Ganser-Arena: Moderator Projer machte sich unglaubwürdig

Neutralität und Selbstkritik wären die Rezepte für eine taugliche Arena-Sendung gewesen.

Waren sich in der Sendung nicht einig: Historiker Daniele Ganser und Moderator Jonas Projer (rechts im Bild). Foto: Printscreen

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«Wenn Politik als (Macht-)Spiel inszeniert wird und die Akteure als Gewinner und Verlierer dargestellt werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur das Vertrauen in die Politik, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Medien beschädigt wird.» Dieses Fazit zieht der Forschungsdienst des Ersten Deutschen Fernsehens ARD aus der Analyse bedeutender, weltweiter Untersuchungen und Befragungen über die Auswirkungen von spektakulären Polit-Talks.

Und weiter folgert der Dienst aus dem renommierten Edelman Trust Barometer New York 2016: «Die Fokussierung auf Taktik und Strategie, Gewinnen und Verlieren sowie auf den Kampf um Macht in der politischen Berichterstattung führt zu einer Spirale von politischem Zynismus und Desinteresse, die sich gegenseitig verstärken.»

 Der US-Präsident wirft den Medien vor, was er selber Tag für Tag leidenschaftlich über Twitter tut: Lügen verbreiten.

«Voilà» wäre man geneigt zu sagen, wenn man die Sendung «Arena» vom letzten Freitag auf SRF 1 gesehen hat. Der Medienmanager Roger Schawinski, die Telebasel-Chefredaktorin Karin Müller, der SVP-Nationalrat Claudio Zanetti und der Historiker Daniele Ganser diskutierten über das Thema: «Wie glaubwürdig sind die Medien?». Donald Trump hatte zuvor den Medien in seinem Land den Krieg erklärt, renommierten Journalisten und Medien den Zugang ins Weisse Haus verweigert und sie als «Feinde des amerikanischen Volkes» bezeichnet. Der US-Präsident wirft den Medien vor, was er selber Tag für Tag leidenschaftlich über Twitter tut: Lügen verbreiten. Die «Arena» stellte die Fragen: Gibt es Gründe, den Medien zu misstrauen? Oder sind die Medien wichtiger denn je, um Trumps Lügen aufzudecken?

Faktencheck während der Sendung

Zuerst kam es zwischen Schawinski und Zanetti zu einem wilden Schlagabtausch, der immer lauter und unverständlicher wurde. Ab und zu schaltete sich auch Karin Müller ein und lobte Telebasel als Regionalsender. Und dann stellte Moderator Jonas Projer beinahe aus heiterem Himmel den «umstrittenen» Historiker Daniele Ganser als Verschwörungstheoretiker an den Pranger. Projer sagte, Ganser gehe mit der Wahrheit sehr locker, ja, seltsam um. Dieser schreibe, die Sendung «Einstein» habe die Forschung zum Einsturz des WTC 7 in New York als Verschwörungstheorie abgetan und nicht aufgeklärt, sondern diffamiert. In einer Mail an die «Einstein»-Redaktion habe Ganser aber eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen und geschrieben, dass der Beitrag «sachlich» und «fair» gewesen sei. Jonas Projer zeigte nur diesen Satz, nicht aber den nächsten, was aus seiner Sicht auch nicht nötig war. Hier sei er zum Verständnis nachgeliefert: «Den Mix mit ‹Klimalüge› und Protokolle hingegen fand ich schlecht.»

Jonas Projer liess Markus Spillmann das ganze Mail dann doch noch laut vorlesen. Er ist Präsident des Schweizerischen Presserates und wurde als Experte in die Sendung eingeladen. Ganser sah seine Reputation als Historiker gründlich in Zweifel gezogen. Er ging auf Projer los und fragte ihn: «Ich habe eine Dissertation geschrieben, und Sie?» Projer schluckte leer und versuchte der Frage auszuweichen, indem er gar nicht darauf einging. Der Moderator liess aber nicht locker, er wollte Ganser blossgestellt wissen und als Verlierer vorgeführt haben. Immerhin: Erstmals vollzog er in der laufenden Sendung einen Faktencheck, der immer wieder gefordert wird und bis jetzt ausblieb. Geht doch!

Neutrale Moderatoren am glaubwürdigsten

Die Analyse der weltweiten Untersuchungen der politischen Berichterstattung (Nachrichtensendungen, Magazine, Talkshows) durch den ARD-Forschungsdienst lieferte auch die Antwort auf die Frage «Wie erreicht ein Moderator die höchste Glaubwürdigkeit?». In einem Experiment wurden repräsentativen Testpersonen eigens hergestellte Talk-Sendungen zur Flüchtlingsfrage vorgeführt, zuerst mit einem neutralen, dann mit einem liberalen und zuletzt mit einem konservativen Gesprächsleiter. Das Verdikt war eindeutig: Der neutrale Moderator erzielte in der anschliessenden Befragung die höchste Glaubwürdigkeit. Und interessant ist laut Bericht der Zeitschrift «Media-Perspektiven», dass die Glaubwürdigkeit in der Beurteilung nur wenig sank, wenn der Moderator parteiisch war, dabei eine Meinung vertrat, die kongruent zur Meinung des Befragten war. Das genau Umgekehrte passierte, wenn die Meinung des Moderators der Meinung des Befragten widersprach: Der Moderator wurde von diesem als sehr unglaubwürdig eingeschätzt.

Erstmals vollzog er in der laufenden Sendung einen Faktencheck, der immer wieder gefordert wird und bis 
jetzt ausblieb. 

Eines ist in dieser Arena leider nicht zum Ausdruck gekommen: Selbstkritik. Lediglich ein eingeladener Zuschauer wies andeutungsweise darauf hin, dass vielen Journalisten und vielen Redaktionen heute die historischen Bezüge und die geschichtlichen Kenntnisse fehlten. Das meiste wird heute sofort und lediglich situativ eingeordnet, ohne historische Bezüge und ohne Kenntnisse darüber, wie es zu dem oder zu jenem kam. Einzig Roger Schawinski liess ab und zu sein Wissen aufblitzen: Er konnte Rückbezüge vollziehen, vermeintliche Fakten korrigieren und Tatsachen benennen. Tatsächlich: Seriosität tut den Medien gut, sie können Glaubwürdigkeit daraus gewinnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2017, 19:02 Uhr

Anton Schaller ist Journalist, Unternehmer und VR-Präsident der Seniorweb AG. Früher leitete er die «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens und Polit-Talk-Sendungen von SRF. Ausserdem war er LdU-Nationalrat. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

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