtschaftszonen. Eine Erhöhung des Phosphateintrags sei nicht im Sinne des Gewässerschutzes, sagt Manuel Kunz von der Sektion Wasserqualität. Ziel des Gewässerschutzgesetzes sei, die Verunreinigungen so weit wie möglich zu minimieren. Zwar schreibt die Verordnung explizit nur vor, dass in der Kläranlage mindestens 80 Prozent des Phosphats eliminiert werden. Doch soll darüber hinaus möglichst alles getan werden, um Verunreinigungen zu verhindern.

Felchenertrag steigt zum Teil

Kunz bezweifelt, dass allein schon das Hochwasser dieses Jahres einen Einfluss auf die Fangerträge am Bodensee hat. Die Beobachtung der Fischer könne kein Beleg sein, dass eine saisonale Erhöhung der Phosphoreinträge die Fangerträge steigere. Es gebe nicht unbedingt weniger Fische in den Schweizer Seen, aber weniger Felchen und Egli, sagt Kunz. «Die Fangerträge entsprechen heute dem, was der See vor der Überdüngungsphase hergegeben hat.»

Für den Rückgang der Fangerträge im Bodensee könnten zudem noch andere Faktoren eine Rolle spielen wie der hohe Bestand an Stichlingen. Das sind Fische, die den Laich der Felchen fressen. Das Bafu verweist darauf, dass im Genfersee die Felchenfänge seit Jahren steigen, obwohl sich die Phosphorkonzentration der Grenze von 10 Mikrogramm nähert. Auch im Zürichsee weist die langjährige Statistik nicht auf einen Rückgang der Fangerträge von Felchen hin, trotz saisonaler Schwankungen. Allerdings liegt der Phosphorwert im Zürichsee zwischen 10 und 20 Mikrogramm.

Ein Phosphorversuch, wie von den Fischern gefordert, wäre riskant, sagt Kunz. «Wir wissen nicht, wie der See reagiert.» Möglicherweise könnten unerwünschte Effekte eintreten, etwa dass sich die Stichlinge noch mehr vermehren und die Felchenbestände gefährden. Zudem steigen wegen des Klimawandels langfristig die Wassertemperaturen, was den Austausch zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser erschwert und die Sauerstoffversorgung gefährdet. Auch deshalb wäre es laut Bafu falsch, die Seen wieder stärker zu düngen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2016, 21:40 Uhr

Phosphor

Überdüngte Seen ersticken

Das letzte richtig fette Jahr für die Schweizer Berufsfischer war 1992. Damals gingen ihnen 3922 Tonnen Fisch in die Netze. Heute sind es deutlich weniger als 2000 Tonnen. Die Kehrseite der Medaille war, dass die meisten Seen bis Anfang der 90er-Jahre massiv mit Phosphor überdüngt waren, der aus Waschmittel, Fäkalien und Landwirtschaftsdünger stammte.

Je mehr Phosphor im Wasser, desto üppiger wachsen die Algen (Phytoplankton), die die Nahrungsgrundlage für Wasserflöhe (Zooplankton) sind. Diese wiederum dienen den Fischen als Nahrung. Entsprechend viele Fische hat es in nährstoffreichen Gewässern.

Das Algenwachstum hatte aber zur Folge, dass viele Seen zu ersticken drohten. Denn im Herbst sinken die abgestorbenen Algen in die Tiefe, wo der Algenabbau den Sauerstoff aufzehrt. Zu wenig Sauerstoff verhindert, dass Fische in der Tiefe laichen und sich fortpflanzen. Einige kleinere Seen mussten künstlich belüftet werden. Der Bund verweist darauf, dass erst die Hälfte der grösseren Schweizer Seen wieder mit genug Sauerstoff versorgt ist. (br)

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