Im Wirtshaus zur toten Zeit

Treffen sich acht Fieslinge im Saloon: Mit «The Hateful Eight» hat Quentin Tarantino einen Kammerwestern inszeniert – mit gewohnt viel Raum für Blut.

Bis wir in Samuel L. Jacksons Augen schwimmen und im Text versinken: Tarantino setzt in seinem neuesten Film auf Grossaufnahmen in Breitbild und lange Reden. Foto: Cooper

Bis wir in Samuel L. Jacksons Augen schwimmen und im Text versinken: Tarantino setzt in seinem neuesten Film auf Grossaufnahmen in Breitbild und lange Reden. Foto: Cooper

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Im Filmglossar des Kritikers Roger Ebert steht es unter F: «Fallacy of the Talking Killer», der Unsinn des redenden Mörders. Gemeint ist der Moment im Kino, in dem ein Schurke mit der Waffe im Anschlag so lange seine Motive erörtert, bis der Held einen Ausweg aus der Situation findet. Quentin Tarantino bietet in «The Hateful Eight» zwar niemandem mehr einen Ausweg. Aber die Killer, die reden, und wie, und wie lange!

Dieser Regisseur ist heute selbst eine Art Fiesling, der Worte macht: ein Verkünder von Gewalt, der den Moment vor dem Ereignis hinauszögert, bis die Zeit Fäden zieht; «molasses-like», heisst es im Film, als würde man durch Melasse gehen. So kommt man wirklich nirgend hin, aber Tarantino hat anderes im Sinn als den Plot, den er in der Vergangenheit auch gerne einmal zerstückelte. Nicht einmal den Motor der Rache, der in «Inglourious Basterds» und «Django Unchained» die Tyrannei in Rauch aufgehen liess, wirft er richtig an.

Viel Verkehr im Nirgendwo

Er will jetzt einfach Raum und Zeit ausdehnen, so weit, wie es nur geht. Bis wir in den Augen von Samuel L. Jackson schwimmen und versinken in Text und Blut. Deshalb hat er auf 70-Millimeter-Film gedreht. Weniger wegen der Weite der Landschaft, mehr wegen der Close-ups, denn das Breitfilmformat, so Tarantino in einem Interview, helfe dabei, sich in Gesichtern zu verlieren, wodurch sich die Aufmerksamkeit auf das Gesagte richte. Der Unsinn des redenden Künstlers: Wenn Tarantino Dialoge schreibt, braucht es das breiteste Filmformat.

Dabei beginnt «The Hateful Eight» wortlos, mit einer majestätischen Bewegung durchs Schneepanorama im 19. Jahrhundert, kurz nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg. Eine Kutsche pflügt durchs Weiss, sie biegt in eine Kurve, da versperrt einer den Weg. Es ist der Kopfgeldjäger Marquis Warren (Samuel L. Jackson), er hockt auf seinem persönlichen Leichenberg und begehrt Mitfahrt. Im Wagen sitzt John Ruth (Kurt Russell), ebenfalls Kopfgeldjäger und genannt «The Hangman», weil er seine Beute am liebsten am Galgen hängen sieht. An der Kette hat er die Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), eine besonders niederträchtige Braut, wie wir glauben sollen, fast so niederträchtig wie der Hangman selber. Nach einigem Verhandeln wird der Anhalter mitgenommen. In der Kutsche schlägt der Hangman Daisys Nase blutig, und ihre Reaktion, wechselnd von Trotz zu Verführung zu Hass, ist die schönste Landschaft im ganzen Film.

Im Birkenwald nimmt das Gespann einen weiteren Typen auf (Walton Gog­gins), der behauptet, der designierte Sheriff der nächsten Stadt zu sein. Dafür, dass wir durchs Niemandsland fahren, sind recht viele Leute unterwegs – aber das ist ein Witz, den Tarantino bereits in den Dialog eincodiert hat. So arbeitet er mit Vorliebe: erst mit den Augen zwinkern, dann mit der Faust in den Magen schlagen. Ein Sturm zieht auf, die Gruppe macht Rast in Minnie’s Haberdashery, einem Wirtshaus mit Haushaltswarengeschäft, dessen Türe man zunageln muss, damit sie nicht auffliegt im Wind. Hier wartet der Rest des Personals: ein stoischer Cowboy (Michael Mad­sen), ein Südstaaten-General (Bruce Dern), ein Mexikaner (Demian Bichir) und ein gesprächiger Henker (Tim Roth).

So arbeitet Quentin Tarantino: erst mit den Augen zwinkern, dann mit der Faust in den Magen schlagen.

Wir wollen nicht zu viel verraten. Es werden Leute reden, und es werden Leute sterben, in dieser Reihenfolge. Minnie’s Haberdashery ist ausgestattet mit Stühlen und Bänken, mit einer Bar, einem Ofen mit Kaffeekocher und einem Kamin. Wir verbringen die folgenden Stunden in diesem letzten Tchibo vor dem Nirgendwo, es ist im Wesentlichen ein Modell des Westerns, oder eher: seine Auslage. Hier gibts alles Nötige, die Navajo-Decke, das Barpiano, den Saloontresen: Tarantino probt den Western als Versuchsanlage und Schrumpfversion. Dass hier die Requisiten des amerikanischen Ur-Genres als Verkaufsware dargeboten werden, ist eine dieser Tarantino-Pointen, mit denen er die Filmgeschichte auf sich selbst zurückspiegelt. So wie jeder Gag im Gestus des Komplizen daherkommt, mit dem man sich gar nicht unbedingt verschwören will (und wer entdeckt Tarantinos liebste Stuntfrau?).

Nach «Django Unchained» bezieht er sich erneut auf das Kino von Sergio Corbucci und spielt auf jenes von Sam Fuller an. Die andere Referenz ist vermutlich Agatha Christie, lange genug jedenfalls dauert die Episode «Wer hat den Kaffee vergiftet?». Und natürlich spielt der Western im Hallraum einer US-amerikanischen Gegenwart, die den Rassismus ins System eingebaut hat, damit man ihn weniger gut sieht, und in der ein Schwarzer die Waffe in die eigene Hand nehmen muss, um nicht zerdrückt zu werden. Die Sklavenhalter sind besiegt, aber bei Tarantino explodiert der Bürgerkrieg erst danach, im Modellhaften eines Kammerdramas. Die Wunde ist bis heute nicht verheilt, aber was Tarantino uns damit sagen will, geht unter in dem, was geredet wird.

Hier agiert eine Reihe von fantasiebunten Aufklappfiguren aus dem moralischen Zwielicht, und alle haben sie ihren Monologmoment am Bühnenrand. Kurt Russell ist ganz Feldherrenbackenbart und Sadismusgenuss; Samuel L. Jackson ein gefährlich geladener Showmaster aus Selbstschutz: Der «Nigger» wirft sich auf, bevor man ihn unterwirft. Dazwischen, als Boxsack und Zeitbombe: Daisy Domergue.

Gewohnt fies, aber freudlos

Die andere Welt, auf die Tarantino hinweist, ist seine eigene: «The Hateful Eight» ist auch ein Kurzwarenladen seines Plünderkinos, vom Intrigenreigen in «Reservoir Dogs» über die Schockgewalt von «Pulp Fiction» und die Rewind-Sprünge in «Jackie Brown» bis zu den monumentalisierten Vorträgen in «Inglourious Basterds» und der Geschichtsrevision von «Django Unchained». Alles ein wenig vorhanden, als Zitat des Zitats und als Spirale hinein ins Zeichenspiel ohne Zentrum. Die ausgesucht böse Gewalt ist tatsächlich das Einzige, woran man sich halten kann: Sie steht für sich und hat reale Folgen – so, wie auch Ennio Morricones Breitwandfilmmusik das Geschenk eines Originalgenies ist an einen begnadeten Kopisten.

So hocken wir in der Zeichenhütte, wo die Zeit der Toten herrscht, also die tote Zeit. Wenn Tarantino die Szenen zerdehnt, im Takt variiert und mit Gewalt punktiert, ist es ein Wiederholungskurs in Rhythmuslehre und eine Trickserei mit alten Maschen: gewohnt fies, aber so freudlos wie selten. Bitte, die Grimmigkeit bittet zum Slow Dance auf der Guckkastenbühne des Schreckens. Quentin Tarantino hat sich seine Welt eingerichtet. Jetzt bewohnt er sie nur noch.

Aber er bleibt ein bestechender Rhetoriker: «Keeping you at a disadvantage is an advantage I intend to keep», ruft der Hangman aus der Kutsche. Bill Clinton benutzte denselben Kniff, als er in einer Rede sagte: «People have always been more impressed by the power of our example than by the example of our power.» Und weil in diesem Film auch ein persönlicher Brief von Abraham Lincoln eine Rolle spielt – auch so ein Mann des Wortes –, möchte man sagen: Quentin Tarantino wäre bestimmt ein hervorragender Redenschreiber.


In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Abaton, Arena, Arthouse Alba, Corso, Metropol und Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2016, 18:03 Uhr

Video

«The Hateful Eight», Trailer. Quelle: Youtube

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