Jihad-Reise mit Sozialhilfe finanziert

Adnan B. aus Lausanne reiste 2015 ins «Kalifat» des IS nach Syrien. Heute will er nur noch eines: Zurück in die Schweiz.

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Es war wohl so etwas wie eine Hochzeitsreise. Kurz nachdem die Lausanner ­Adnan B. und Selina S. in der Moschee von Renens VD geheiratet hatten, begannen sie zu sparen. Sie war Jus-Studentin und verdiente etwas Geld in der Migros. Er hatte seine Lehre bei Coop abgebrochen und bezog nun Sozialhilfe.

Weil die beiden noch bei den Eltern lebten, habe er von seinen monatlich 1200 Franken Sozialhilfe etwa 500 Franken für die gemeinsame Reise zurücklegen können, erzählt Adnan B. So sparte er etwa 2500 bis 3000 Franken – für die Reise ins «Kalifat» des Islamischen Staats (IS). Zuerst ging es im Juni 2015 zum Strandurlaub in die Türkei und dann zwei Wochen später nach Syrien.

Es ist zwar heiss, mehr als 40 Grad, aber von Ferienstimmung und Hochzeitsreise ist nichts mehr zu spüren. Im Gefängnis ist Adnan B. hager geworden. Er spricht undeutlich, sucht nach Worten. Sieben Monate harrt er nun schon in einer Haftanstalt der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) irgendwo im Nordosten des Landes aus. Er schlafe pro Nacht nur etwa vier Stunden und sei müde, aber sonst gehe es ihm gut. Wo genau er festgehalten wird und wer seine Zellengenossen sind, darf er nicht verraten.

Mit Bosniern den Koran verteilt

Kurz nach dem Bosnienkrieg sei seine Familie in die Schweiz gekommen, erzählt er weiter. Weder er noch seine Eltern seien besonders religiös gewesen. Zum Islam gefunden hat er in der Moschee von Prélaz in Lausanne. Dort gab es eine bosnischstämmige Salafistengruppe, in der sich Adnan B. offenbar radikalisierte. Zu diesem Zirkel gehörte auch ein bärtiger Bosnier, den die Moschee von Prélaz erst vor wenigen Monaten mit einem Hausverbot belegt hat. Der Grund: Tätlichkeit gegenüber einem Imam. An den Vornamen des aggressiven Moscheegängers erinnert sich Adnan B. gut. Daneben fallen ihm auch die Namen jener Bosnier ein, mit denen er 2014 in Lausanne den Koran für die Aktion «Lies!» verteilt hat. Diese Leute seien eher für al-Qaida gewesen, sagt Adnan B., er selbst sei mit seiner Sympathie für den IS in der Gruppe ziemlich allein gewesen.

Nur an einen jungen Mann, der auf dem Gruppenfoto der Koranverteiler direkt neben ihm kauerte, will sich Adnan B. jetzt nicht mehr erinnern. Zufälligerweise war es der Bruder dieses Mannes, der von Yverdon aus mit einer eigens dafür eingerichteten Website Jihadisten für den IS rekrutierte. Und zufälligerweise war dessen Freund und Kontaktperson beim IS der Waadtländer Damien G., ein Konvertit mit dem Kriegs­namen Abu Suleiman as-Swissri. Ihn hat Adnan B. im Dezember 2017 zuletzt getroffen.

Adnan B. war in IS-Eliteeinheit Tariq Ibn Ziad

Wie ihm ein Foto mit drei Jihadisten gezeigt wird, erkennt er Abu Suleiman alias Damien G. sofort. «Er trägt heute allerdings eine Brille.» Gesehen habe er ihn im Städtchen Hajin, der letzten «Hochburg» des IS auf syrischem Territorium, nahe der irakischen Grenze. Damien G. hatte 2014 ein Foto eines Sprengstoffgürtels ins Internet gestellt. Pikant: Neben Plastiksprengstoff, Stahlkugeln und Handgranatenzünder war darauf auch ein Schweizer Pass zu sehen.

Einen zweiten Schweizer hat Adnan B. nach eigenen Angaben nicht nur im letzten Dezember im eingeschlossenen Hajin, sondern zuvor schon in Mosul und in Raqqa gesehen. Er sagt allerdings, dass er mit dem Mann nicht viel gesprochen habe. Aus drei ihm vorgelegten Fotos zeigt Adnan B., ohne zu zögern, auf jenes von Daniel D., eines Genfer Konvertiten, der gern als Scharfschütze des IS posiert. Sein Kampfname lautet Abu Ilias as-Swissri, er wird von Interpol gesucht, und westliche Geheimdienste halten ihn für den wahrscheinlich gefährlichsten Jihadisten mit Schweizer Pass. Er wurde angeblich auch für Attentate im Ausland trainiert. Es ist unklar, was seither aus Daniel D. geworden ist.

Adnan B. gibt zu, in der Katiba (Bataillon) Tariq Ibn Ziad des IS eingeteilt gewesen zu sein, er beteuert aber zugleich, dass er wegen einer Knie- und Rückenoperation nie gekämpft habe. Die Eliteeinheit, die aus bis zu 300 hauptsächlich aus dem Ausland stammenden Jihadisten bestand, war ebenfalls für Terroranschläge vorgesehen. Ihr Chef, Abdelilah Himich, ein ehemaliger französischer Fremdenlegionär, war laut amerikanischen Angaben in die Planung der Terroranschläge von Paris 2015 und Brüssel 2016 verwickelt. Da Adnan B. zumindest auf dem Papier Himich unterstellt war, kann man die Sorgen der Sicherheitsbehörden verstehen, sollte der Lausanner jemals wieder in die Schweiz zurückkehren.

Rückkehr sorgt für Diskussionen im Bundesrat

Adnan B. behauptet, schon kurz nach seiner Ankunft in Syrien vom IS enttäuscht gewesen zu sein. Er und seine Ehefrau Selina hätten zurück in die Schweiz reisen wollen. Er habe deshalb auch mit einem Polizisten der Waadtländer Kantonspolizei Kontakt aufgenommen. Dies ist eines der wenigen Bruchstücke in der Geschichte, welche die SonntagsZeitung bei Recherchen in der Schweiz bestätigen konnte. Als das Ehepaar in der Region von Mosul lebte, habe der Kantonspolizist geraten, sich in die irakische Kurdenmetropole Arbil abzusetzen. Von dort hätten Adnan und Selina in die türkische Hauptstadt Ankara und zur Schweizer Botschaft fahren können. Das Ehepaar hielt die Route aber für zu gefährlich und entschied sich, via Syrien und mithilfe von Schleusern in die Türkei zu flüchten. Bei diesem Versuch wurden sie Anfang 2018 von Kämpfern der SDF festgenommen.

Ob die Schweiz den Verhafteten helfen soll, hat in Bundesbern zu andauernden Diskussionen geführt. Aussenminister Ignazio Cassis (FDP) und Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP) sind dagegen, während Justizministerin Simonetta Sommaruga und Fedpol-Chefin Nicoletta della Valle sich für die Rückkehr aussprechen. Eingeschaltet hat sich auch die Lausanner Kindesschutzbehörde, denn das Ehepaar hat eine einjährige Tochter, eine gebürtige Schweizerin, die nicht für die Fehler ihrer Eltern büssen sollte. Die kleine Asma lebt mit der Mutter in einem Lager, unweit des Gefängnisses, in dem ihr Vater inhaftiert ist.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 20:48 Uhr

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