Fünf Sterne, leider pleite

Häuser und Hotels werden in Griechenland zwangsversteigert. Ein Tag bei Gericht zeigt, dass oft mehr unter den Hammer kommt als nur Konkursmasse.

Deprimierend deutliche Mitteilung am Tor eines Hotels in Athen: «Für immer geschlossen.»  Foto: Yannis Behrakis (Reuters)

Deprimierend deutliche Mitteilung am Tor eines Hotels in Athen: «Für immer geschlossen.» Foto: Yannis Behrakis (Reuters)

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Der grosse Zeiger der Wanduhr springt auf die Zwölf. Es ist Punkt 16 Uhr. Die hellbraune Holztür zu Saal 7 am Amtsgericht Athen öffnet sich. Es beginnt die Stunde zwischen Hoffen und Bangen. Notarin Irini Vassilikaki nimmt an der Stirnseite des Saales Platz, auf dem Stuhl, auf dem sonst die Richter sitzen. Die Männer und Frauen in dicken Winterjacken, die nach ihr in den Raum drängen, besetzen alle anderen Plätze, auch jene für die Verteidiger und die für die Staatsanwälte. Im Gerichtssaal sieht es jetzt aus wie bei einer Betriebsversammlung in einer zu kleinen Kantine.

Mitarbeiter hoffen auf Lohn

Die nächste Stunde lang wird Irini Vassilikaki nur warten, sie wird ab und an in ihren Unterlagen blättern, das feine Brillengestell auf der Nase zurechtrücken. Die Notarin wird die 60 Minuten absitzen, so lange, wie eine Zwangsversteigerung eben dauert. Im Saal werden die Leute ein bisschen tuscheln, viel schweigen, ab und zu lacht auch einer bitter auf. Irini Vassilikaki hält ein paar Seiten dünnes Papier in Händen. Es ist der Bescheid zur Versteigerung des Hotels Athens Ledra, beste Lage im Zentrum der Stadt – und leider pleite.

Anfangsgebot: 47'813'678 Euro und 20 Cent. Da soll noch einer sagen, die Griechen würden es mit dem Geld nicht genau nehmen.

Der Mittwoch ist in Athen der Tag der Zwangsversteigerungen. Das Amtsgericht ist ein kantiger, kühler Bau. Im Foyer haben Justizangestellte einen Weihnachtsbaum aufgestellt und mit Kugeln behängt. Feststimmung: gleich null.

Zum Versteigerungstermin sind viele einstige Hotelmitarbeiter gekommen, sie füllen das Foyer und hoffen darauf, endlich ihre ungezahlten Löhne zu erhalten. Zu ihnen hat sich eine illustre Protestgruppe gesellt, die mit Sprechchören und Plakaten Stimmung gegen die Banken macht. Die griechischen Banken sind nun, im sechsten Jahr der Krise, im Besitz Zehntausender Immobilien, weil viele Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Die Banken würden diesen Besitz gern wieder los – und finden kaum Käufer. Die Protestgruppe wird angeführt von einem Augenarzt in Allwetterjacke. Die Aktivisten sind vielen Griechen aus dem Fernsehen schon bekannt. Denn sie helfen sonst gerne dabei, Stromzähler einfach wieder anzuschliessen, wenn der staatliche Energiekonzern die Leitung wegen zu hoher Schulden abgeklemmt hat.

Vizeminister auf der Bühne

Auch die Politik fehlt nicht auf der MiniBühne im Gericht: Dimitris Stratoulis steht auf der Seite der von Enteignung bedrohten Bürger. Er war für ein paar Monate Vize-Arbeitsminister unter dem linken Premier Alexis Tsipras. Der hatte den Griechen einst versprochen, sie müssten nicht fürchten, das Haus, in dem sie selbst wohnen, an eine Bank zu verlieren. Dies gilt nun aber nicht mehr für alle. Dimitris Stratoulis ist daher zu den Verlierern übergelaufen.

Die Zahl der Termine für Zwangsversteigerungen hat sich seit Oktober verdoppelt. Am Amtsgericht sind allein an diesem Mittwoch 21 angesetzt – vollzogen werden jedoch nur wenige. Dafür sorgt auch die Gewerkschaft der Notare. Sie hat ihre Mitglieder dazu aufgerufen, Versteigerungen von Privatwohnungen weitgehend zu boykottieren, bis die Regierung ein Gesetz vorlegt, das die Eigentümer wieder grundsätzlich schützt. So ein Gesetz gab es früher einmal für alle Immobilien, die einen bestimmten Wert nicht überschritten. Doch diese grosszügige Garantie hat der hoch verschuldete Staat unter dem Druck seiner internationalen Geldgeber stark eingeschränkt.

So sichern also vorerst Irini Vassilikaki und ihre Notarskollegen mit ihrem Streik die Rechte der Hauseigentümer. Der Regierung sei das gar nicht so unrecht, sagen Anwälte.

Nicht nur vielen Schuldnern fehlt das Geld für ihre Kredite, es fehlt auch an Kaufinteressenten für die Pleite-Immobilien.

Der Fall des Ledra-Hotels liegt jedoch anders. Hier warten 230 Angestellte auf ihr Geld. Deshalb arbeitet Irini Vassilikaki heute, mit ausdrücklicher Erlaubnis ihrer Gewerkschaft. Es ist schon der vierte Versteigerungstermin für dieses Objekt. Denn: Nicht nur vielen Schuldnern fehlt das Geld für ihre Kredite, es fehlt auch an Kaufinteressenten für die Pleite-Immobilien. Bis 17 Uhr haben Interessenten auch an diesem Mittwoch Zeit, in den Saal Nummer 7 zu kommen. Sie müssten dort dann nur Irini Vassilikaki einen Umschlag mit ihrem Gebot übergeben und dazu ein Schreiben ihrer Bank, wonach sie auch zahlungs­fähig sind. Wer nicht persönlich bei der Versteigerung in Erscheinung treten will, kann auch am Tag zuvor schon bei der Notarin im Büro vorbeischauen. Von 9 bis 14 Uhr ist sie jeweils für Bieter zu sprechen. Aber es kommt selten jemand vorbei.

Andreas Zissis, Wollpulli und fester Händedruck, schaut immer wieder zur Uhr an der Wand. Manchmal steht er auf, geht ins Foyer und vertritt sich die Beine. Für knapp 48 Millionen Euro kann man das alte Hotel haben, in dem er 25 Jahre lang gearbeitet hat. Er hat die Minibars in den Zimmern kontrolliert. «Mein halbes Leben habe ich in dem Hotel zugebracht», sagt er. Ein Fünfsternhotel mit Blick auf die Akropolis. 315 Zimmer, Pool. «Im Frühjahr war es noch zu 90 Prozent ausgebucht», sagt Zissis. Am 31. Mai informierte das Management die Gäste, dass sie in andere Hotels umziehen müssten. Der Eigentümer konnte die Schulden nicht mehr begleichen. Die Firma schuldet Zissis 7000 Euro.

Verwerten, was noch da ist

Irini Vassilikaki betreibt eine Art Abbrucharbeit, sie muss das wenige verwerten, das den Leuten geblieben ist. Sie kann sich in die Lage der Schuldner versetzen, sie macht den Job seit 40 Jahren. Sie versteht Zissis’ Enttäuschung. Sie kann auch den Zorn von Maria Orfanou nachvollziehen, deren 86-Quadratmeter-Wohnung ebenfalls ein Fall für den Zwangsversteigerer geworden ist.

Die Leute verlieren ihre Häuser, die Schulden bleiben. Die Bank macht auch kein Geschäft – es gibt nur Verlierer.

Maria Orfanou steht draussen bei den Demonstranten, die rufen: «Kein Haus in den Händen einer Bank.» Sie hatte für den Kredit ihres Bruders gebürgt, der sich mit einer Autovermietung selbstständig machte. Es ging um 60'000 Euro. Dann ging es dem Bruder wie vielen anderen in der Krise: Er verlor sein Geschäft und konnte die Raten nicht zahlen. Die Zwangsversteigerung hilft vielen dann nicht mehr aus der Schuldenfalle. Die Immobilien sind heute teils nur noch halb so viel wert wie vor der Krise. Am Ende sind die Leute ihre Häuser los und trotzdem hoch verschuldet. Die Bank macht auch kein gutes Geschäft. Es gibt nur Verlierer.

Es ist jetzt kurz vor 17 Uhr. Irini Vassilikaki sagt: «Ich frage zum ersten Mal.» Dann wiederholt sie: «Ich frage zum zweiten Mal. Ich frage zum dritten Mal.» Kurze Pause. Nichts. Die Versteigerung ist geschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2016, 20:25 Uhr

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